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Berliner Republik
Meinungsbildung ohne Fakten

Berliner Republik: Meinungsbildung ohne Fakten ist Populismus
FOTO: Quadbeck
Berlin. Immer mehr Menschen weigern sich, Fakten anzuerkennen. Neu ist, dass Sachargumente bei vielen überhaupt keine Rolle mehr spielen – willkommen im postfaktischen Zeitalter. Für die Demokratie ist das schlecht. Von Eva Quadbeck

Die Zahl der Realitätsverweigerer hat derart zugenommen, dass Soziologen schon vom postfaktischen Zeitalter sprechen. Post als das lateinische Wort für "nach" soll umschreiben, dass wir in einer Zeit nach den Fakten leben. So wie wir einst die Postindustrialisierung, die Postmoderne und den Postfeminismus erreicht hatten. Das Postfaktische meint konkret: Immer weniger Menschen sind bereit, Tatsachen als solche anzuerkennen. Die "Reichsbürger", die die Bundesrepulik Deutschland nicht anerkennen, sind wohl eine der krassesten Ausprägungen dieser Spezies.

Das Phänomen des Postfaktischen wiederum hängt mit dem explosionsartig gestiegenen Zugang zur Information für alle zusammen. Im Prinzip kann sich heute jeder alle Fakten aus dem Netz ziehen. Im Prinzip. Dies funktioniert aber nur, wenn man weiß, welchen Quellen zu trauen ist und wie die Daten einzuordnen sind. Immer mehr Menschen gehen dazu über, sich ihre eigenen Wahrheiten aus dem Netz zu fischen und diese selbstreferenziell unter Gleichgesinnten zu verbreiten.

Emotion statt Verstand

Politiker, die mit Fakten argumentieren, dringen oft nicht mehr durch. Denn misstraut man der Person, misstraut man auch ihrer Interpretation der Tatsachen. Jene, die im Postfaktischen angekommen sind, verbreiten ihre Argumente zumeist mit Lautstärke und Aggression – denn Fakten haben sie ja nicht.

Für die politische Meinungsbildung zählt oft die Emotion mehr als die Ratio. Nun ist dieses Phänomen auch nicht ganz neu. In der Bundesrepublik haben es sich Politiker in Wahlkampfzeiten über Jahrzehnte zunutze gemacht, dass der Wähler oft aus dem Bauch heraus abstimmt. Angela Merkels "Sie kennen mich" im TV-Duell gegen den damaligen SPD-Herausforderer Peer Steinbrück im Wahlkampf 2013 belegt, dass die Verkürzung von Politik auf ein Gefühl sehr erfolgreich sein kann. Neu aber ist, dass Sachargumente schlicht gar nicht mehr zählen.

Das ist eine bedenkliche Entwicklung, weil die Auseinandersetzung über die Fragen, die das Volk unmittelbar betreffen, den Kern der Demokratie ausmacht. Wollt ihr eine höhere Rente oder weniger Schuldenlast für die jüngere Generation? Sollen die Energiepreise steigen, oder verkraftet die Umwelt weiter Kohlestrom? Senken wir die Zahl der Flüchtlinge durch Grenzschließungen oder durch mehr Engagement gegen die Fluchtursachen? Solche grundlegenden Fragen drohen durch jene, die sich nicht mehr mit Fakten auseinandersetzen wollen, entkernt und emotional beantwortet zu werden. Das nennt man dann Populismus.

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Quelle: RP
 
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