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Elektrisierende Musik mit Trio Zimmermann

Zu den einschneidendsten Momenten der Filmgeschichte zählt die Adrenalin-Injektion, die Uma Thurman in "Pulp Fiction" nach einem Kollaps mit Herzstillstand verabreicht bekommt. Bei dieser Szene gucken selbst hartgesottene Cineasten weg. Der Komponist Arnold Schönberg hat die Prozedur am eigenen Leib erlebt. Im August 1946 erlitt er, längst unter üblen finanziellen Bedingungen in den USA lebend, einen schweren Herzinfarkt; nur eine Adrenalin-Spritze ins Herz konnte ihn zurückholen.

Tage zuvor hatte er mit der Komposition seines Streichtrios op. 45 begonnen. Die Nahtod-Erfahrung floss unmittelbar in den Kompositionsprozess ein. Thomas Mann schrieb später, Schönberg habe ihm alle Details des Stücks geschildert: "Er behauptete, er habe darin seine Krankheit und ärztliche Behandlung samt Krankenpfleger dargestellt." Sogar humoristische Momente gibt es in dem Stück; von einigen Akkorden darf man annehmen, dass sie die Spritze ins Herz darstellen.

Diese Musik kann man jenseits ihrer biografischen Aspekte, also ihres geheimen Programms, auch als absolute Musik hören, doch keiner sollte sich von der Tatsache schrecken lassen, dass es sich hier um Zwölftonmusik handelt. Man kann diese Musik fabelhaft hören, es gibt sogar Walzerepisoden, die eine Art Nostalgie des Lebensrückblicks im Angesichts des Todes symbolisieren. Geradezu handgreiflich wird die erregende Intensität der Musik in der neuen CD mit dem Trio Zimmermann (mit dem Geiger Frank Peter Zimmermann, dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra), dessen Spiel etwas Elektrisierendes hat: eine ungewöhnliche Reaktionsschnelligkeit, eine hohe Musikalität, die das Expressive aus den Linien schält, und eine fast unheimliche Brillanz des Spiels, die jeden Ton gleichwohl in den Dienst des Werks stellt.

Diese Perfektion des Musizierens adelt auch die Wiedergabe der beiden Hindemith-Quartette, die an technischer Komplexität fast nicht zu übertreffen sind. Selbst haarsträubend schwierige Passagen geraten atemberaubend genau. So grandios gespielt, verliert selbst schwierige Musik jeden Schrecken (erschienen bei BIS). Wolfram Goertz

Quelle: RP
 
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