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Deutsche berichtet aus Houston
"Diese Stadt hält zusammen, packt an und räumt auf"

Flut in Houston: Deutsche berichtet von einer Stadt, die über sich hinauswächst
Teile von Houston wurden durch "Harvey" überschwemmt (Archiv). FOTO: dpa, joh wie
Houston. Auch Deutsche sind vom Unwetter in Texas betroffen. Claudia Weschler Werner wohnt seit 1989 in Houston. Im Interview berichtet sie von einer Stadt, die über sich hinauswächst – im Gegensatz zum US-Präsidenten. Von Sebastian Dalkowski

Hat es auch Ihr Haus erwischt?

Claudia Weschler Werner Wir haben sehr sehr viel Glück gehabt.  Das Wasser hörte circa 400 Meter vor unserem Haus auf zu steigen. Aber im Büro meines Mannes stand das Wasser 55 Zentimeter hoch. Er ist selbständig, deshalb ist es für uns wichtig, das so bald wie möglich wieder instand zu setzen. Daran arbeiten wir.

Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Weschler Werner Die Tage des Sturms waren sehr beängstigend. Ich konnte keine Nacht schlafen, weil ich Dutzende von Warnungen aufs Telefon geschickt bekam, die mich wach hielten. Außerdem lebe ich sehr nahe am Fluss Cypress Creek, der stark über die Ufer getreten ist. Als das Wasser die unteren beiden Straßen meiner Nachbarschaft erreichte, haben wir jede Stunde nachgeguckt, ob es noch weiter steigt. Wir haben uns topographische Karten angeguckt, um zu sehen, wie hoch unser Haus liegt, und das mit Häusern verglichen, die schon unter Wasser standen. Dann noch der ständige Regen und der viele Wind. Es war nervenzerreißend.

Claudia Weschler Werner mit Sohn Luke. FOTO: Claudia Weschler Werner

Welche Erlebnisse sind Ihnen besonders in Erinnerung?

Weschler Werner 108 Warnmitteilungen aufs Telefon in drei Tagen. Schlaflose, beängstigende Nächte.  Regen, der nie aufhört. Tornado und Flutängste. Wir fühlten uns immer isolierter, denn man kommt aus der Nachbarschaft oder auch nur aus der Straße nicht mehr raus, weil alles überflutet war. Wir sind es gewohnt, dass Houston überschwemmt wird, aber nicht in diesem Ausmaß.  Der Sturm wäre für jede Stadt zu stark gewesen. Es dauert sicher mindestens ein Jahr, bis sich Houston einigermaßen erholt hat. Aber diese Stadt hält zusammen, packt an und räumt auf.

Könnten Sie das genauer schildern?

Weschler Werner Die Stadt Houston ist eine ganz besondere Stadt. Nicht weil sie so schön ist, sondern weil die Menschen, die hier leben, eine unvergleichliche Hilfsbereitschaft zeigen. Nicht nur die Stadt hat überall Notunterkünfte zur Verfügung gestellt, auch viele Geschäfte. Ein Möbelgeschäft hat einfach die Türen geöffnet und den Leuten gesagt: Kommt her und sucht Schutz in unserem Laden, die Verluste sind uns egal. Auch Kirchen und Schulen haben geholfen. Nach dem Sturm begannen die Leute zu spenden, und Freiwillige holten Betroffene mit Booten aus ihren Häusern. Alle, wirklich alle spenden oder helfen oder tun irgend etwas. Wir haben drei Kirchen aufgesucht, um unsere Spenden abzugeben, und alle waren schon am ersten Tag voll! Eine ganze Grundschule ist unter Wasser gewesen, sie hat um Spenden gebeten für die Kinder, die nun in Notunterkünften zur Schule gehen müssen – innerhalb von zwei Tagen hatte die Schule alles, was sie braucht.

Haben Sie auch geholfen?

Weschler Werner Abgesehen von den Spenden mache ich den Babysitter für andere Eltern, da die Schule noch über eine Woche ausfällt, und ich wasche Wäsche für Familien, die noch keinen Strom haben oder deren Haus unter Wasser steht.  Das ist so ziemlich das einzige, was ich anbieten kann, denn mein Sohn hat einen Knöchel im Gips und darf den Fuß nicht belasten.

Wie schlägt sich Donald Trump als Krisenhelfer?

Weschler Werner Er hat eine Million gespendet, sonst hat er nichts getan.

Das Interview führte Sebastian Dalkowski.

 
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