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TV-Kritik zum Kieler "Tatort"
Ein Lehrstück über die sozialen Folgen von Vernachlässigung

Szenenbilder aus dem "Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden"
Szenenbilder aus dem "Tatort: Borowski und die Kinder von Gaarden" FOTO: NDR/Christine Schroeder
Düsseldorf. Im Kieler "Tatort" klärten am Sonntagabend die Kommissare Klaus Borowski und Sarah Brandt den Mord an einem pädophilen Hartz-IV-Empfänger im Problem-Stadtteil Gaarden auf. Der Krimi war ein Lehrstück über die sozialen Folgen von Vernachlässigung und emotionaler Verwahrlosung. Von Martina Stöcker

Die besten Bilder

Skandinavisch kühl wirkt der Krimi aus Kiel. Bilder aus der Vogelperspektive und Nah-Aufnahmen, die die ganze Trostlosigkeit des Stadtviertels Gaarden zeigen. Optisch ein starker "Tatort". Auch die Szene, in der Kommissar Borowski (Axel Milberg) sich mit der Jugendgang, die den Hauptverdächtigen Timo Scholz (Bruno Alexander) mobbt und erpresst, auf einen Bolzplatz einschließen lässt, ist beeindruckend und spielt in der Symbolik auf die Zähmung wilder Tiere an.

Was nachwirkt

Die Drehbuchautoren Eva und Volker A. Zahn haben sich von einem realen Fall aus Berlin inspirieren lassen. Dort gab es in einem Problembezirk einen ähnlichen "Jugendtreff". Der Mann missbrauchte einen Jungen, der ihn daraufhin umbrachte. Die Lösung in diesem Fall ist nicht so einfach, aber das Thema der Vernachlässigung und der Gleichgültigkeit gegenüber sexuellen Missbrauchs ist stark. "Borowski und die Kinder von Gaarden" ist mehr eine Milieustudie als ein Krimi geworden. Und der Film ist auch das bessere Sozialdrama und schildert berührend die Umstände, in denen die Zukunft von Kindern verloren geht: ein Gemisch aus Ignoranz, fehlender Aufmerksamkeit und Gefühlskälte. Es spielt an einem Ort, an dem wenig Geld vorhanden ist, aber alle Tiere haben – und vielen sind diese wichtiger als die Menschen in ihrer Umgebung. Und der Film zeigt Jugendliche und Kinder, die wegen sozialer Verwahrlosung ungeliebt aufwachsen und deshalb sexuellen Missbrauch nicht als solchen wahrnehmen, weil er für sie schlicht eine Form der Aufmerksamkeit bedeutet.

Der lustigeste Dialog

Ein Hund bellt. Borowski zu einem Jungen: "Hast du einen Hund?" "Nein, das ist mein Bruder." "Und dein Bruder bellt?"

Den kennt man doch

Tom Wlaschiha spielt den undurchsichtigen Bezirkspolizisten Thorsten Rausch. "Rauschi" kennt Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) noch aus ihrer Jugend, auf der persönlichen Ebene wird lange mit dem Verdacht gegen den Polizisten gespielt. Der gebürtige Sachse verkörpert in der Serie "Game of Thrones" den Killer Jaquen H'ghar und ist in der fünften Staffel wieder dabei.

Der rührendste Monolog

"Die Regel Nummer eins in Gaarden ist: Du kannst entweder alles falsch oder ganz falsch machen. Ein Richtig gibt es hier nicht." Nicht nur Borowski ist beeindruckt von so viel Lebensklugheit des Teenagers Timo Scholz.

Was stört?

Borowski ist eh ein Softie unter den "Tatort"-Ermittlern, aber in diesem Soziogramm übertreibt er es ein wenig mit seiner verständnisvollen Tour und Sprüchen wie "Abhauen ist auch keine Lösung". Unfreiwillig komisch: Polizist "Rauschi" rennt in seiner Uniform und mit Sonnenbrille auf der Nase durch die Straßen, als wäre er ein Mitglied der "Village People". Und am Ende wird es trotz des bewegenden Themas etwas langatmig.

Wer überzeugt?

Die jungen Schauspieler, die die Mitglieder der Jugendgang verkörpern – allen voran Amar Saaifan, der den Totschläger Leon spielt. Kekilli und Wlaschiha haben eine ganz starke Szene, als die Kommissarin mit dem Kollegen "Wahrheit oder Pflicht" spielt – da zeigt er nämlich, was hinter der Sonnenbrille steckt.

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