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Analyse
Sex mit 14 ist die Ausnahme

Sex mit 14 ist die Ausnahme
FOTO: dpa, Peter Endig
Berlin. Die Jugendlichen von heute geben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wenig Anlass zur Sorge. Sie leben ihre Sexualität verantwortungsvoll und heben sich so von der Elterngeneration ab. Von Jan Drebes

Da ist zum Beispiel Jasmin. Sie ist 14 Jahre alt, kommt aus Halle an der Saale und ist im achten Monat schwanger. Der Privatsender RTL II begleitet Jugendliche wie Jasmin mit der Kamera auf ihrem schwierigen Weg zum Elternwerden. Die Sendung heißt "Teenie-Mütter" und trägt den Untertitel "Wenn Kinder Kinder kriegen". Aber werden tatsächlich immer mehr Minderjährige in Deutschland ungewollt schwanger? Stimmt es, dass junge Paare weniger verhüten als früher und Teenager einer "Generation Porno" angehören, die süchtig nach derlei Bildchen und Filmen im Internet ist?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) kommt in der neuen Studie "Jugendsexualität 2015" zu einem gegenteiligen Ergebnis. Jugendliche gehen in Deutschland heute sehr verantwortungsvoll mit Sexualität um, verhüten beim ersten Geschlechtsverkehr deutlich häufiger als die Generationen vor ihnen und haben trotz einfachen Zugangs zu Pornografie weiterhin romantische Vorstellungen von Liebe, Partnerschaft und Treue. Das hat eine Analyse des Meinungsforschungsinstituts TNS Emnid im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergeben. Die Studie knüpft an Untersuchungen der Vorjahre an, seit 1980 liegen Daten vor. Neben den Befragungen der Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren und deren Eltern wurden nun erstmals auch junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren in die Untersuchung eingebunden. Insgesamt führten die Forscher 5750 Interviews im Zeitraum von Frühjahr bis Sommer 2014.

Demnach hatten nur sechs Prozent der befragten 14-Jährigen schon einmal Geschlechtsverkehr, sie sind also die absolute Ausnahme. Bei den 17-Jährigen waren hingegen schon mehr als die Hälfte der Befragten über Zärtlichkeiten hinausgegangen. Damit sei die Gruppe der 14- bis 17-Jährigen aber nicht früher sexuell aktiv als ihre Zeitgenossen in vorherigen Studien, sagte BZgA-Chefin Heidrun Thaiss in Berlin. Das gilt auch für die männlichen 14-Jährigen mit Migrationshintergrund, von denen bereits 14 Prozent Geschlechtsverkehr hatten. "Bis 2005 haben sich die sexuellen Aktivitäten nach vorne verschoben", sagt Thaiss. Inzwischen sei der Trend gestoppt, wenn nicht rückläufig. Thaiss nannte einen "Wertewandel" als möglichen Grund.

Tatsächlich stehen laut Studie romantische Werte, Liebe und feste Partnerschaft hoch im Kurs. So gaben zwei Drittel der Mädchen zwischen 14 und 25 Jahren als Grund für ihre Zurückhaltung an, dass der Richtige für ein erstes Mal noch fehle. Und ein Drittel der befragten jungen Frauen mit Migrationshintergrund sagte, Sex vor der Ehe sei nicht richtig. Andersherum gaben mehr als 70 Prozent der Mädchen bis 17 Jahre an, ihren ersten Geschlechtsverkehr mit einem festen Partner gehabt zu haben - Tendenz seit zehn Jahren steigend (2005: 64 Prozent). Bei den deutschen Jungen waren es zuletzt 61 Prozent (2015: 52 Prozent), bei Jungen mit Migrationshintergrund noch 42 Prozent. Vor zehn Jahren lag der Wert bei lediglich 29 Prozent.

Die in der Studie beobachtete Sehnsucht nach festen Partnerschaften wertete der Trendforscher Peter Wippermann als Gegenbewegung zum gesellschaftlichen Mainstream mit oft unbeständigen Beziehungen und Ehen. Die Jugend handle, ähnlich wie bei Retro-Trends, nach dem Motto "Wir machen es besser", sagte Wippermann. Auch die Sexualwissenschaftlerin Katja Krolzik-Matthei von der Hochschule Merseburg meint, der Glaube an die große Liebe und anhaltende Treue sei unter Jugendlichen über die Jahrzehnte konstant hoch geblieben.

Beim Verantwortungsbewusstsein hat sich hingegen einiges getan. Keine Generation zuvor verhütete so häufig beim ersten Geschlechtsverkehr wie die heute 14- bis 17-Jährigen - übrigens in zwei Drittel der Fälle mit Kondom. Nur sechs Prozent der deutschen Jungen und acht Prozent der deutschen Mädchen verhüteten beim ersten Mal nicht, 1980 lag der Wert noch bei 29 und 20 Prozent. Noch deutlicher schrumpfte die Zahl bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Verzichtete in dieser Gruppe 2005 (erstmals erhoben) noch rund ein Drittel der Jungen auf Verhütung, so war es nun nur noch ein Zehntel. Bei den Mädchen sank der Anteil von knapp 20 Prozent auf zwei Prozent. Mit Migrationshintergrund wurden jene Jugendlichen gewertet, die selbst nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen oder bei denen mindestens ein Elternteil bei Geburt nicht deutscher Staatsangehöriger war. BZgA-Chefin Thaiss wertete den Trend zu mehr Verhütung als "beachtlichen Erfolg" der Aufklärungsarbeit.

Und die übernimmt bei Mädchen in deutschen Haushalten meistens die Mutter, bei Mädchen mit Migrationshintergrund die beste Freundin. Bei den Jungen ergibt sich je nach Herkunft ein völlig anderes Bild. Die meisten deutschen Jungen bis 17 Jahre vertrauen bei der Aufklärung auf die Lehrer in der Schule, auf Platz zwei und drei folgen Mutter und Vater. Bei Jungen mit Migrationshintergrund sind es auch zuerst beste Freunde, dann Lehrer und andere Jungen, und erst danach wenden sie sich an Vater und Mutter.

Nach Angaben von Heidrun Thaiss hat man bei der Auswertung der Studie, die vollständig erst 2016 erscheinen wird, zudem festgestellt, dass Jugendliche sich zum Zwecke der Aufklärung häufiger im Internet informierten. Auch Pornografie werde häufig online angeschaut. Die EU-Initiative "Klicksafe" kommt zu dem Ergebnis, dass mittlerweile zwischen 60 und 80 Prozent der Jugendlichen ab 13 Jahren Erfahrungen mit Pornos gemacht hätten - die wenigsten aber regelmäßige. Jungs täten das eher in Gruppen, Mädchen mit dem Partner. Thaiss kommt zu dem Schluss, dass die Jugendlichen heute liberaler mit sexuellen Praktiken und gleichgeschlechtlichem Sex umgehen würden.

Quelle: RP
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