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Kolumne: Gesellschaftskunde
Deutschlands offene Flanke ist die Zukunft

Düsseldorf. Nach der Wahl wird Seelenschau der AfD-Wähler betrieben. Dabei müsste es schleunigst um Fragen der Zukunftsgestaltung gehen. Das allerdings darf nicht weiter ein Projekt der Eliten bleiben. Von Dorothee Krings

Nun ist die große Schwierigkeit, ohne Herablassung über diese Wahl zu reden. Ohne die Figur des Jammer-Ossis zu bemühen, der in verblühten Landschaften hockt und sein Wutkreuz gemacht hat. Oder des mürrischen Wessis in den Strukturwandel-Städten, der mit dem Fortschritt nicht mithalten kann und darum kundtut, dass er es auch gar nicht will. Denn das alles treibt den Keil in der Gesellschaft nur tiefer. Und es verharmlost, was die Wahl ergeben hat.

Die AfD hat in Ost und West Denkzettel-Wähler mobilisiert, die denen da oben mal ordentlich Druck machen wollen. Das hat mit acht Jahren großer Koalition zu tun, aber auch mit einer bedenklichen Haltung Politik gegenüber. Viele Menschen empfinden die Abgeordneten im Parlament nicht mehr als ihre Vertreter, sondern als Gegner, bestenfalls Oberlehrer, denen man eins auswischen kann. Tatsächlich sitzt im Parlament ja kein Querschnitt der deutschen Bevölkerung, doch das wird erst zum Problem, wenn viele Menschen das Gefühl bekommen, die Eliten setzten sich ab, lebten ihr borniertes Leben in gentrifizierten Vierteln, in denen normale Leute sich das Wohnen nicht mehr leisten können, und machten ihr Ding. Politikverdrossenheit ist ein Zeichen für wachsende Ungleichheit. Und wer dagegen nicht vorgehen will, muss sich darauf einstellen, in einer zunehmend aggressiven Gesellschaft zu leben, in der Wut ihre Wege finden wird.

Die AfD-Ergebnisse nur als ein Signal für die soziale Schieflage zu deuten, ist jedoch zu harmlos. Das konnte jedem klar werden, als AfD-Mann Alexander Gauland am Wahlabend in diesem skurrilen Landmann-Look vor die Kameras trat und zur Jagd auf die Kanzlerin blies. Es ist diese unsägliche Veränderung des Tons, die Anhänger der AfD gewählt haben. Und zwar nicht aus Versehen, sondern bewusst. Schließlich gab es schon vor der Wahl genug Äußerungen des AfD-Spitzenpersonals, die ihre Geisteshaltung offenbarten. Natürlich sind nicht alle AfD-Anhänger Rassisten, aber sie haben anscheinend das Bedürfnis, Aggressionen rauszulassen, wenn auch erst nur in der Sprache.

Man spürt den Drang, sich einfach abzuwenden. Endlich über die Zukunft zu reden, über die Gestaltung des Fortschritts, weil Deutschland dort in Wahrheit eine offene Flanke hat. Das Land muss aber alles daran setzen, dass Menschen egal welcher Herkunft und sozialer Schicht an dieser Zukunft mitwirken können. Sonst wird die einfachste Form der Selbstaufwertung, die durch Nationalismus, für zu viele die Alternative bleiben.

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Quelle: RP
 
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