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Trauer
Wenn der Sohn nicht zurückkehrt

Trauer: Wenn der Sohn nicht zurückkehrt
FOTO: Nein
Düsseldorf. Vor vier Jahren starb Tobias Rüggeberg bei einem Unfall in Ägypten. Seitdem lernen seine Eltern, mit der Trauer zu leben. "Unser Leben ist für immer beschädigt", sagt der Vater. Von Dorothee Krings

Sie dachte sofort an die Eltern. An deren Unbeschwertheit auf dem Weg zum Flughafen, an die Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kindern und an den Moment, da man sie beiseitenahm und ihr Glück ins Unglück stürzte. "Da wird von einer Sekunde auf die nächste die Uhr auf null gestellt", sagt Bernadette Rüggeberg, "von da an beginnt ein - völlig neues Leben."

Sie macht Pausen zwischen den letzten Wörtern, damit sie das Gewicht bekommen, das ihnen zusteht. Der Absturz der Germanwings-Maschine in den Alpen hat die Rüggebergs zurückgeworfen in die eigene Vergangenheit. In jene Nacht, da ihr Leben in zwei Teile zerbrach - das Leben vor dem Tod ihres Sohnes, und das danach. Nachts um drei Uhr hatte ihre Tochter aufgelöst vor ihrer Tür gestanden. Sie war zuerst von der Polizei benachrichtigt worden, den Eltern wollte sie das ersparen. So fuhr sie von ihrem Studienort Aachen nach Köln, um ihren Eltern zu sagen, dass Tobias etwas zugestoßen war. Beim Urlaub in Ägypten. Ein Busunfall. Er war sofort tot.

"Ich habe geschrien", sagt Klaus Rüggeberg, "diese Verzweiflung, das Gefühl, das Leben ist zu Ende, das schaffe ich psychisch nicht, das musste aus mir raus." Er hat diese Verzweiflung noch in sich, weiß noch, wie sich der Abgrund auftat. Auch nach vier Jahren noch. Inzwischen kann er darüber sprechen, was seinem Sohn geschehen ist und damit auch ihm und seiner Familie. Doch dass die Zeit alle Wunden heile, das sei ein falscher Satz. "Die Zeit hilft nur, sich an den Verlust zu gewöhnen", sagt Klaus Rüggeberg, "ich lerne, das Leid als Teil meines Lebens zu begreifen." Seine Frau und er haben sich zurückgekämpft in einen Alltag, in dem sie wieder arbeiten gehen, wieder Freunde treffen, in dem Enkelkinder geboren wurden und sie wieder Feste feieren. Feste ohne Tobias. Es ist ein anderes Leben.

Bei Angela Lodorf sind es die Bilder von den Wrackteilen in den Bergen. Das unwegsame Gelände, raue Natur, verstreute Blechteile wecken bei ihr die Erinnerung. Auch das Flugzeug, in dem ihr Lebensgefährte starb, ist in den Bergen zerschellt. Im Norden Spaniens. Es war eine kleine Maschine, ein Geschäftsflug, aber die Bilder von den Absturzstellen ähneln einander - und spülen bei ihr die Trauer wieder hoch. "Ich lasse das zu", sagt Angela Lodorf, "ich lasse zu, dass ich traurig bin. Dass das so ist. Irgendwann geht das Gefühl dann auch wieder weg." Acht Jahre ist der Absturz her, der ihren Mann aus dem Alltag riss. Eine Zeit, in der auch Angela Lodorf lernen musste, in ein neues Leben einzuwilligen. Aber auch sie hört gelegentlich einen Satz, den sie für falsch hält: Du musst jetzt loslassen! "Loslassen hört sich so nach Fallenlassen an", sagt sie, "ich trage meinen Partner wie in einem Schatzkästchen in mir, ich kann ihn da herausholen für eine Weile, und dann kann ich meinen Weg weitergehen." Erinnerungen seien wie ein Kokon, in dem man schütze, was einem lieb ist, sagt sie dann noch und formt die Hände, als halte sie eine Kugel - etwas Kostbares, Verletzliches.

FOTO: Orthen

Bei den Rüggebergs hängt ein Foto im Wohnzimmer: Tobias am Fuß einer Treppe, in Jeans, lässig, mit offenem, selbstbewusstem Blick. Auf den Stufen darüber stehen seine drei Schwestern. Ein Bild voller Jugend, Zuneigung, Zukunft. Es gibt Tage, da fällt es Klaus Rüggeberg schwer, das Foto anzuschauen. Im Moment ist das so. Trotzdem erzählt er gefasst vom "Turbo-Leben" seines Sohnes mit vielen Freunden, vielen Reisen, wenig Schlaf. Als habe in dieses Leben von Anfang an mehr passen müssen. Tobias war 30, als der Unfall geschah. Er hatte eine gute Stelle als Personalreferent bei einem Schweizer Unternehmen angenommen, sollte ins Ausland gehen. Dass er so viel erlebt hat, ist den Eltern ein Trost. Aber als der Vater erzählt, wie stark der Beistand der Freunde war in den ersten Wochen nach dem Unfall, wie Bekannte Essen für sie kochten, sie zu Spaziergängen abholten oder einfach nur da waren, und wie dann 500 Menschen zur Beerdigung kamen, viel mehr als gedacht, da kommen ihm Tränen. "Unser Leben ist verletzt, beschädigt, und das wird auch für immer so bleiben", sagt er dann. Aber es gebe eben auch Menschen, die bis heute an den Todestag ihres Sohnes dächten und Karten schrieben und Gesprächen nicht aus dem Weg gingen mit einem Elternpaar, das seine Angegriffenheit nicht versteckt. "Treue", sagt Klaus Rüggeberg, "ist für mich ein wichtiges Wort geworden."

Angela Lodorf hatte schon bald nach dem Tod ihres Lebensgefährten das Bedürfnis, den Ort des Unglücks selbst zu sehen. Es gab viele offene Fragen, bis heute ist die Ursache des Absturzes nicht endgültig geklärt. Und so trat sie die Reise nach Spanien an, in Begleitung eines Psychologen. Dazu hatte man ihr dringend geraten, die Stiftung "Mayday" hat diese Hilfe finanziert. Es war kalt, als sie in den Bergen ankam, sie musste zu Fuß hinaufsteigen, in schwer zugängliches Gelände. Aber für Angela Lodorf gab es keinen anderen Weg. "Die Unglücksstelle in Spanien ist ein Ort, an dem ich Nähe empfinde", sagt sie, "mehr noch als am Grab." Seither reist sie jedes Jahr dorthin. Sie hat in den Bergen ein Holzkreuz aufgestellt und zündet bei jedem Besuch eine Kerze an. Das ist ihr Ritual. Und sie nimmt stets etwas mit zurück nach Hause, nach Wuppertal. Manchmal einen Stein oder ein Stück Holz oder eine Pflanze. Auch kleine Flugzeugteile findet sie am Unfallort noch immer. "Solche Asservate sind sehr kostbar", sagt Angela Lodorf. "Menschen, die etwas Ähnliches erleben müssen wie ich, sollten darauf dringen, dass man ihnen selbst versehrte Gegenstände aushändigt. Außenstehenden mögen sie banal erscheinen, für Angehörige sind sie voller Bedeutung."

Angela Lodorf weiß das auch aus Seminaren. Sie wollte etwas zurückgeben von der Hilfe, die sie selbst erfahren hat, etwa durch die Stiftung "Mayday". "Völlig fremde Menschen haben damals meine Reise nach Spanien unterstützt", sagt sie, "das hat mich sehr berührt." Also sagte sie Ja, als sie gefragt wurde, ob sie im Dienst der Evangelischen Kirche im Rheinland als Notfallseelsorgerin arbeiten wolle. Ein Jahr wurde sie ausgebildet, seit 2009 ist sie in Düsseldorf im Einsatz, ehrenamtlich. Einmal im Monat hat sie 24 Stunden Bereitschaftsdienst. Wenn sie dann gerufen wird, steht sie anderen bei, die etwas durchleben müssen, das ihre Kraft übersteigt. Auch bei diesen Einsätzen hat sie immer eine Kerze im Rucksack. Als Angebot. "Die Betroffenen entscheiden, was ihnen guttut", sagt Lodorf. Das ist ihr wichtig. Und dass erschütterte Menschen den Kontakt zu anderen Betroffenen suchen sollten. "Teil einer Schicksalsgemeinschaft zu werden, gibt sehr viel Halt."

Klaus Rüggeberg hatte in den ersten Monaten nach dem Tod seines Sohnes das Gefühl, dass sein Leben nie wieder Leichtigkeit gewinnen würde. Irgendwann spürte er das Bedürfnis, mit anderen Eltern zu sprechen, die ein erwachsenes Kind verloren haben. Er bekam Kontakt zu einem Paar, dessen Kind sieben Jahre zuvor gestorben war. "Das Gespräch mit diesen Leuten war das erste seit dem Unfall, von dem ich gelöst nach Hause fuhr", sagt Klaus Rüggeberg. "Diese Eltern haben zum ersten Mal überhaupt die Idee in mir geweckt, dass das Leben wieder schön werden könnte."

Vor zwei Jahren hat die jüngste Tochter der Rüggebergs geheiratet. Zur Hochzeit fertigte die Familie eine "Tobi-Kerze". Die stand bei der Trauung auf dem Altar. Seither wird sie bei jedem Familientreffen angezündet. "Das ist ein leuchtendes Symbol für unseren Sohn", sagt Bernadette Rüggeberg, "dann ist Tobias in unserer Mitte." Die Nichten, die nach seinem Tod geboren wurden, erfahren so von ihrem Onkel Tobias. Jedes der Kinder kennt seinen Namen. Er ist weiter Teil der Familie. In ihr lebt er fort.

"Ich hatte gleich nach dem Tod meines Sohnes das Gefühl, dass es ihm gut geht", sagt Bernadette Rüggeberg, "sein Tod bleibt unbegreifbar für mich, aber dieses Gefühl hat mich nie verlassen." So können die Rüggebergs weiterleben. So werden sie Ostern feiern. Und die Tobi-Kerze wird leuchten.

Buchtipp "Plötzlich tot. Als Familie weiter leben", Kreuz, 176 Seiten, 14,99 Euro

Quelle: RP
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