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Vier Überlebende geborgen
Rettungsbemühungen in Haiti kommen langsam voran

Hillary Clinton zum Krisengespräch in Haiti
Hillary Clinton zum Krisengespräch in Haiti FOTO: AFP
Port-au-Prince (RPO). Fünf Tage nach der Katastrophe in Haiti kommen die Rettungsbemühungen allmählich in Gang. Am Wochenende konnten Wasser und Lebensmittel in Port-au-Prince verteilt werden. Mindestens vier Menschen konnten lebend geborgen werden. US-Außenministerin Hillary Clinton besuchte die Krisenregion.

Am Sonntag bargen Rettungskräfte eine 62-Jährige lebend aus den Trümmern eines Hotels der völlig verwüsteten Stadt. Die Frau war dehydriert, aber unverletzt. Am Samstag waren bereits drei Menschen leben gefunden worden. Zur Befreiung der 29-Jährigen Saint-Helene Jean-Louis brauchten amerikanische Retter 30 Stunden, bis sie die Studentin aus den Schuttmassen eines Universitätsgebäudes befreien konnten. Hoffnung auf weitere Überlebende gab es laut Rotem Kreuz mehr als 72 Stunden nach dem Erdstoß kaum noch.

Nach Angaben von Bundesaußenminister Guido Westerwelle wurde ein erstes deutsches Todesopfer geborgen, etwa 30 weitere Deutsche wurden vermisst. Westerwelle kündigte an, Deutschland werde seine Haiti-Hilfe von bislang 1,5 Millionen Euro auf 7,5 Millionen Euro aufstocken.

Die logistischen Probleme seien größer als die nach dem Tsunami in Asien 2004, erklärten die UN. Die haitianische Regierung befürchtet mindestens 100.000 Tote, rund ein Drittel der Bevölkerung sind von den Folgen der Katastrophe betroffen. Ein starkes Nachbeben in Port-au-Prince versetzte am Samstag die ums Überleben kämpfenden Bewohner erneut in Panik. Die Rettungsarbeiten mussten kurzzeitig unterbrochen werden.

Clinton verspricht langfristigen Beistand

Bei ihrem Besuch am Samstag hat US-Außenministerin Hillary Clinton dem Volk von Haiti langfristigen Beistand versprochen. "Wir werden heute, morgen und in Zukunft hier sein", sagte die Ministerin in der Hauptstadt Port-au-Prince. Clinton war von den Eindrücken aus dem Katastrophengebiet, die Rettungsmannschaften ihr übermittelt hatten, sichtlich gezeichnet.

Die Außenministerin sprach auf dem Rollfeld des kleinen Flughafens der haitianischen Hauptstadt, dessen Kontrolle von den US-Streitkräften übernommen wurde, um die Hilfslieferungen zu koordinieren.

"Jeder fragt nach Wasser"

In Port-au-Prince wurde die Lage unterdessen zunehmend verzweifelt. "Die Menschen sind hungrig, jeder fragt nach Wasser", sagte ein Einwohner, Alain Denis. Hilfsorganisationen bemühten sich um die Weiterleitung von Wasser und Lebensmitteln, wurden jedoch immer wieder auf blockierten Straßen aufgehalten. Bei der Verteilung von Essen in einem Fußballstadion prügelten sich rund 200 Jugendliche um die Rationen und warfen Steine.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, das Welternährungsprogramm (WFP) stelle derzeit mehrmals täglich Lebensmittel für etwa 8000 Bedürftige zur Verfügung. "Das ist angesichts der großen Not natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein", räumte er ein.

Die US-Streitkräfte übernahmen die Kontrolle über den Flughafen von Port-au-Prince und koordinieren die Ankunft der Maschinen mit Hilfsgütern. Bis Montag sollen 9000 bis 10.000 US-Soldaten in Haiti oder auf Schiffen vor der Küste im Einsatz sein, wie Generalstabschef Mike Mullen mitteilte.

2000 Leichen auf Müllhalde verbrannt

Auf einem Friedhof vor Port-au-Prince luden Lastwagen Dutzende Leichen in ein Massengrab. Im Süden der Stadt verbrannten Arbeiter mehr als 2000 Leichen auf einer Müllhalde. Die haitianische Regierung erklärte, allein sie habe bereits 20.000 Leichen geborgen. Vermutlich seien mindestens 100.000 Menschen ums Leben gekommen, sagte Ministerpräsident Jean-Max Bellerive der Nachrichtenagentur AP. Unter den Toten ist Ban zufolge auch der Leiter der UN-Friedensmission in Haiti, der Tunesier Hedi Annabi.

Die früheren US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush riefen die US-Bürger zu Spenden für die Erdbebenopfer auf. Es gehe nicht nur um dringend benötigte Hilfe bei den unmittelbaren Folgen der Katastrophe, sondern auch um ein langfristiges Konzept zum Aufbau eines wohlhabenden Haitis, erklärten beide am Samstag in Washington. "Wir haben die Chance, es besser als beim letzten Mal zu machen, ein besserer Nachbar zu sein, als wir bisher waren und dem haitianischen Volk zu helfen, seinen Traum von einer stärkeren, sichereren Nation zu verwirklichen", schrieben sie in einem Offenen Brief, der auf der Webseite der Zeitung "New York Times" erschien.

UN-Sicherheitsrat tritt am Montag zusammen

Der UN-Sicherheitsrat tritt am Montag zu Beratungen über die Katastrophe  zusammen. Das mexikanische Außenministerium in Mexiko-Stadt teilte am Samstag mit, die Sitzung sei auf Initiative Mexikos einberufen worden. "Der UN-Generalsekretär (Ban Ki-Moon) wird an der Sitzung teilnehmen", hieß es in der Erklärung. Das Erdbeben vom vergangenen Dienstag "erfordert eine größere internationale Präsenz unter Koordination der Vereinten Nationen", hieß es ferner.

Senegal bietet kostenloses Land für Obdachlose

Die Regierung im Senegal will den Menschen aus Haiti eine neue Heimat bieten. Wer in das westafrikanische Land "zu seinen Wurzeln zurückkehren" wolle, solle kostenlos Land erhalten, sagte der Sprecher von Präsident Abdoulaye Wade. Der Staatschef selbst erklärte, weil Haiti von Sklaven gegründet wurde, seien die Einwohner Kinder Afrikas und könnten sich im Senegal niederlassen.

Die Regierung stelle ihnen Grundstücke zur Verfügung, "sogar eine ganze Region, das hängt davon ab, wie viele Haitianer kommen", sagte Präsidentensprecher Mamadou Bemba Ndiaye am Samstag. "Wenn es nur ein paar sind, werden wir ihnen vermutlich Wohnungen oder kleine Grundstücke anbieten. Wenn sie in Massen kommen, sind wir bereit, ihnen eine ganze Region zu geben." Das Land für die Haitianer werde selbstverständlich fruchtbar sein, betonte Ndiaye.

Im Senegal ist fast die Hälfte aller Erwachsenen arbeitslos. Präsident Wade wird häufig als Träumer kritisiert, der hochfliegende Projekte verspricht, die aber nichts gegen Armut oder Korruption ausrichten. Andere sehen in ihm einen Staatsmann mit Visionen für den afrikanischen Kontinent.

(apd/AP/AFP)
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