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Chemie-Unfall bei Dormagen
Doch erhöhtes Krebsrisiko nach Brand

März 2008: Großbrand bei Ineos in Dormagen
März 2008: Großbrand bei Ineos in Dormagen FOTO: AP
Köln (RPO). Nach dem katastrophalen Großbrand in einem Chemiewerk in Köln-Worringen hat für die Bevölkerung offensichtlich doch ein erhöhtes Krebsrisiko bestanden. Eine unmittelbare Vergiftungsgefahr für die Anwohner bestand aber nicht, sagte der Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Jan Leidel, am Mittwoch.

Derzeit werde daran gearbeitet, das Risiko durch das bei dem Brand ausgetretene giftige und krebserregende Acrylnitril zu quantifizieren. Es handele sich wahrscheinlich nur um eine sehr geringfügige Erhöhung, sagte Leidel. Es gebe aber keine Schwelle, unter der gar kein Risiko mehr bestehe.

Boden und Grundwasser der Umgebung seien ebenfalls nicht belastet. Es seien inzwischen an zehn Stellen Pflanzenproben und an 15 Stellen Bodenproben entnommen worden, sagte Leidel. "Alle diese Proben waren negativ." Der Stoff baue sich an der Luft schnell ab.

Leidel wehrte sich gegen Vorwürfe, die Stadt habe nach dem Unglück hohe Messwerte von Acrylnitril zurückgehalten. Entscheidend für die Beurteilung der Lage sei ein Grenzwert von 35 ppm (Teile pro Million), der für eine Stunde ohne schwere Beeinträchtigungen tolerabel sei. "Diese Werte sind aber nie gemessen worden", betonte Leidel.

Schaumdecke beim Löschen gerissen?

Eine ganze Reihe von Messergebnissen habe Werte von rund 5 ppm ergeben, hieß es. Lediglich zwei Mal habe man tagsüber einen Wert von 18 ppm am Rand eines Wohngebiets und in der Nacht 20 ppm am Unglücksort gemessen. "Diese Werte halten wir für Ausreißer", betonte Leidel.

Der Kölner Feuerwehr-Chef Stefan Neuhoff sagte, die von den Einsatzkräften auf den Acrylnitrit-Tank gelegte Schaumdecke sei möglicherweise gerissen und habe kurzzeitig mehr Gas entweichen lassen. Auch Messfehler kommen den Angaben zufolge infrage. Leidel betonte, es wäre "weder fachmännisch noch verantwortungsvoll" gewesen, diese vereinzelten Werte zur Grundlage von Entscheidungen wie etwa einer Evakuierung der Bevölkerung zu machen.

Richtwerte siebenfach überschritten?

Der Westdeutsche Rundfunk hatte berichtet, die Feuerwehr habe in der Umgebung der Unglücksstelle zeitweise Luftbelastungen gemessen, die die technische Richtkonzentration für Acrylnitril um das Siebenfache überschritten. Leidel betonte dagegen, der für diese Annahme zugrunde gelegte Grenzwert von 3 ppm sei absolut nicht von Bedeutung. Dieser Wert habe früher die Konzentration markiert, die Arbeitern über längere Zeit täglich über acht Stunden zugemutet werden könne.

Feuerwehr-Chef Neuhoff sagte, Feuerwehrleute müssten erst Atemschutzmasken anlegen, wenn sie längere Zeit 20 ppm ausgesetzt seien. Insgesamt 64 Einsatzkräfte waren nach dem Einsatz der Stadt zufolge untersucht worden, ihre Blutwerte hätten jedoch nichts Ungewöhnliches gezeigt.

Am 17. März war eine giftige Rauchwolke über Köln hinweggezogen, nachdem im Chemiewerk Ineos ein 3000-Kubikmeter-Tank mit Acrylnitril in Flammen aufging. Tags darauf waren die Bewohner im Kölner Stadtteil Worringen aufgerufen worden Fenster und Türen verschlossen zu halten und ihren Aufenthalt im Freien zu begrenzen. Diese Warnungen seien angemessen gewesen, sagte Leidel am Mittwoch.

(ap)
 
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