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„Die Bachelorette“
Der Max Giesinger unter den TV-Shows

So wurde in der ersten Folge gebaggert
So wurde in der ersten Folge gebaggert FOTO: MG RTL D
Düsseldorf. Irgendwas mit tollen Augen, verschwitzten Händen und einer Villa in Marbella. Der Auftakt der vierten Staffel von "Die Bachelorette" war wie ein deutscher Popsong: schlecht, aber erfolgreich. Von Sebastian Dalkowski

Die "Bachelorette" eine TV-Show zu nennen, ist, wie ein Schild mit der Aufschrift "Mittelmeer" vor einen Teich zu stellen. Erlauben kann sich das nur ein Sender, der weiß, dass genug Zuschauer bloß das Schild sehen.

Zu besichtigen war am Mittwochabend auf RTL also hundertzwanzig Minuten lang der Auftakt der vierten Staffel, und jemand, der Julian hieß, hat keine Rose bekommen. Jemand, der Alexandre hieß, und jemand, der Julez hieß, auch nicht. Vielleicht trugen sie auch völlig andere Namen. Jedenfalls: Drei von zwanzig Männern haben keine Rose bekommen. Die Bachelorette hat sie nach Hause geschickt. Bye bye, schöne Villa in Marbella.

Selbst nach den großzügigsten Maßstäben besitzt Jessica Paszka, 27, nichts, was sie zwingend zur Bachelorette qualifiziert. Als ginge RTL allmählich frisches Personal aus, hat der Sender sich für eine Frau entschieden, die selbst schon Kandidatin war, beim Bachelor. Sie tingelte danach durch die üblichen Formate, saß im Promi-Big-Brother-Haus, wurde von der Sendung "taff" bei dem Unternehmen begleitet, ihrem Gesäß einen "Brazilian Butt Lift" verpassen zu lassen. Schon mit 19 ließ sie sich am Bauch Fett absaugen, später den Busen vergrößern. Als wäre ihr Körper bloß ein Bild in Photoshop.

Fotos: "Die Bachelorette" 2017: Wer ist raus, wer ist noch dabei? FOTO: RTL / Arya Shirazi

Signal an den Zuschauer: Jetzt wird‘s romantisch

Doch weil RTL behauptet, dass sie nun die begehrenswerte Bachelorette ist, wird sie zur begehrenswerten Bachelorette, und weil RTL behauptet, dass dies eine gefühlvolle TV-Show ist, ist dies eine gefühlvolle TV-Show. So wie selbst der schlechteste Popsong zum gefühlvollen Popsong wird, wenn jemand lange genug behauptet, dies sei ein gefühlvoller Popsong. Jan Böhmermann entlarvte kürzlich das Wesen eines solchen fake-romantischen Max-Giesinger-Popsongs, indem er Affen aus Versatzstücken einen Text zusammenstellen ließ und einen Musiker beauftragte, möglichst herzlos eine Musik zusammenzuzimmern. Das Ergebnis war erstaunlich: Wer nicht genau hinhörte, konnte den totalen Quatsch "Menschen Leben Tanzen Welt" für einen sensiblen Popsong halten. So macht das Produktionsteam es auch mit der "Bachelorette" - bloß einige Versatzstücke einer TV-Show einsetzen, um wie eine supi romantische TV-Show zu wirken. Den Rest mit irgendwas füllen.

Der erste Satz, den Jessica Paszka in der Show sagte, lautete deshalb: "Ich möchte hier die große Liebe finden, die für immer hält." Das war das Signal an den Zuschauer: Leute, wird 'ne romantische Show. Und wer nicht genau hinsieht, glaubt das so lange, bis nicht das totale Gegenteil passiert, also bis zum Beispiel ein Panzer alle Kandidaten überrollt. Problemlos ist es deshalb möglich, die Männer jeweils zu zwei ins Auto zu setzen und zur ersten Begegnung mit der Bachelorette zu fahren. Jessi wartet vorm Eingang ihrer Villa, jeder stellt sich einzeln vor. Alle sagen, wie nervös sie sind, und sie sagt, dass sie aus Essen kommt, und er sagt, dass er aus Koblenz kommt, und sie ist schön, sagt er, und er ist schön, sagt sie. Und danach sagt sie in die Kamera, dass jener nett gewesen sei, jener schüchtern, jener nervös, sie hätte aber auch über jemand anderen sagen können, dass der schüchtern sei und der nervös, ganz so, als würde sie die Sätze aus einem Hut ziehen.

Und dann fällt auch gar nicht auf, wenn die Sätze nicht nur oberflächlich sind, sondern nicht einmal mehr einen Sinn ergeben. Wenn er sagt "Wirklich nett, dass sie so eine hübsche Frau ist", obwohl unklar ist, warum das nett ist und von wem das nett gemeint war. Es kommen ja die Wörter "nett", "hübsch", "Frau" vor, ist ein grammatikalisch korrekter Satz, also alles gut. Es fällt dann auch nicht auf, dass er, also ein anderer er, Domenico vielleicht, ihr ein Strandkleid mitbringt, einfach so. Dass jemand sagt "Ich bin Kundenberater und berate meine Kunden." Nicht aus Nervosität, sondern weil ja die Zeit überbrückt werden muss, also die gesamte Zeit bis zum Ende der Show nach sieben Folgen. Dass sie über jemanden sagt, er sei "sehr offen", dabei hat er bloß gesagt, dass er von der Küste kommt. Dass jemand sagt, er sei Feuerwehrmann, und sie nur ihn bei der Nennung des Berufes fragt, ob er Urlaub genommen habe - ganz so, als müssten nur Feuerwehrmänner Urlaub nehmen.

Immerhin wird in dieser Show niemand erniedrigt

Einfach mal so tun als ob, dann wird es wahr. Würden die Kandidaten zwischendurch den Wetterbericht zitieren oder sie fragen, was ihre liebste Brotsorte sei oder ob sie Sauerstoff auch so toll finde - den wenigsten würde es auffallen. Es müssen eben nur regelmäßig Sätze fallen, die nicht völliger Quatsch sind, ab und zu muss jemand sagen, dass er nervös ist und wow, und sie muss sagen "schöne Augen", sagt er aber auch, und dann weiß der Zuschauer: Ah ja, immer noch eine romantische Sendung, die von der Suche nach der großen Liebe erzählt. Was ja schon deshalb nicht stimmen kann, weil RTL einfach 20 Männer bestimmt hat und eine Frau und dann gesagt hat: So, jetzt macht mal. Die Behauptung von Romantik im unromantischsten Setting.

Immerhin führt diese Vorgaukelei dazu, dass in dieser Show niemand erniedrigt wird - wie so oft kritisiert wird - weil diese Leute keine Individuen sind, sondern bloß die Behauptung von Individuen. In Wirklichkeit sehen sie aus, als wären sie alle aus demselben H&M gekippt.

Wem für eine ganze Show nur drei Sätze und vier Wörter und zwei Handlungen zur Verfügung stehen, die eigentlich nur für sieben Minuten reichen, der hat drei Möglichkeiten. Erstens: Die Sendung nur sieben Minuten lang zu machen. Zweitens: Sich zusätzliche Wörter und Sätze und Handlungen zu überlegen. RTL aber hat sich für die dritte Möglichkeit entschieden: Die drei Sätze und vier Wörter und zwei Handlungen so häufig zu wiederholen, bis die zwei Stunden gefüllt sind. Das übertrifft sogar die Leistung der armen Drehbuchautoren, die aus dem Hobbit drei Filme schreiben mussten.

Einmal sagt Jessica: "Ich kann das gar nicht in Worte fassen, was in mir vorgeht." Dabei geht nichts in ihr vor, es geht auch nichts in den Kandidaten vor. In Worte fassen müssen sie das trotzdem.

(seda)
 
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