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Berlin
Die Helfer brauchen selbst Hilfe

Berlin. Hunderttausende Freiwillige engagieren sich für Betreuung und Unterbringung der Flüchtlinge. Manchen indes schwinden die Kräfte. Von Gregor Mayntz

Sie heißen "Asylothek", "Fremde Freunde", Caritas, Diakonie oder DRK, und sie engagieren sich alle für Flüchtlinge. Hunderttausende von Helfern haben es nicht dabei belassen, Willkommens-Schilder hochzuhalten, Spielzeug zu spenden und Kleidung vorbeizubringen, sondern sind täglich im Einsatz. Doch an manchen Stellen lichten sich die Reihen, kommen die verbleibenden Ehrenamtler an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Viele Helfer seien bereits seit Wochen im Einsatz und nun "an der Grenze der Belastbarkeit", wie Dieter Schütz vom Deutschen Roten Kreuz berichtet. Nun sei auch der Staat in der Pflicht.

Das DRK betreibe bundesweit mehr als 440 Notunterkünfte mit mehr als 120.000 Flüchtlingen. Rund 15.000 ehrenamtliche und hauptamtliche Helfer seien rund um die Uhr im Einsatz. Ohne die Freiwilligen, von denen viele erstmals und spontan dazugestoßen seien, könne die Aufgabe überhaupt nicht gestemmt werden.

Rund-um-die-Uhr-Einsätze kennen die Hilfswerke immer wieder von Überschwemmungen oder Schneekatastrophen. Doch die sind meistens nach ein, zwei Wochen bewältigt. Dann geht das normale Leben weiter. Die Ehrenamtler wechseln zurück an ihren Arbeitsplatz und in ihre Familien. Anders in der aktuellen Flüchtlingssituation: Seit Monaten kommen täglich Tausende hinzu; damit reißt auch der Bedarf an Ehrenamtlern nicht ab.

Von daher sind die Hilfsorganisationen dankbar für jeden Appell an die Arbeitgeber, großzügig an die Freistellung für die Flüchtlingshilfe heranzugehen. Inzwischen ist nach Einschätzung von DRK-Präsident Rudolf Seiters aber mehr nötig. "Bei solchen nationalen Großeinsätzen halten wir die Gleichstellung der ehrenamtlichen Helfer mit der Freiwilligen Feuerwehr oder dem Technischen Hilfswerk für unumgänglich", sagte Seiters unserer Redaktion. In der aktuellen Flüchtlingskrise gehe es um Monate, so dass sie mit Einsätzen etwa bei einer Flut nicht zu vergleichen sei. Deshalb müsse es eine Regelung für nationale Großeinsätze geben. Außerdem müsse die Flüchtlingsarbeit mehr und mehr in die Hände professioneller Helfer übergehen.

Ute Burbach-Tasso von der Diakonie schätzt, dass sich allein im kirchlich-diakonischen Bereich derzeit 100.000 Menschen für Flüchtlinge engagieren. Konkrete Zahlen gebe es nicht, da die Initiativen gerade "wie Pilze aus dem Boden schießen". Viele Willkommensgruppen würden koordiniert von Migrationsfachstellen und seien in Kirchengemeinden angesiedelt. In diesen Strukturen könnten die Ehrenamtlichen qualifiziert, gefördert, begleitet und bei Bedarf auch aufgefangen werden. Insgesamt hält sie den möglichen Pool von Helfern noch für ausreichend groß, um Lücken nach dem Ausscheiden von Helfern durch frische Kräfte schließen zu können.

Ähnliche Eindrücke bekommt Claudia Beck vom Caritasverband. Bundesweit seien auch hier rund 100.000 Frauen und Männer in der Arbeit für Flüchtlinge eingesetzt. "Wir erleben weiterhin eine sehr hohe Bereitschaft, sich zu engagieren", berichtet Beck. Täglich sammeln die Gruppen auch neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse, die nützlich für die vielen anderen Helfer sein können. So haben sich im Landesverband Baden-Württemberg Caritas und Diakonie zusammengetan und ein Handbuch für Freiwillige ("Flüchtlinge begleiten") herausgegeben.

Ein Positionspapier der SPD-Fraktion beschäftigt sich nun auch mit der Idee, vorzeitig in den Ruhestand versetzte Soldaten und Zivilbeschäftigte der Bundeswehr vorübergehend zu reaktivieren. Das sei ein "Reservoir an Fachkräften", das für bis zu zwei Jahre zur Bewältigung der Flüchtlingskrise genutzt werden könnte, meint die Fraktion. Das Verteidigungsministerium könne die Pensionäre anweisen oder aber auch darauf setzen, dass sie sich freiwillig wieder zum Dienst melden.

Die Bundesregierung setzt derweil unter anderem auf den "Bundesfreiwilligendienst" (Bufdi). Im neuen Etat hat sie 50 Millionen für 10.000 weitere "Bufdis" vorgesehen, die vor allem in der Flüchtlingsbetreuung vorgesehen sind. Der neue Ansatz: Auch und vor allem Flüchtlinge selbst sollen sich, vom Bund geschult und mit einem kleinen Honorar bezahlt, um nachfolgende Neuankömmlinge kümmern.

Eine kleine Geste hat sich im übrigen der Deutsche Fußball-Bund einfallen lassen: Beim Länderspiel gegen die Niederlande nächsten Dienstag in Hannover gehen 2500 Tickets als Dankeschön an Flüchtlingshelfer aus der Region.

Quelle: RP
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