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Kolumne: Gesellschaftskunde
Denkzettel von der Hämegesellschaft

Kolumne: Gesellschaftskunde: Denkzettel von der Hämegesellschaft
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Düsseldorf. Der vergangene Wahlsonntag zeigt: Man muss gar keine Lösungen vorlegen, um in der Politik punkten zu können. Aber gegen Vereinfacher gibt es ein Mittel. Von Dorothee Krings

Nun haben also die Tage der Hermeneutik begonnen: Unterlegene Politiker versuchen, den Wahlergebnissen Sinn abzuringen, der in ihre Strategien passt. Das ist nur menschlich. Wer gibt schon gerne öffentlich zu, dass ihm etwas misslungen ist? Trotzdem ist der Reflex fatal, denn es ist auch das Gefühl, nur noch von Taktikern an der Wirklichkeit vorbei regiert zu werden, das aus Menschen Protestwähler macht. Und dann muss eine AfD gar keine eigenen Lösungen zu den drängenden Fragen unserer Zeit vorlegen.

Es genügt, dass sie dieses Unbehagen formuliert, diese pseudoaufklärerische Pose einnimmt, endlich die Themen anzusprechen, die andere angeblich vertuschen oder schönreden. Das ist nur schwer zu entlarven, weil man sich dafür mit Details herumschlagen muss. So kann die AfD durch Rhetorik punkten, sie muss nicht kompliziert und anstrengend werden. Es genügen ein paar "Finger in die Wunde"-Stichworte und dazu das unschuldige Knabengesicht von Frauke Petry, die die völkische Tümelei mit Begriffen wie "Volkskörper" oder "Einwanderer-Mob" ihren Hintermännern und -frauen überlässt.

Was dagegen hilft, haben die Wahlen von Sonntag aber auch gezeigt: Standhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Gelassenheit. Winfried Kretschmann hat den Grünen im Ländle einen Sieg beschert, weil er den Typus des rechtschaffenen Bürgers verkörpert, den es aus Überzeugung in die Politik verschlagen hat. Nicht aus Machthunger, nicht wegen taktischer Finesse, sondern aus Verantwortungsgefühl.

Das ist eine romantische Sicht auf Politik, denn Politiker müssen an die Macht wollen, um überhaupt wirksam werden zu können. Aber viele wollen davon nichts wissen. Sie wollen von engagierten Biedermännern regiert werden, denen sie gesunden Menschenverstand und Ehrlichkeit zutrauen.

Das könnte beruhigen. Doch hat der Wahlsonntag auch gezeigt, dass viele sich nicht mehr schämen, aus dieser oder jener Unzufriedenheit Rechtspopulisten zu wählen. Der Hämegesellschaft ist jedes Mittel recht, um aus der Anonymität des Wahlvolkes heraus Denkzettel zu verteilen. Schließlich gibt es kein schöneres Vergnügen, als den gut gebildeten Kindern der 68er mit ihrem dicken Erbe und ihrem Multikulti-Gehabe von rechts eins mitzugeben.

Da verläuft der Riss durch Deutschland. Dagegen helfen keine Solidarpakte, keine Flüchtlingsobergrenzen, nur das aufrechte Beharren darauf, dass es sich nicht gehört, Menschen als Gelump zu bezeichnen, nur weil sie keine Papiere besitzen, und von Todesschüssen an der Grenze zu faseln. Das ist die moralische No-go-Area, die es weiterhin zu markieren gilt.

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