| 18.24 Uhr

Ägypten
Zwölf Tote bei religiösen Unruhen

Religiöse Ausschreitungen in Kairo - zwölf Tote
Religiöse Ausschreitungen in Kairo - zwölf Tote FOTO: AFP
Kairo (RPO). Bei Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen sind in Ägypten zwölf Menschen ums Leben gekommen. Nach staatlichen Medienberichten wurden bei den massiven Zusammenstößen hunderter konservativer Moslems mit Christen vor einer Kirche im Kairoer Vorort Imbaba 232 weitere Personen verletzt.

190 Menschen wurden nach Armeeangaben festgenommen und sollen vor ein Militärgericht gestellt werden. Die Regierung beschloss noch am Sonntag bei einer Dringlichkeitssitzung, die Sicherheitsvorkehrungen an religiösen Stätten zu erhöhen sowie die Gesetze zu verschärfen. Übergriffe sollen künftig deutlich schärfer geahndet werden.

Am Samstag hatten sich Augenzeugen zufolge etwa 500 Salafisten vor der Kirche St. Mina in der Provinz Gisa versammelt und die Übergabe einer konvertierten Muslimin gefordert. Den Salafisten zufolge wurde sie von Christen nach der Konversion gegen ihren Willen in der Kirche festgehalten. Den Salafisten schlossen sich den Angaben nach viele weitere Moslems an, und alle forderten Zugang zu der Kirche, um zu sehen, ob sich die Frau darin aufhält. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen mit Schusswechseln. Zudem warfen beide Seiten Steine und Brandsätze. Herbeigeeilten Soldaten und Polizisten gelang es, die Menge auseinanderzutreiben. Sie schossen in die Luft und setzten Tränengas ein.

Der geschäftsführende Ministerpräsident Essam Scharaf rief am Sonntag eine Krisensitzung der Übergangsregierung ein und sagte eine geplante Reise in die Golfstaaten ab. Auch Al-Ashar, die höchste religiöse Autorität des Landes, wollte sich bei einer Sondersitzung mit den Zusammenstößen befassen. In der Nacht wurde zudem eine weitere Kirche in der Nähe in Brand gesteckt und schwer beschädigt. Auch später waren in der Gegend wieder Schüsse zu hören. Anwohner warnten Passanten davor, sich zu nah an den Ort des Geschehens vorzuwagen. Die Armee stationierte Panzer in den Straßen um die Kirche und kontrollierte Fußgänger.

Zehn Prozent der Bevölkerung sind Christen

Kritiker warfen der Armee vor, zu zögerlich gehandelt zu haben. "Ich denke, das Militär befindet sich in einer Art Verwirrungszustand", sagte der prominente Autor und Menschenrechtsvertreter Gamal Eid. "Es hat Angst davor, entschieden gegen Extremisten vorzugehen, um nicht den Vorwurf zu bekommen, Strömungen zu unterdrücken." Einige Christen sagten, die Sicherheitskräfte hätten die Menschenmenge schneller auflösen müssen. Christen stellen etwa zehn Prozent der 80 Millionen Einwohner des Landes.

"Nur Gott allein weiß, ob die Geschichte dieser Konvertitin wahr ist oder nur ein Gerücht, aber dessen ungeachtet, sie wertet deswegen den Islam nicht auf oder das Christentum ab", sagte eine Anwohnerin. In Ägypten kommt es zwischen Christen und Muslimen immer wieder zu Streit. Die Christen fühlen sich nach eigener Darstellung ungerecht behandelt. Auch der Übertritt zu einem anderen Glauben oder Familienstreitigkeiten gelten in Ägypten als heikle Themen, die oft zu Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen führen. Zwar haben Moslems und Christen gemeinsam für den Sturz von Präsident Hosni Mubarak demonstriert. Die Konflikte zwischen den verschiedenen Religionsgruppen haben seither aber zugenommen.

Der Vorfall war der schlimmste seit 9. März: Damals starben 13 Menschen, nachdem eine Kirche in Brand gesetzt worden war. An den ägyptischen Finanzmärkten schürten die Ereignisse Angst vor größeren sozialen Unruhen, die dem wichtigen Tourismus sowie Investitionen aus dem Ausland schaden könnten. Der Hauptindex in Kairo sank auf den niedrigsten Stand seit 24. März. Zum Jahreswechsel hatte es zudem einen Bombenanschlag auf koptische Christen vor einer Kirche in Alexandria gegeben. Dabei waren mehr als 20 Menschen ums Leben gekommen.

(AFP/Reuters/felt/ndi)
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