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Missbrauch an der Odenwaldschule
Mehr Opfer als bislang angenommen

Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule
Missbrauch-Skandal an der Odenwaldschule FOTO: ddp
Heppenheim (RPO). An einer hessischen Privatschule sind in den 1970er und 80er Jahren zahlreiche Schüler sexuell missbraucht worden. Jetzt wurde bekannt, dass nicht nur sehr viel mehr Schüler als bislang angenommen Opfer waren, sondern dass außer dem damaligen Rektor auch mehrere frühere Lehrer an den sexuellen Übergriffen beteiligt waren.

Entsprechende Vorwürfe gegen den ehemaligen Rektor der Odenwaldschule in Heppenheim waren schon Ende der 90er Jahre bekannt geworden. Die Strafanzeige eines betroffenen Schülers führte nach Angaben der Schule damals aber zu keinem Verfahren, da die Taten bereits verjährt waren. Dass das ganze Ausmaß der Taten nun bekannt wird, geht auf Betroffene zurück, die die Schule schon im vergangenen Jahr aufgefordert haben, aufzuklären.

Wahres Ausmaß nur erahnt 

Schulleiterin Margarita Kaufmann, sagte der "Frankfurter Rundschau", sie sei von Altschülern angesprochen worden, die fürchteten, die Schule werde sich auch bei der 100-Jahr-Feier im April 2010 wieder ihrer Verantwortung entziehen. Daraufhin habe sie etliche Gespräche mit Ex-Schülern geführt und dabei das wahre Ausmaß des Skandals erahnt, sagte Kaufmann, die die Schule seit 2007 leitet.

Dem Bericht zufolge haben sich zwischen 1970 und 1985 mindestens drei Lehrer sexueller Übergriffe schuldig gemacht. Kaufmann sagte, es sei "eine Unterlassung und ein grober Fehler" gewesen, dass die Schule nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den ehemaligen Rektor nicht weiter nachgeforscht habe. Die heutige Rektorin hat nach eigenen Angaben inzwischen Aussagen von 20 Missbrauchsopfern. Sie gehe aber davon aus, dass es tatsächlich 50 bis 100 Opfer gebe.

Einsatz als "sexuelle Dienstleister"

Ehemalige Schüler haben der Zeitung zufolge berichtet, sie seien von Lehrern regelmäßig durch das Streicheln der Genitalien geweckt und als "sexuelle Dienstleister" für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen worden. Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen. Lehrkräfte hätten Schutzbefohlene geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen.

Seit Mitte vergangenen Jahres ist die Schule nach eigenen Angaben "unter der Moderation eines externen Psychologen" im Gespräch mit den Opfern wie auch mit indirekt betroffenen Altschülern. Das Ziel sei, "zunächst eine emotionale Aufarbeitung für alle Beteiligten zu ermöglichen". Zudem überprüfe die Schule mit Hilfe von Experten ihre internen Strukturen, um "dem Schutz der Generationengrenzen noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken" und die pädagogische Arbeit der Schule "bewusst auch auf das Thema des sexuellen Missbrauchs auszurichten".

Amelie Fried war eine Odenwald-Schülerin

Die TV-Moderatorin Amelie Fried, die selbst 1975 an der Schule Abitur gemacht hatte, warf dem Vorstand der Schule vor, eine Aufarbeitung der Vorfälle jahrelang verhindert zu haben. "Da müssen Köpfe rollen", sagte Fried. Sie will Rektorin Kaufmann bei der Aufklärung unterstützen. Die Odenwaldschule müsse ihre Chance nutzen, den Opfern "Gerechtigkeit widerfahren" zu lassen, sagte Fried. Auch Kaufmann sprach sich für einen Neubeginn aus, der mit dem Rücktritt und einer Neuwahl des Vorstands beginnen müsse.

Die Schule wurde nach eigenen Angaben von Reformpädagogen gegründet und hatte eine Reihe prominenter Schüler, unter ihnen der frühere BDI-Chef Tyll Necker, der Schriftsteller Klaus Mann und der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit.

(DDP/tim)
 
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