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Zweifel an Wissenschaft
Skepsis aus Prinzip

Analyse: Skepsis aus Prinzip
Mit genveränderten Nahrungsmitteln wollen viele Deutsche nichts zu tun haben. FOTO: shutterstock/ Guzel Studio
Düsseldorf. Immer mehr Menschen zweifeln grundsätzlich an der Wissenschaft. In Deutschland werden Schulmedizin, Gen-Nahrung und moderne Technik von manchen mit beinahe religiöser Inbrunst abgelehnt. Warum nur? Von Matthias Beermann

Gestern prallten die beiden Welten mal wieder rüde aufeinander: Mehr als 100 Nobelpreisträger griffen in einem offenen Brief die Umweltschutzorganisation Greenpeace an. Greenpeace und gleichgesinnte Verbände sollten endlich "die Erkenntnisse zuverlässiger wissenschaftlicher Einrichtungen anerkennen" und ihre Kampagne gegen gentechnisch veränderte Organismen aufgeben, heißt es in dem Aufruf. Die Regierungen rund um die Welt sollten alles unternehmen, um den Bauern die "Werkzeuge der modernen Biologie" zur Verfügung zu stellen. Insbesondere geht es den Unterzeichnern des Appells um die Einführung einer auf gentechnischem Weg mit Vitamin A angereicherten Reissorte ("Goldener Reis"), deren Einsatz einer Viertelmilliarde Menschen Krankheit und Hunger ersparen könne. Greenpeace schmetterte den Vorstoß kurz darauf ab. Gentechnik-Firmen wollten den Goldenen Reis nur nutzen, um die weltweite Ausbreitung von gentechnisch veränderten Organismen zu forcieren, lautete der Vorwurf.

Die Meinung von 100 Nobelpreisträgern scheint nicht mehr viel wert, seit die Zweifler dem Konsens der Experten den Krieg erklärt haben. Wissenschaftliche Erkenntnisse stoßen beinahe systematisch auf organisierten, wütenden, manchmal sogar hasserfüllten Widerstand. Forscher werden häufig als Lakaien gieriger Großkonzerne diskreditiert, wenn nicht gleich eine Verschwörung der Regierungen für wissenschaftliche Erkenntnisse verantwortlich gemacht wird, die den Skeptikern nicht in den Kram passen.

Es kommt freilich auf den Kontext an: In Europa, wo Nahrungsmangel kein Thema ist, tut man sich eben leicht damit, die sogenannte Grüne Gentechnik in Bausch und Bogen zu verdammen. Gerade in Deutschland wird diese Debatte ebenso emotional wie irrational geführt. Aus wissenschaftlicher Sicht bedeutet der Verzehr gentechnisch modifizierter Lebensmittel kein Risiko. Es gibt bisher keinen Beleg dafür. Aber natürlich können seriöse Wissenschaftler keine absoluten Wahrheiten verkünden, sie können immer nur den Stand der Forschung wiedergeben. Es gibt immer ein "Restrisiko". Dieser ständige Irrtumsvorbehalt ist nichts anderes als intellektuelle Aufrichtigkeit, aber er schürt bei vielen Menschen das Misstrauen. Bei 51 Prozent der Deutschen, das ergab eine Umfrage 2015, ist das so.

Natürlich kann man aus gutem Grund gegen Gen-Pflanzen sein, etwa weil durch deren Patentierung Bauern in eine gefährliche Abhängigkeit von Saatgut-Konzernen geraten. Aber dabei handelt es sich um eine politisch-ökonomische Frage und nicht um Naturwissenschaft. In der öffentlichen Debatte wird das jedoch nur selten voneinander getrennt.

Streit auch im Glyphosat

Auch der aktuelle Streit um das Pflanzenschutzmittel Glyphosat zeigt, wie anfällig wissenschaftliche Argumentation für politische Instrumentalisierung ist. Zwar haben etliche Studien belegt, dass von der Chemikalie bei der Verwendung in üblichen Mengen weder für Landwirte noch für Verbraucher ein Risiko ausgeht. Darauf berief sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) bei seinem Plädoyer für eine Wiederzulassung von Glyphosat. Andererseits wurde in Tierexperimenten festgestellt, dass Glyphosat in extremen Konzentrationen krebsauslösend sein kann. Auch diese Aussage ist wissenschaftlich belegt, und auf sie stützte sich SPD-Chef Sigmar Gabriel, als er plötzlich seine Zustimmung zur Zulassung verweigerte. Zwar ist das Gesundheitsrisiko durch Glyphosat rein theoretisch, aber es lässt sich für eine radikale Ablehnung nutzen.

Der Zweifel geht tiefer als die Angst vor dem Restrisiko. Das zeigt zum Beispiel auch die weitverbreitete Ablehnung der Schulmedizin. Nirgendwo in Europa ist die Zahl der Impfgegner höher, und nirgendwo haben alternative Heiler so viel Zulauf wie in Deutschland, obwohl die medizinische Wirksamkeit ihrer Methoden keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhält.

Aber darauf kommt es nicht an. Es geht um Gefühle. Denn sie sind es vor allem, die unsere Weltsicht prägen, nicht irgendwelche Wissenschaftler, die an unseren Verstand appellieren. Erkenntnisse, die man mit wissenschaftlicher Methodik gewinnt, sind ja auch nicht immer leicht nachzuvollziehen. Als Galileo Galilei zu Beginn des 17. Jahrhunderts behauptete, die Erde drehe sich um sich selbst und kreise zudem um die Sonne, widersprach das nicht nur der Lehre der Kirche, sondern widerstrebte auch dem gesunden Menschenverstand: Konnte man doch jeden Tag mit eigenen Augen sehen, wie die Sonne die Erde umrundet!

Wissenschaftsskepsis

Solche intuitiv erworbenen Ansichten sind nur schwer zu unterdrücken, und deswegen verlassen sich viele Menschen lieber auf ihre persönlichen Erfahrungen als auf abstrakte Statistiken. Und sie vertrauen der Einschätzung von Menschen, die sie kennen. Amerikanische Verhaltensstudien haben ergeben, dass es fast zweitrangig ist, was wir glauben. Weit bedeutsamer für uns ist, wer sonst noch daran glaubt. Für die Zweifler ist es zudem sehr einfach geworden, ihre Ansichten mit eigenen Informationen und Experten aus dem Internet zu untermauern.

Die Wissenschaftsskepsis ist keine Frage mangelnder Bildung. Im Gegenteil: Es sind häufig die Gebildeteren, die zweifeln, weil sie gelernt haben, Dinge infrage zu stellen. Aber dann fehlt ihnen der fachliche Hintergrund, um selbst ein profundes Urteil zu fällen. Nicht alles, was Wissenschaft und Technik ermöglichen, ist Fortschritt, und auch Wissenschaftler neigen manchmal dazu, nur Fakten wahrzunehmen, die ihre Annahmen stützen. Aber wir sollten das Vertrauen nicht verlieren, dass die meisten uns nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit sagen. Auch wenn es nicht die Wahrheit ist, die wir vielleicht gerne hören würden.

Quelle: RP
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