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Polizeischüsse in North Charleston
Augenzeuge wollte die Aufnahmen erst löschen

Walter Scott: Augenzeuge schildert die Schüsse des US-Polizisten
Feidin Santana wollte seine brisanten Aufnahmen erst löschen. FOTO: Screenshot MSNBC
Düsseldorf. Sein Mut könnte die USA verändern: Nur weil Feidin Santana mit seinem Handy filmte, wie ein weißer US-Polizist den flüchtenden Walter Scott mit mehreren Schüssen in den Rücken tötete, kam die Wahrheit ans Licht. Die Brisanz seiner Aufnahmen sei ihm sofort bewusst gewesen. Er habe das Video erst löschen wollen.

Nach der Veröffentlichung seines Videos wird Santana nun von der Familie des Opfers als Held gefeiert. Anwalt L. Chris Stewart lobte den Filmer in höchsten Tönen. "Was, wenn es kein Video geben würde? Was, wenn sich kein Zeuge gemeldet hätte, oder "Held", wie ich ihn nenne?", sagte Stewart der Nachrichtenagentur AP. "Wir wussten nicht, dass es ihn gab. Er kam aus heiterem Himmel."

Seine Aufnahmen gaben dem Tod des 50-jährigen Walter Scott eine völlig neue Wendung. Zunächst hatte die Polizei – wie so oft bei vergleichbaren Vorfällen – von Notwehr gesprochen. Er habe um sein Leben gefürchtet, weil der Mann ihm nach einer Verkehrskontrolle seine Elektroschock-Waffe entrissen habe, behauptete der Polizist.

"Sie lagen auf dem Boden"

Weißer US-Polizist schießt flüchtendem Schwarzen in den Rücken FOTO: ap

Das Video aber entlarvte das in drastischer Deutlichkeit als Lüge. Achtmal feuerte der Polizist Michael Slager auf den Flüchtenden, viermal soll er ihn in den Rücken getroffen haben. Von Notwehr kann nicht ansatzweise die Rede sein. Schon wenige Stunden später nahm das FBI Ermittlungen gegen den Schützen auf, der Polizist wurde vom Dienst suspendiert. Ihm wird kaltblütiger Mord zur Last gelegt.

Nachdem das Video großes Aufsehen erregt hatte, offenbarte sich der Urheber nun gegenüber dem Sender NBC. Er sei gerade auf dem Weg zur Arbeit gewesen und habe sich dem Ort genähert, weil er gesehen habe, dass der Polizist den Schwarzen dort kontrollierte.

Er habe einen Streit beobachtet und dann mit der Aufnahme begonnen, als er das Geräusch einer Elektroschockpistole gehört habe, so Santana. "Sie lagen auf dem Boden, der Polizist hatte die Lage unter Kontrolle." Scott habe nur versuchte, von dem Elektroschocker wegzukommen und nie versucht, den Taser gegen den Polizisten einzusetzen. Der Polizist habe dem Mann dann "einfach in den Rücken geschossen".

Die Nachrichten lösten den Sinneswandel aus

Ihm sei sofort die Tragweite seiner Aufnahmen klar gewesen, erzählte der 23-Jährige dem US-Sender. Er habe das Gefühl gehabt, wegen des brisanten Materials um sein Leben fürchten zu müssen. "Ich habe darüber nachgedacht, das Video zu löschen und North Charleston zu verlassen", so Santana.

Als Santana dann aber über die Nachrichten von der Darstellung der Polizei erfuhr, änderte er seine Meinung und entschloss sich, das Material weiterzugeben. ""Das war nicht so, wie sie (die Polizei) behauptete", sagte der Augenzeuge auf MSNBC. "Ich sagte mir: 'Nein, so hat es sich nicht abgespielt."

Dann habe er sich an Scotts Angehörige gewandt. Er habe sich vorgestellt, wie es wäre, wenn er ein Familienmitglied verloren hätte und dass er unter diesen Umständen wissen wollen würde, was sich wirklich abgespielt hat. Sowohl er als auch die Angehörigen hätten sehr emotional reagiert, als er ihnen das Video aushändigte.

Santana geht es auch um Gerechtigkeit. "Mr. Scott hat das nicht verdient, ich wusste, dass der Cop nicht das Richtige tat", sagte er im Interview. Der Polizist habe eine falsche Entscheidung getroffen. Und für seine Entscheidungen bezahle man im Leben.

"Acht Schüsse in den Rücken"

Der Sprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, nannte das Video "außerordentlich hart anzuschauen". Der Bürgermeister von North Charleston, Keith Summey bezeichnete den Fall als eine Tragödie für zwei Familien. Polizeichef Eddie Diggers sagte, was er in dem Video gesehen habe, habe ihn "krank gemacht".

Im Ort selbst blieb es verglichen mit den Vorkommnissen in Ferguson ruhig. Vor dem Rathaus versammelten sich 75 Demonstranten. Angeführt wurde der Protest von der Gruppe Black Lives Matter, die nach den tödlichen Polizeischüssen auf den schwarzen Jugendlichen Michael Brown in Ferguson gebildet wurde. "Acht Schüsse in den Rücken!" rief Organisator Muhiyidin D'Baha durch ein Megafon. "In den Rücken!" antwortete die Menge.

Scotts Familie und Anwalt Stewart riefen dazu auf, dass die Proteste friedlich bleiben sollten. Die Mordanklage gegen den Polizisten zeige, dass das Justizwesen in diesem Fall bislang funktioniere. Wütender äußerte sich Scotts Vater: Der Polizist "sah aus, als ob er versuchen würde, ein Reh zu töten, das durch die Wälder läuft", sagte Walter Scott senior.

Nur neun Wochen Polizeischule

Die Suche nach den Ursachen für die offenbar ausufernde Polizeigewalt sorgen inzwischen die Ausbildungsbedingungen. Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" wurde Slager im Eilverfahren zum Polizisten ausgebildet. Gerade neun Wochen soll er die Polizeischule besucht haben – möglicherweise zumindest teilweise eine Erklärung für sein drastisches Fehlverhalten. Polizeilichen Standards hatte er missachtet. Weder warnte er Scott bevor er die Schüsse abfeuerte, noch leistete er Erste Hilfe.

Michael Slager war seit fünf Jahren in North Charleston angestellt. Bei einer Verurteilung droht ihm eine Strafe von 30 Jahren Gefängnis bis lebenslänglich. Die Bundespolizei FBI und das US-Justizministerium nahmen Ermittlungen auf.

Scott war laut Polizeiangaben zunächst bei einer Verkehrskontrolle wegen eines defekten Bremslichts gestoppt worden. Er war Vater von vier Kindern, verlobt und bislang nicht durch Gewalttaten aktenkundig geworden.

(AP AFP rpo)
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