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Partei im Streit mit FC-Köln-Fans
AfD: Ein Shitstorm kommt selten allein

Zehn Fakten zur AfD
Zehn Fakten zur AfD FOTO: dpa, Bernd von Jutrczenka
Rostock. Selten stürzen Politiker über ihre eine Verfehlung, sondern meist über eine fehlerhafte Krisenkommunikation. Was Kommunikationsexperten und PR-Berater seit langem wissen, scheint bis zum AfD-Kreisverband Mecklenburg-Schwerin nicht durchgedrungen zu sein. Von Aaron Clamann

Die Geschichte um das Facebook-Desaster des Regionalverbandes der AfD beginnt irgendwo zwischen Berlin und Wuppertal. Denn dort saß der Parteichef Bernd Lucke während einer Bahnfahrt am 18. April im Bordbistro eines ICE. Mit seiner Frau vertrieb er sich dort die Zeit. Die traute Zweisamkeit wurde jedoch unterbrochen, als aufgebrachte Fans des 1. FC Köln den Politiker erkannten.

Fotos: Bernd Lucke – Familienvater, Professor, Ex-AfD-Gesicht FOTO: dpa, pse jak

Die Fans waren auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel und wollten Lucke nicht im Zug sehen. "Wir wollen keine Nazis hier", sollen die Reisenden aus der Domstadt Lucke zugerufen haben. Erst durch das Einschreiten der Bundespolizei wurde die Lage beruhigt und das Ehepaar Lucke konnte ohne weitere Zwischenfälle nach Wuppertal fahren, wo Lucke nach Angaben der Partei einen Auftritt hatte. Für Lucke war die Angelegenheit mit dem Ausstieg in Wuppertal offensichtlich erledigt. Er verzichtete auf eine Anzeige.

Doch der Kreisverband Mecklenburg-Schwerin sieht die Sache offensichtlich nicht so gelassen, wie es das Handeln von Bernd Lucke vermuten lässt. Im sozialen Netzwerk Facebook hat der Verband kurze Zeit nach Bekanntwerden des Vorfalls einen Boykott-Aufruf gepostet. Nicht jedoch gegen den 1. FC Köln, dessen Fanshop oder aber Tagestickets des Bezahlsenders Sky für die Übertragung von Kölner Bundesliga-Spielen. Der Boykott-Aufruf richtete sich gegen Rewe, den Hauptsponsor des FC. "Absolut niederschmetternd sind die Reaktionen aus anderen Parteien, vom FC Köln und von seinem Hauptsponsor Rewe", heißt es in dem Post. Bis es keine Entschuldigung für den Angriff "in faschistischer Art und Weise" gebe, sollten AfD- Anhänger nicht mehr in Rewe-Supermärkten einkaufen.

Wie ein Unternehmenssprecher auf Anfrage unserer Redaktion erklärte, habe es seitens Rewe jedoch gar keinen Kommentar zu dem Vorfall um Bernd Lucke gegeben. Das Unternehmen verbreitete nach dem Boykott-Aufruf lediglich einen Tweet, in dem es hieß: "Aus gegebenem Anlass: Bei uns kann man auch ganz unbeobachtet einkaufen". In dem Beitrag folgte dann ein Link zum Onlineshop des Einzelhandelskonzerns.

Unter dem Beitrag des AfD häuften sich derweil hunderte hämische Kommentare. Fans des FC Köln und andere Kommentatoren schreiben, dass sie jetzt erst recht bei Rewe einkaufen würden, wo absehbar sei, dass weniger AfD-Mitglieder in den Märkten anzutreffen seien. Die Kommentatoren bedienen sich dabei auch des Slogans von Rewe "besser leben". Auch zum Kurznachrichtendienst Twitter schwappt die Diskussion über. Dort finden sich diese Bildretuschen:

Dem Kreisverband Mecklenburg-Schwerin wurde der Shitstorm jedoch bald zu groß, der ursprüngliche Facebook-Eintrag verschwand aus dem Netz. Auf der Fanseite effzeh.com ist ein Screenshot des Postings jedoch noch hinterlegt.

Die Affäre um den bisher eher unbekannten Kreisverband der AfD wäre jedoch nur halb so interessant, hätte es nach dem ersten Beitrag zu dem Thema nicht noch einen zweiten gegeben. Mit einem zweiten Beitrag, der gestern Vormittag veröffentlich wurde, holte der Sturm der Schande noch einmal tief Luft und blies der Alternative für Deutschland in Mecklenburg noch einmal über 100 hämische Kommentare auf die eigene Facebook-Seite.

++An all die Empörten und Distanzierer, die Scheinheiligen, die Schubladendenker, Moralapostel, Ignoranten, Gutmenschen...

Posted by AfD Kreisverband Mecklenburg-Schwerin on Wednesday, April 22, 2015

Die Kritiker des ersten Beitrages werden als "Scheinheilige", "Schubladendenker" und "Ignoranten" bezeichnet. Daneben steht ein mahnendes Zitat aus der Oscar-Wilde-Komödie "Der ideale Gatte": "Moral ist weiter nichts als die Haltung, die wir Leuten gegenüber einnehmen, gegen die wir eine persönliche Abneigung haben." Viele Kommentatoren reiben sich vor allem an dem Zitat, schießlich sei es eher einer Figur aus "Der ideale Gatte" und nicht Wilde als Person zuzuordnen. Andere Kommentare erneuern die Ankündigung, nun häufiger bei Rewe einkaufen zu gehen.

Der Kreisverband bleibt jedoch auch nach dem zweiten Beitrag bei seinem Boykott, der in den Kommentaren von Fußballfans und gegenüber dem Kölner "Express" auch von Parteifreunden kritisiert wird. Der Kölner AfD-Politiker Henning Rottmann, selbst FC-Fan, sagte der Boulevard-Zeitung, dass die Aktion nicht abgesprochen gewesen sei. Rottmann und die Kölner AfD machten weder dem Verein noch dem Sponsor einen Vorwurf.

Jedoch nicht nur im Umgang mit der Affäre um den verbalen Angriff von Kölner Fans auf Bernd Lucke herrscht Zwiespalt innerhalb der AfD. Auseinandersetzungen innerhalb der Partei haben etwa dazu geführt, dass der Landesparteitag in Nordrhein-Westfalen nicht wie geplant am kommenden Samstag stattfindet. Die Absage kam gestern und schließt sich an Ermittlungen gegen den NRW-Chef Marcus Pretzell an. Dieser war 2014 zum Vorstand gewählt worden, hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch keinen Wohnsitz mehr in NRW. Dem Parteienrecht zufolge hätte Pretzell also nie Vorsitzender werden können. Pretzell gilt zudem als scharfer Kritiker von Bundeschef Bernd Lucke.

(ac)
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