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"Tatort"-Schnellkritik
Unzählige Klischees und ein glänzender Schluss

Kritik zum Tatort Freitod: Unzählige Klischees und ein glänzendes Ende
Ermitteln im schweizerischen Luzern: Liz Ritschard (Delia Mayer) und Reto Flückiger (Stefan Gubser) FOTO: Daniel Winkler/SRF/dpa
Düsseldorf. Unbeholfen, aber mit eindringlichen Momenten und einem spektakulären Schluss befassen sich im "Tatort: Freitod" die Schweizer Ermittler Flückiger und Ritschard mit dem Thema Sterbehilfe. Von Tobias Jochheim

90 Minuten in 90 Zeichen

Der Scheinheilige, der Geisteskranke oder der Eifersüchtige? Weder noch. Alle unschuldig.

Das war gut

Der glänzende, verstörende Schluss vor allem. Aber auch die Eindringlichkeit, mit der vor allem die Argumente pro passive Sterbehilfe ("Sterbebegleitung") thematisiert werden. "Gott hat entschieden, mir Krebs zu geben und mich als erwachsenen Mann wieder in Windeln scheißen zu lassen", stößt da ein Mann hervor, dem das Sterben zum lange geplanten Termin verwehrt wird. In seiner Verzweiflung stürzt er sich aus einem fahrenden Bus – nachdem die Vertreter der Organisationen pro und contra Sterbehilfe sich links und rechts von ihm vor laufenden Kameras selbstgerecht profiliert hatten, ohne ihn auch nur zu Wort kommen zu lassen.

Ebenso packend der gegen Ende verlesene Abschiedsbrief der in der ersten Szene selbstbestimmt verstorbenen Frau, in dem sie das Martyrium ihres Parkinson-Leidens schildert. Denkwürdig auch der Nebensatz: "Die Mehrheit der Bevölkerung ist zwar pro Sterbehilfe – aber leben in einem Haus, wo gestorben wird, will niemand." Dazu passt der Text eines FAZ-Journalisten, der schildert, weshalb er seinen toten Vater zuhause aufbahren ließ, wie es früher allgemein Sitte war – und was der Normalfall ist: "Meist bleibt der Verstorbene nur zwei, drei Stunden zu Hause. Viele Angehörige würden es gerne noch schneller hinter sich bringen." Absolute Leseempfehlung.

Toll auch: Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) fragt ihren Kollegen: "Kannst du dir vorstellen, mal zu einer Sterbeorganisation zu gehen?" Darauf Flückiger, in Gedanken bei seiner Freundin Evelyn, munter: "Weiß' ich nicht, im Moment habe ich gar keine Lust zu sterben." Ritschard: "Wenn ich mir vorstelle, ich sitze allein im Pflegeheim und keine Sau kommt mich besuchen... – ich müsste nicht lange überlegen." Bei Flückiger kommt das schon nicht mehr an, die vom Zuschauer halb erwarte, halb befürchtete ernste Debatte fällt einfach weg. Doch bevor sich Flückiger mit seiner neuen Freundin vergnügt, versichert er Ritschard noch: "Ich würde dich besuchen kommen."

Das war drüber

So ziemlich alles andere. Der Ober-Sterbehelfer zitiert dramatisch Nietzsche und sein Geschäft mit dem Tod läuft so gut, dass er sich eine schicke Segelyacht leistet. Sein Gegenspieler, Ober-Lebensschützer Josef Thommen (Martin Rapold), wiederum ist aalglatt und süchtig nach Öffentlichkeit, neigt zum Dozieren und zu Stasi-Methoden, unterstellt der Gegenseite bösartig eine "pathologische Lust am Sterben" – und hat sich selbstverständlich seine Sekretärin zur Geliebten genommen, die selbstverständlich schwanger wird und selbstverständlich abtreiben soll, seinem untadeligen Ruf zuliebe. Eher lächerlich als angsteinflößend auch die Auftritte des psychisch kranken Martin Aichinger (Martin Butzke), der in einem fort biblische Plagen heraufbeschwört, dramatisch einen Spiegel einschlägt und fast noch dramatischer eine Behandlung verweigert. Schließlich lässt er sich von einer Hippie-Dame aufgabeln, die mit ihrer Katze spricht und sich nicht recht zwischen Helfersyndrom und Geldgier entscheiden kann.

Der "Hä?"-Moment

Apropos "Der Geisteskranke": Aichinger kann nicht nur, obwohl unter Mordverdacht, zu Fuß und mit seinem gesamten Hab und Gut bepackt unbehelligt durch halb Luzern schlurfen und dabei massenhaft Passanten nach dem Weg fragen. Ohne jede Schwierigkeit dringt er auch ins Büro des Sterbehelfer-Chefs vor. Schließlich bricht er auch noch in die Wohnung der religiös verblendeten Mörderin ein, wobei der völlig verwahrloste Mann von dem eigens dafür abgestellten Polizeibeamten weder gesehen noch gehört noch gerochen wird. Und weil aller guten Dinge drei sind, bricht Aichinger schließlich noch mit einem Haufen Teelichter in die Leichenhalle ein.

Der richtige Zeitpunkt für den Klogang

Fast beliebig innerhalb der ersten Stunde. Man verpasst vor allem schlimm hölzerne Dialoge wie

Flückiger: "Ihre Organisation hatte bekanntlich nicht nur Freunde."
Dr. Hermann: "Sie spielen auf 'Pro Vita' an."
Ritschard: "Diese Lebensschützer."
Hermann: "Ja, so nennen die sich..."

Was von diesem "Tatort" bleibt

Idealerweise ein wenig mehr Verständnis für Verfechter der passiven Sterbehilfe. Vor allem möge sich jeder fragen, wie sich wohl ein todkranker, zum Sterben entschlossener Mensch gefühlt hätte bei der Feststellung, reines Wasser getrunken zu haben statt des tödlichen Medikaments? Erleichert? Oder nicht doch eher verzweifelt, angesichts der Vorstellung, zu einem zweiten Versuch der Selbsttötung womöglich körperlich nicht mehr in der Lage zu sein? Am meisten nachwirken dürfte aber Grusel angesichts der Vorstellung, in Krankenhäusern oder Pflegeheimen könnten Patienten getötet werden wie von Nadine Camenisch (Anna Schinz) im Film.

"Wir als Gesellschaft tolerieren diese Verhältnisse", sagt im RP-Interview dazu der Psychiater Karl Beine, der seit 25 Jahren zu diesem Thema forscht. "Wenn die Spitzen des Eisbergs wie eben solche Serien bekannt werden, gibt es einen Aufschrei – und nach einer kurzen Empörungswelle läuft alles genau so weiter wie zuvor."

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