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Tröglitz
"Es hat gebrannt, das war's"

Brand in zukünftigem Flüchtlingsheim in Tröglitz
Brand in zukünftigem Flüchtlingsheim in Tröglitz FOTO: dpa, hsc cul
Tröglitz. Der kleine Ort Tröglitz in Sachsen-Anhalt ist am Karsamstag zu einem neuen Synonym für Fremdenfeindlichkeit geworden. Ein Besuch. Von Daniel Schauff

Eine Frau kommt aus einem Einfamilienhaus in der Tröglitzer Ernst-Thälmann-Straße und sagt: "Das waren keine Tröglitzer. Tröglitzer machen so etwas nicht." Man kenne sich hier in dem 2700-Einwohner-Dorf unweit von Zeitz im fast idyllischen Burgenlandkreis. Die Täter müssen von außerhalb sein, ist sich die Frau sicher. Ihr Zuhause liegt nur ein paar Schritte von dem ansehnlichen Mehrfamilienhaus auf Tröglitz' kleiner Hauptstraße entfernt. Der Putz ist frisch gestrichen, das Grundstück ist grün. Ein netter Platz zum Wohnen, würde im Dach des Hauses nicht ein riesiges Brandloch klaffen. Der Blick der Nachbarin geht nur kurz in Richtung Dachstuhl des gegenüberliegenden Hauses. "Schrecklich", sagt sie. Ihren Namen will sie nicht nennen. Zu viele Journalisten trieben sich im kleinen Tröglitz herum, seit am Karsamstag noch unbekannte Täter das Mehrfamilienhaus in Brand gesetzt haben. 40 Flüchtlinge sollten hier im Mai einziehen. Seit dem Anschlag ist der Ort ein neues Symbol für die Fremdenfeindlichkeit in der ostdeutschen Provinz. Etwas, das den so beschaulich wohnenden Tröglitzern missfällt.

Nur ein paar Meter weiter arbeitet eine ältere Frau im Vorgarten ihres Häuschens. Ab und zu schaut sie in Richtung der Absperrung, die Fußgänger und Radfahrer vor noch herunterfallenden Teilen des verbrannten Hausdachs schützen soll. "Ganz schlimm" sei das, was hier passiert ist, sagt sie. "Wenn sie die kriegen, die müssten sie..." Die Frau spricht nicht weiter. Häuser zu besprühen und zu beschmieren, das wäre ja nicht so schlimm. Aber in Brand setzen? "Das macht man nicht", sagt sie. Schließlich seien noch zwei Leute in dem Haus gewesen, als es in Flammen aufging.

"Wissen Sie, die Frau kriegt Hartz IV", sagt die Seniorin, so, als sei der Anschlag allein deshalb noch grausamer. Wie es der Frau geht, die bei dem Brand noch im Haus war? Sie sei jetzt in einem Hotel untergekommen. Man sehe sich noch hin und wieder auf der Straße, spräche aber nicht über den Karsamstag. "Aber wie man so hört, geht es ihr gut." Den Umständen entsprechend.

Vor einem kleinen Supermarkt am Tröglitzer Friedensplatz treffen sich eine Handvoll Männer. Geredet wird nur leise. Einer der Männer sitzt auf einer Bank. Er hat zu viel Bier getrunken, um noch gerade stehen zu können. Ein anderer hält ebenfalls eine Flasche Bier in der Hand, ist aber noch mit dem Rad unterwegs. Nichts wolle er zu dem sagen, was hier vor wenigen Tagen geschehen ist. "Es gibt Sachen, über die redet man besser nicht", sagt er. Warum? Das sei halt so. Das alles werde viel zu sehr hochgespielt, sagt er.

Dutzende Polizisten treffen am Friedensplatz ein, um sich abzusprechen und mit dem Polizeirevier in Weißenfels und dem Landeskriminalamt in Magdeburg in Kontakt zu treten. Der Parkplatz, auf dem sonst die Einkäufer und Bankkunden parken, ist kaum groß genug für die Einsatzwagen der Ermittler. In vielen Straßen stehen weitere Wagen.

Und so ist Tröglitz derzeit das vielleicht sicherste Dorf Deutschlands. Es könne ja sein, dass die Täter wiederkommen, die Brandruine beschmieren oder vollständig niederbrennen wollen, sagt ein Polizeisprecher. Seit Samstag sind seine Kollegen 24 Stunden am Tag vor Ort, sichern das beschädigte Haus in der Thälmann-Straße. Nun wird auch eine Videoüberwachung genutzt, um das Geschehen beobachten zu können. Einige Kollegen ziehen durch die Straßen, gehen von Haustür zu Haustür, um nach Hinweisen zur Tat zu fragen.

"Bei uns waren sie auch", sagt der junge Mann, der sich - gemeinsam mit zwei Freunden aus dem Nachbarort - auf eine der Bänke zwischen Supermarkt und Polizei-Einsatzzentrale gesetzt hat, um das Geschehen zu beobachten. "Das ist Wahnsinn", sagt der Tröglitzer. Er wohne ein paar Straßen hinter der Thälmann-Straße, vom Brand habe er nichts mitgekriegt. "Am Morgen war es schon verbrannt", sagt er. Wer das gewesen sein könnte? "Keine Ahnung. Keiner von hier." Das habe er auch der Polizei gesagt.

Zwei Filmteams sind an diesem Nachmittag in Tröglitz unterwegs, eines kommt aus Mainz, das andere aus Großbritannien. "Da wird nicht gefilmt!", ruft ein Mann quer über die Straße, als der Kameramann eine Aufnahme vom Fußballfeld des Turn- und Sportvereins Tröglitz macht. Der Verein will Flüchtlingen Sportangebote machen. Der Mann flucht laut. "Ja, das nervt", sagt er. "Es hat gebrannt, das war's." Ihn interessiere es nicht, wer das gewesen ist. Das sei unwichtig. Es habe einfach nur gebrannt. Mehr nicht, sagt er.

Im südlichsten Zipfel des Örtchens, wo die Eigentumshäuser schmucker und größer werden, zieren ein paar kleine Tonfiguren einen Torbogen, der zu einem Grundstück führt. Die Männchen haben schwarze Hautfarbe. Es ist ein überraschendes Bild in einem Dorf, dessen Name der neue Inbegriff für Fremdenhass geworden ist. Vor Ort aber wirkt dieser Hass eher wie eine Angst vor allen, die nicht hierhergehören: vor Journalisten, Polizisten - und eben auch Flüchtlingen.

Der Autor ist Reporter der "Lausitzer Rundschau".

Quelle: RP
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