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Nachlese zum "Polizeiruf 110"
"Wölfe" - ein bildstarker und gefühlvoller Krimi

"Polizeiruf 110": Zarte Liebesgeschichte zwischen Ermittlern
"Polizeiruf 110": Zarte Liebesgeschichte zwischen Ermittlern FOTO: BR/Claussen+Putz Filmproduktion GmbH/Christian Schulz
Düsseldorf. Der aktuelle "Polizeiruf" mit dem Titel "Wölfe" liefert nicht nur einen Krimi, sondern vor allem eine ungewöhnliche, aber wunderschöne Liebeserklärung. Die Nachlese. Von Martina Stöcker

90 Minuten in 90 Zeilen

Ein ewig Gedemütigter dreht durch, und die zwei Kommissare steuern auf ein Happy-End zu.

Wer war's?

Beim Zoologen Dr. Wiesinger (Sebastian Hülk) beschlich den Zuschauer schon zu Beginn ein komisches Gefühl. Nachdem zwei Frauen mit schrecklichen Bissverletzungen tot aufgefunden werden, verfolgen Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und Constanze Hermann (Barbara Auer) zunächst eine andere Fährte. Am Ende war es aber der Zoologe, zumindest verantwortlich für eine Tat, der über die Zurückweisung seiner Jugendliebe nicht hinwegkam. "Wolfi" wurde er genannt – nicht weil er Wolfgang heißt, sondern weil er einen Wolfsrachen, eine Gaumenspalte, hatte. Am Ende rasiert er sich seinen Bart ab, offenbart die Missbildung und seine Tat.

Der beste Spruch

Hanns von Meuffels und Constanze Hermann sehen sich in einem Waldstück um, als der Kommissar Reifenspuren entdeckt. "Ein Unimog oder ein Jeep", sagt er. "Ich wollte schon immer mal Spuren lesen – ich sehe hier drei Reiter, das zweite Pferd lahmt." Dieser lakonische Humor macht viel des Charmes im Münchner "Polizeiruf" aus.

Erkenntnis des Films

Hunde sind bessere Begleiter, denn angeblich fallen sie nicht über die Leiche ihres Herrchens her und verhungern lieber. Anders als Katzen: Sie knabbern Tote an und machen sich als erstes über Augen, Lippen und Nase her. Manch einer mag nach diesem "Polizeiruf" den Appetit seines Stubentigers bedrohlich finden.

Die Musik

Regisseur und Drehbuchautor Christian Petzold hat schon in seinem ersten Fall für das Münchner Team ("Kreise", 2015) einer Musikbox eine wichtige Rolle zugedacht. Auch in "Wölfe" sorgt die Wurlitzer für den Soundtrack des Films: Tragendes Motiv hierbei ist der Song "Anyone Who Had a Heart", der von Burt Bacharach komponiert und von Hal David getextet wurde. Die US-Amerikanerin Dionne Warwick sang ihn 1963, die Britin Cilla Black sang ihn 1964 und wurde damit die Nummer eins auf der Insel. Er handelt vom Verlassenwerden, unerwiderter Liebe und ist damit auch eine Metapher für den Mörder und sein Motiv.

Das zweite Lied, das von Meuffels in der Kneipe an der Musikbox wählt, heißt "Rain" von Martin Stephenson & the Daintees und passt zu den melancholischen Ermittlern. Das gemeinsame Musikhören stilisiert Petzold zur Liebeserklärung. "Ich will mit dir in Urlaub fahren und mit dir Filme gucken", sagt Kommissar Hanns von Meuffels. "Und ich will mit dir Musik hören." Für die privat so zögerlichen Ermittler kommt das schon fast einem Heiratsantrag gleich. In diese Szene packen die beiden Hauptdarsteller so viel Sehnsucht, dass es fast schmerzt. "Das gemeinsame Erzählen, das ist eigentlich ein Kuss: Mit dieser Frau, mit diesem Mann kann ich stundenlang Filme sehen, Musik hören, spazierengehen und auch nichts sagen", erklärt Christian Petzold.

Gibt es Wölfe in Bayern?

Dauerhaft leben noch keine Wölfe in Bayern, erklärte das Bayerische Landesamt für Umwelt erst im vergangenen Jahr. Wenn überhaupt, streift mitunter ein einsamer Wolf herum – wie in diesem Film. Der Film spielt mit den Urängsten der Menschen vor dem geschickten Jäger, erklärt seine mythische Bedeutung und nimmt Bezug auf Märchen. Passend dazu stapft Constanze Hermann im roten Mantel wie Rotkäppchen durch den Wald. Ein Werwolf mit leuchtenden roten Augen lässt Constanze Hermann an ihrem Verstand zweifeln. Der Schlenker mit den türkischen "Grauen Wölfen" dient eher dazu, das Thema zu komplettieren und die Allgemeinbildung zu mehren.

Ästhetik des Films

Der Krimi wimmelt von thematischen und bildlichen Anspielungen auf Filme des Horror-Genres – allein schon durch die in blaues Licht getauchten Nachtszenen. Zudem nimmt er auf Klassiker wie "Schweigen der Lämmer" (die Szene des Geständnisses) oder "Vier im Roten Kreis" mit Yves Montand und Alain Delon. Die Gespräche über diesen französischen Klassiker aus dem Jahr 1970 ziehen sich wie ein roter Faden. Montand verkörpert in dem Film einen Ex-Polizisten und Alkoholiker: In einer Szene öffnet sich eine Tapetentür, und gruselige Tiere kriechen auf den Mann im Delirium zu. Auch Hermann meint, im Rausch einen Werwolf gesehen zu haben, und zweifelt an ihrem Verstand.

Der Zuschauer muss mehrfach den Anblick einer arg zugerichteten Leiche ertragen. Petzold gelingt es aber, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Kommissaren so sanft und berührend zu erzählen, dass man sich im dritten Fall, an dem der Berliner schon arbeitet, sich sehnlichst ein Happy-End für diese zwei scheuen Seelen wünscht. Der "Polizeiruf" war ein sehenswerter, bildstarker und gefühlvoller Krimi.

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