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Vox-Show "Sing meinen Song"
Crème brûlée mit Mett – The Boss Hoss singen Louisan-Ballade

Bilder: Sing meinen Song auf Vox mit Liedern von Annett Louisan
Bilder: Sing meinen Song auf Vox mit Liedern von Annett Louisan FOTO: VOX / Markus Hertrich
Kapstadt. Die Lieder-Miniaturen von Annett Louisan in den rauen Kehlen großer Männer, kann das gut gehen? Ja – auch wenn die sich erst Hornhaut ansingen müssen. Von Anja Rützel

Das Mini-Persönchen, die kullrigen Augen, diese wattesofte Stimme, mit der sie hervorragende kleine, sehr flauschige Tiere synchronisieren könnte – wenn Annett Louisan in einer der zwischengesanglichen Plauderrunden von "Sing meinen Song" erzählt, dass sie früher, als Kunststudentin, "in einer Hutschachtel" gewohnt hätte, ist man sich angesichts ihrer allumfassenden Zierlichkeit nicht sicher, ob das nicht vielleicht ganz wörtlich zu verstehen ist. Und kann sich nicht so recht vorstellen, wie ihre musikalischen Werke in den Stimmen solcher entschieden nicht-feinziselierter Kawenzmänner wie Boss Hoss oder Samy Deluxe klingen würden. "Bei ihr fehlen nur noch so kleine Flügel auf dem Rücken", sagt einer der Hosse über sie.

Wolfgang Niedecken muss sich "Hornhaut ansingen"

Eine "Balladensau", sei sie, sagt die Louisan über sich selbst. Ein Säulein, höchstens, denkt man sich, aber angeblich, erfährt man in den Auftakt-Einspielern, sei die Sängerin ein ziemliches Feierbiest. Auch wenn man sie bei ihren Texten "gerne mal fragen würde: Mädchen, warum bist du so traurig?" sagt Samy Deluxe, und Gastgeber Xavier Naidoo muss sich bei der ganzen Louisan-zentrierten Lobhudelei noch schnell selbst mit ins Bild drängeln: "Was uns beide ja verbindet: Wir gehören beide zu den Künstlern mit den erfolgreichsten Debütalben."

Gut, dass dann Wolfgang Niedecken zu singen anfängt, ein typisch Louisansches Leidelied hat er sich rausgesucht: "Wenn man sich nicht mehr liebt", und das funktioniert auch auf Kölsch sehr gut, wenn er singt, wie irgendwann das Mitjeföhl für den anderen abhanden kommt. Er habe sich für das Lied "eine kleine Hornhaut" ansingen müssen, sagt Niedecken, damit er nicht losweine mittendrin oder sonstwie überemotional werde, und darum packt er eine E-Gitarre und ein bisschen Schwitze in das seidenpapierne Liedchen, das passt überraschend gut.

Gewöhnungsbedürftiger sind The Boss Hoss, die sich "Das Spiel" vornehmen, und das ist so ungefähr das musikalische Äquivalent zu Crème brûlée mit Mett. Nena spielt selbstvergessen Beingitarre, als die beiden das fluffige Songsoufflée ins grölig-breitbeinige übersetzen. Komisch, wie manche Zeilen plötzlich leicht ins softvulgäre abdriften, sobald sie ein Mann singt. Annett Louisan jedenfalls findet diese Version "überragend geil", ohnehin sei sie rebellischer, als das liebliche Äußere andeutet: "Wir wollen ja alle Musik machen, die beim Bügeln stört."

 Annett Lousian: "Ich habe wirklich auch lustige Lieder"

Sehr stimmig und gut klingt Nenas Cover-Beitrag, diese leicht scheppernd gesungene Version von "Läuft alles perfekt". "Ich schenk dir das Lied, bitte sing' es", überschwänglicht Luisan danach, und singt im Anschluss ein eigenes neues Lied, "Meine Kleine", geschrieben aus der Sicht ihrer Mutter. "Ich hab' mich für dich entschieden/als sie nach dir Bastard riefen" ist eine Zeile darin, die einen dann auch als leidlich unbeteiligten Zuschauer kriegt und trifft, und das persönliche, bis her nicht gewusste Detail über einen der Musikanten, das man eigentlich aus jeder "Sing meinen Sing"-Folge mitnimmt, kommt dieses Mal von Wolfgang Niedecken: Der geliebte Verlobte seiner Mutter fiel im Krieg, sie heiratete seinen Vater, einen soliden Typen  – und schickte ihn, als der gemeinsame Sohn geboren war, mit dem Wunsch aufs Standesamt, ihn als "Robert" anzumelden, so, wie der Verlobte geheißen habe. Der Vater löste die Situation mit Kölschem Pragmatismus, erzählt Niedecken: Er habe vorgegeben, unterwegs den gewünschten Namen vergessen und das Kind spontan "Wolfgang" getauft zu haben.

"Sing meinen Song" 2016: Samy-Deluxe-Lieder im Mittelpunkt der Show FOTO: Vox/Markus Hertrich

Man denkt noch an dieser Geschichte herum, als Samy Deluxe "Stell dir vor, dass unten oben ist" sachte effektisiert und Seven das eh schon tieftraurige "Du fehlst mir so" ein bisschen aufflufft. "Ich habe wirklich auch lustige Lieder", sagt Louisan, man merkt es nicht so richtig an diesem doch sehr getragenen Abend. Xavier Naidoo versucht es in seiner Variante von "Das Gefühl" noch mit ein bisschen Schmackes.

Dann kommt der Part, in dem alle der Originalsängerin versichern, dass sie eine "große Künstlerin" so, "absolut, absolut", diese gegenseitige Einbutterung, die immer der unangenehmste Teil der Sendung ist. Macht aber nichts – man kann in dieser Zeit einfach noch ein bisschen über die Sache mit der Hutschachtel nachdenken.

Mehr zu "Sing meinen Song" finden Sie in unserem Dossier.

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