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Kopenhagen
Giraffe Marius löst Ethikdiskussion aus

Zoo Kopenhagen verfüttert gesunde Giraffe an Löwen
Zoo Kopenhagen verfüttert gesunde Giraffe an Löwen FOTO: afp, dg
Kopenhagen. Während jährlich 750 Millionen Tiere in Deutschland geschlachtet werden, sorgt die Tötung eines Giraffenjungen im Kopenhagener Zoo für Aufregung. Die Empörung wird als Indiz für einen gesellschaftlichen Wandel gewertet. Von Patrick Scherer

Die Tötung des Giraffenjungen Marius in Kopenhagen sorgt für heftige Reaktionen. Mehr als 62 000 Menschen – etliche aus Deutschland – fordern in einer Online-Petition die Schließung des dänischen Zoos. Direktor Bengt Holst erhielt sogar Morddrohungen. Giraffe Marius war am Sonntag betäubt, erschossen und anschließend vor Kindern obduziert und an Löwen verfüttert worden. In deutschen Mastbetrieben wird zeitgleich weiter geschlachtet: Rinder, Schweine, Hühner, Enten, Schafe, Gänse, Puten und Ziegen werden täglich Opfer des Ernährungskreislaufs. 750 Millionen Tiere waren es 2013. Die öffentliche Empörung darüber ist kaum wahrnehmbar. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? Wann ist es legitim, Tiere zu töten? Wo liegt die Grenze?

Der Nürnberger Zoodirektor Dag Encke hatte erklärt, dass es auch in Deutschland gängige Praxis sei, überschüssige Tiere – gerade im Huftierbereich – an andere Zootiere zu verfüttern. "Niemand hätte sich beschwert, wäre ein Schwein an den Löwen verfüttert worden", erklärt Birgit Pfau-Effinger. Die Professorin ist Leiterin der Group for Society & Animals Studies (GSA) an der Hamburger Universität, seit 2011 die deutschlandweit erste sozialwissenschaftliche Gruppe, die sich dem Verhältnis der Gesellschaft zu Tieren widmet. "In diesem Fall geht es um zwei Probleme: Erstens, das Töten des Tieres als wahrnehmbares Subjekt. Zweitens, die Öffentlichkeit des Tötens."

Westliche Gesellschaften teilten Tiere grob in zwei Kategorien ein, was sich auch in der Behandlung niederschlägt. "Wichtig für das Mitgefühl ist die Sichtbarkeit. Haustiere nehmen wir als Subjekt wahr. Sie gehören zum Alltag. Selbst wenn wir keine Hunde besitzen, begegnen wir ihnen auf der Straße", sagt Birgit Pfau-Effinger. Dasselbe gelte für Tiere im Zoo. Auch dort begegnen wir Tieren als Individuen, die einen Namen tragen. Die Professorin erklärt: "Gewalthandlungen diesen Tieren gegenüber sind wir weitaus weniger tolerant." Ganz anders sieht das bei Nutz- oder Schlachttieren aus: "Diese Tiere sind Objekte, wir versachlichen sie. Mittlerweile sind Schlachthöfe nicht mehr in den Städten. Sie sind große Festungen auf dem Land. Das Schlachten ist nicht sichtbar, nicht wahrnehmbar."

Dass es nun zu einer Welle der Empörung kommt, ist für die Professorin ein klares Indiz für einen gesellschaftlichen Wandel. "Die Bereitschaft zur Empathie ist gestiegen. Gewalt wird generell immer weniger toleriert", sagt die Soziologin, die der Meinung ist, dass die Kategorisierung von Tieren scheinheilig ist. "Eine ethische Diskussion ist wünschenswert, da sich in unserer Gesellschaft tiefe Widersprüche aufgebaut haben. Die massenhafte Tötung von Tieren zur Gewinnung von Fleisch passt nicht mehr zu unserem kulturellen Leitbild", erklärt Birgit Pfau-Effinger. Die Behandlung von Tieren würde immer mehr am Maßstab des Umgangs mit Menschen ausgerichtet.

Die zweite Ebene, die Obduktion und Verfütterung der Giraffe vor den Augen von Kleinkindern, rechtfertigt Peter Dollinger, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Zoodirektoren, so: "Menschen sollten wissen, wie ein Tier geschlachtet wird, denn Fleisch wächst nicht bei Aldi im Regal." Für Birgit Pfau-Effinger ein nicht tragbares Argument: "Es macht wenig Sinn, Kinder schockartig aufzuklären."

Quelle: RP
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