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Duisburg
Heimat oder Heim?

Duisburg. Das Leben wird immer länger, die Menschen immer älter und auch die Entscheidung wichtiger: Wo und wie will ich alt werden? Aus dem Alltag zweier über 80-Jähriger, deren Lebensabend nicht unterschiedlicher aussehen könnte. Von Julia Rathcke

Anna Verheyen geht am Stock. Weniger mental, eher körperlich, also wenn sie nicht gerade einen ihrer Rollatoren zur Hand hat. Anna Verheyen ist 88 Jahre alt, hat Osteoporose, Skoliose, Venenthrombose, Lungenprobleme, Bluthochdruck, kaputte Knie-, Hüft- und sonstige Gelenke - zu viel für einen kleinen Körper, zu wenig für eine Pflegestufe. Mehr als acht Millionen Menschen in Deutschland sind laut Statistischem Bundesamt über 75 Jahre alt, ab 80 steigt das Risiko, pflegebedürftig zu werden, enorm. Ambulante Dienste versorgen rund 1,9 Millionen Menschen zu Hause, es gibt bundesweit über 13.000 Altenheime. Und doch gibt es die, die sich selbst versorgen, weil sie nicht anders wollen, weil sie nicht anders können, oder beides, wie Anna Verheyen aus Duisburg.

Es ist nicht so, als hätte das viele Vorteile. Wenn Anna Verheyen morgens ihr Bett machen will, zittern die Knie, die Hüfte knackt, sie braucht drei Pausen. Die Rollladen bekommt die 1,56-Meter-Frau nur an guten Tagen hochgezogen. In die enge, hohe Dusche geht es nur rückwärts, in die Hose nur im Liegen. "Es geht alles andere als gut", sagt sie. Laut ihrem Arzt müsse sie schon seit 15 Jahren tot sein, das sei ein Kompliment. "Gehen sie doch ins Heim", rate er regelmäßig. Verheyen sagt ihr dann: "Ins Heim? Niemals."

In den vergangenen 150 Jahren hat sich die Lebenserwartung der Deutschen mehr als verdoppelt. Um 1870 hatten Männer laut Statistik eine Lebenserwartung von etwa 35 und Frauen von etwa 38 Jahren. Heute werden Männer durchschnittlich 78, Frauen 83 Jahre alt. Unser Lebensweg wird immer länger, ebenso die Arbeitszeit; und die Frage, in welche Richtung es gegen Ende gehen soll, immer wichtiger: Wie will ich alt werden? Und wo: in den eigenen vier Wänden, bei meiner Familie oder im Altenheim? Es geht um die Entscheidung: Heim oder Heimat.

Geboren ist Anna Verheyen 1927 in Duisburg-Neumühl, aufgewachsen als Arbeiterkind mit zehn Geschwistern, der Vater Bergmann, die Mutter Hausfrau. Ruhrgebiets-Klassiker. Sie heiratete, bekam eine Tochter, schuftete 30 Jahre lang als Stationshilfe. Jeder Atemzug erinnert heute an die scharfen Desinfektionsmitteldämpfe im Krankenhaus damals, jedes Bücken an die Maloche. Ihr Mann, Dachdecker und nach dem Krieg in russischer Gefangenschaft, starb vor 35 Jahren an Herzproblemen. Anna Verheyens Herz starb 2006, als der Brustkrebs ihr ihre einzige Tochter nahm.

Damals dachte sie: Alleine zu Hause eingesperrt, das halte ich keine drei Tage aus. Heute geht ihr Lebensradius nicht über die 52-Quadratmeter-Wohnung hinaus. Bis 80 fuhr sie Rad, ging spazieren, kochte. Dann wollten Beine und Arme nicht mehr. Sie hoffte auf Hilfe, vielleicht eine Pflegekraft. Eine Gutachterin des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) kam im Herbst, Verheyen öffnete die Tür. "Sie sind ja angezogen", hieß es. Gut, dass sie das noch schafft - schlecht für die Pflegeeinstufung. Rund 1,5 Millionen Gutachten erstellt der MDK im Jahr über die Pflegebedürftigkeit von Menschen, die Leistungen bei ihrer Pflegekasse beantragen. Mitarbeiter klingeln, gucken, fragen, machen Häkchen und Notizen.

Name: Anna Verheyen. Geburtsdatum: 25.08.1927. Augen und Ohren: Lesen ohne Brille möglich. Zimmerlautstärke wird verstanden. Versicherte isst und trinkt regelmäßig. Medikamente werden selbstständig eingenommen. Die Kontinenz ist erhalten. Die Versicherte ist bewusstseinsklar, die Stimmungslage ausgewogen. (...) Der Allgemeinzustand ist als gut einzuschätzen. Pflegestufe: unterhalb Pflegestufe I.

Anna Verheyen könnte widersprechen, ein neues Gutachten anfordern so oft wie sie will, der MDK rät sogar dazu. "Nee, ich will nicht mehr", sagt die 88-Jährige leise, "ich will nicht mehr. Dieses Betteln."

Für eine Reinigungskraft reicht die kleine Rente. Das Taxi zum Arzt, zu dem sie zweimal die Woche sollte, kann sie sich nur ein Mal leisten. Einen Freifahrtschein gäbe es ab 80 Prozent Behinderung, in ihrem Ausweis eingetragen sind 70. Besuche vom Enkel sind selten, Freunde rar geworden. Verheyens einziger Arm nach draußen heißt Kurt, hat ein Moped und besorgt ihr einmal die Woche Brot, Konserven, Fertiggerichte, manchmal Eis. Ihr letzter Urlaub war 1989 in Österreich, ihr letzter Spaziergang um den Block 2014. Das Erste, was Anna Verheyen jeden Morgen und das Letzte, was sie jeden Abend sieht, ist der Fernseher. Ihr Fenster zur Welt draußen. Ihre eigene Welt sind ihre vier Wände, der Preis dafür ist hoch. Oder unbezahlbar. Wie man's nimmt.

Ruth Prenzyna hat das damals mitgenommen. Freiwillig hat die 82-Jährige ihre Wohnung in Mülheim nach 43 Jahren auch nicht verlassen. Aber die Schmerzen in der Wirbelsäule, die sie schon länger ans Bett fesselten, wurden zu stark, Morphin half nicht mehr. Sie kam ins Krankenhaus und dachte: Das ist das Ende. Aber es war ein Anfang.

Von der Station direkt ins "Dolce Vita". So heißt ihr Wohnbereich im Marienhof in Mülheim. In die Wohnung ist sie nicht zurück, sondern gleich ins Pflegeheim, vielleicht war das der Trick. Prenzynas Tochter Bärbel Schröer hat ein Foto von dem Tag 2014, als ihre Mutter zum ersten Mal in ihrem neuen Zimmer steht, in Jeans und Weste. Flott sieht sie da aus, nicht unglücklich, "und ich dachte, Mensch, so alt ist sie doch noch nicht", sagt die Tochter. "Aber es war besser so." Der Rundumservice zu Hause mit Pflegedienst, Putzkraft, Essen auf Rädern, sie selbst Krankenschwester - es ging, mehr als 15 Jahre lang, aber es ging nicht gut. Nicht für Ruth Prenzyna und nicht für ihre Tochter.

Menschen kommen auf die Welt, wie sie am Ende gehen: hilfs- und schutzbedürftig. Es dreht sich im Alter, man will die Eltern versorgen, so wie sie einen versorgt haben als Säugling. Etwas zurückgeben. Und wenn ein Elternteil ins Heim kommt, ahnt man, wie sich der erste Tag im Kindergarten für Mama und Papa angefühlt haben muss. So oder so: Man muss loslassen.

Ruth Prenzyna hat in der ersten Nacht losgelassen. Sie hatte gut geschlafen, wie in ihrem eigenen Bett, sich dann gedacht: Das ist ja jetzt mein Bett. Mit ihrer alten Kommode, dem grauen Sessel, den Familienbildern ist Geborgenheit miteingezogen. An schlechten Tagen gibt es Frühstück am Bett, die Wäsche wird gemacht, Friseur, Fußpfleger und Ärzte kommen regelmäßig.

Der Mülheimer Marienhof ist ein Neubau von 2009, konzipiert als Hausgemeinschaft mit Platz für 102 Bewohner. Je elf bis zwölf leben zusammen auf einer Etage, jeder in einem Zimmer mit Bad, Balkon oder Gartenstück, zusammen wird in der Wohnküche gekocht, die Freizeit geplant. "Ein besonderes Heim ist es gar nicht", sagt Heimleiter Thomas Krülls. Wie jede Einrichtung ringe man hier um Personal, gleichzeitig sei gute Pflege teuer. Derzeit sind es 82 Mitarbeiter in Teil- und Vollzeit, also zwölf bis 15 pro Schicht. Ruth Prenzyna sagt: "Die Schwestern sind ein Geschenk."

Sie war immer Familienmensch. Verheiratet, Mutter von zwei Kindern, Hausfrau, vorher Bürokraft in einer Buchbinderei. Ihr Mann starb vor 16 Jahren. Jeder Tag in der 70-Quadratmeter-Wohnung war ein Beweis für den Verlust: das Doppelbett, die Riesencouch. Gesundheit, seelisch wie körperlich, ist oft eine Frage von Wollen. Und Ruth Prenzyna wollte nicht mehr. Heute ist sie fit, ihr Terminkalender voll: Gymnastik, Gottesdienste, Dolce Vita. Ihre Tochter sagt, man hätte sich eher Gedanken machen müssen. Prenzyna sagt, man muss sich darauf einlassen.

Anna Verheyen hat ihre Schwester ab und zu im Heim besucht. Einmal hat ihre Schwester gesagt, sie müsse mal groß. "Dann scheißen Sie doch in die Windel", habe die Pflegerin gesagt. Das ist es, was Verheyen über Pflegeheime im Kopf geblieben ist. Das hat ihr gereicht.

Anna Verheyen, 88 Jahre alt, Witwe, will nicht in ein Altersheim. Ruth Prenzyna, 82 Jahre alt, Witwe, wollte nie in ein Altersheim.

Kürzlich war Prenzyna auf der Hochzeit ihrer Enkelin. Als ihre Tochter Bärbel Schröer sie spätabends in den Marienhof zurückfuhr, sagte sie: "Jetzt bringst du mich nach Hause."

Quelle: RP
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