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Wissenschaftsministerin Pfeiffer-Poensgen
"Die Hochschulen wissen es selbst am besten"

Wissenschafts-Ministerin Pfeiffer-Poensgen will für Unis mehr Freiheit
Die nordrhein-westfälische Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen (Archiv). FOTO: dpa
Düsseldorf. Die NRW-Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen verspricht im Interview Unis und Fachhochschulen mehr Freiraum. In der Forschung sieht sie aber auch "Luft nach oben".

Isabel Pfeiffer-Poensgens Büro ist kahl - noch. Frisch gestrichen seien die Wände zwar, sagt Nordrhein-Westfalens parteilose Kultur- und Wissenschaftsministerin. Aber die Bilder fehlen noch, denn was ihre Vorgängerin Svenja Schulze (SPD) hatte aufhängen lassen, gefiel Pfeiffer-Poensgen nicht. Findungsphase also. Hochschulpolitisch sei sie, sagt die Ministerin, noch "in der Betrachtungsphase" - heißt: Sie sucht das Gespräch mit den Rektoren, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Große Linien ihrer Politik aber werden schnell klar.

Können Sie die Klagen vieler Professoren verstehen, Schulabgängern fehle heute oft die Studierfähigkeit?

Isabel Pfeiffer-Poensgen Dieses Argument kenne ich seit 20 Jahren. Das scheint mir eine Generationenfrage zu sein – die Schwerpunkte sind einfach unterschiedlich. Die Qualifikationen sind heute andere.

Ähnliche Klagen führen Unternehmen über die Bachelor-Absolventen.

Pfeiffer-Poensgen Dann wäre zu fragen, was genau fehlt und ob die Erwartungen realistisch sind.

... weil ein Studium nicht nur mit Einstellbarkeit zu tun haben sollte?

Pfeiffer-Poensgen Seien wir realistisch: Unsere Absolventen müssen auf dem Arbeitsmarkt bestehen können. Andererseits sollte jede Hochschulausbildung über die Qualifikation für einen bestimmten Beruf hinausgehen. Es geht ja nicht nur um Spezialisierung, sondern auch darum, sich auf neue Herausforderungen einzustellen. Das geht über das enge Fachwissen hinaus.

Ist unsere Bildung zu ökonomisiert?

Pfeiffer-Poensgen Darüber will ich mir in weiteren Gesprächen mit den Hochschulen ein vertieftes Bild machen.

Aber einen Eindruck haben Sie doch.

Pfeiffer-Poensgen Es sollte in der Studienzeit die Gelegenheit geben, den Blick zu weiten. Wir müssen uns die Frage stellen, ob das derzeit noch ausreichend möglich ist.

Liegt das womöglich auch an der immer extremeren Spezialisierung der Bachelor-Studiengänge?

Pfeiffer-Poensgen Die Tendenz zu immer mehr spezialisierten Studiengängen ist in meiner Wahrnehmeung inzwischen wieder rückläufig...

... in NRW gibt es allein mehr als 2000 Bachelor-Studiengänge.

Pfeiffer-Poensgen In dieser Angelegenheit entscheidet jede Hochschule autonom.

Aber eine stärkere Konzentration halten Sie schon für wünschenswert?

Pfeiffer-Poensgen Ja. Am Ende müssen die Studenten in jedem Fach auf einem gewissen Fundament aufbauen können. Und das geht bei thematisch sehr engen Studiengängen eben nicht. Da gab es sicher Übertreibungen.

Ist die NRW-Studierquote von rund zwei Dritteln zu hoch?

Pfeiffer-Poensgen Darüber habe ich neulich bei meinem Besuch in der Agentur für Arbeit NRW auch gesprochen. Die Vorsitzende der Geschäftsführung sagte sehr klar: Nein! Bei Akademikern herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat gesagt: Dieses Land braucht mehr Akademiker. Richtig?

Pfeiffer-Poensgen Das würde ich so pauschal nicht unterschreiben.

Muss die Politik da steuern?

Pfeiffer-Poensgen Bei uns herrscht Berufsfreiheit (Artikel 12 GG). Wer lieber BWL studieren will, statt Handwerker zu werden, der soll das können.

Wann kommt das neue Hochschulgesetz?

Pfeiffer-Poensgen Im Laufe des nächsten Jahres.

Was muss dringend drinstehen?

Pfeiffer-Poensgen Was im Koalitionsvertrag steht: weniger Bürokratie, wieder mehr Autonomie der Hochschulen. Die Durchgriffsrechte auf das Hochschulmanagement etwa sollen abgeschafft werden. Danach können wir uns dem widmen, worum es eigentlich gehen sollte.

Und das wäre?

Pfeiffer-Poensgen Gute Studien- und Forschungsbedingungen.

Gehören gute Forschungsbedingungen nicht ins Gesetz ?

Pfeiffer-Poensgen Welche zum Beispiel?

... die von Rot-Grün eingeführte Zivilklausel, die Hochschulen auf friedliche Forschung verpflichtet?

Pfeiffer-Poensgen Gute Forschung lässt sich nicht staatlich verordnen. Die Hochschulen bestehen schließlich nicht aus Militaristen, die nichts Besseres zu tun haben, als Rüstungsforschung zu betreiben. Keine Hochschule ist gezwungen, solche Klauseln aus ihrer Grundordnung wieder zu entfernen, wenn die Zivilklausel  im Hochschulgesetz gestrichen wird. Hochschulen wissen selbst am besten, wie sie gut forschen und arbeiten.

Warum wollen Sie den Hochschulen wieder erlauben, die Anwesenheit der Studenten zu verlangen?

Pfeiffer-Poensgen Erstens ist das eine Frage der Hochschulautonomie. Zweitens gibt es Formen der Lehre, bei denen Anwesenheit sinnvoll ist. Das muss vor Ort in den Gremien der Hochschulen diskutiert und entschieden werden.

Was bräuchte man, um aus der Uni Düsseldorf Harvard zu machen?

Pfeiffer-Poensgen Grundsätzlich inhaltliche Profilbildung – und sehr viel Geld, um die Betreuung zu verbessern. Uns fehlt hier allerdings die grundsätzliche Bereitschaft der Zivilgesellschaft wie in den USA, diese riesigen Beträge zur Verfügung zu stellen. Diese Art der Finanzierung, verbunden mit hohen Studiengebühren, erhöht für beide Seiten im Studium die Verbindlichkeit. Bereits in den siebziger Jahren haben wir uns in Deutschland für ein ganz anderes Bildungssystem als das in den USA oder auch in Großbritannien entschieden.

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Haben Sie grundsätzlich Sympathien für Studiengebühren?

Pfeiffer-Poensgen Unsere Geschäftsgrundlage ist, dass es allgemeine Studiengebühren nicht geben wird.

Auch langfristig nicht mehr?

Pfeiffer-Poensgen Wir haben uns in Deutschland für einen anderen Weg entschieden, und den sollten wir so gut wie möglich gestalten. Das Thema steht nicht auf der Agenda. Wir müssen mit der neuen Bundesregierung die Diskussion über  den Hochschulpakt führen. Es wäre gut, wenn der weitergeführt würde.

Aber um wirklich Spitze zu werden, sind Milliarden nötig. Brauchen wir mehr private Finanzierung?

Pfeiffer-Poensgen Ich habe keine Berührungsängste, mich mit Privaten zu verbünden, um bestimmte Ziele zu erreichen, etwa in der Forschung. Mehr Drittmittel von kleinen und mittleren Unternehmen wären wünschenswert und wir sollten überlegen, das steuerlich attraktiver zu machen. Es gilt aber auch: Hochschulfinanzierung, vor allem bei der Infrastruktur, ist in erster Linie staatliche Aufgabe. Man darf allerdings nicht vergessen: Nicht nur die Grundfinanzierung kommt derzeit aus der öffentlichen Hand, sondern auch der Großteil der Drittmittel.

Wie passen in diese Systematik die Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer von 3000 Euro pro Jahr, die NRW jetzt einführt? Gilt da das Motto: Sind ja nur ein paar Chinesen, da merkt man's nicht so?

Pfeiffer-Poensgen Dieses von Ihnen unterstellte Menschenbild finde ich  inakzeptabel.

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Der Eindruck könnte doch entstehen.

Pfeiffer-Poensgen Die Idee ist, dass wir es der Gruppe von Studenten aus Nicht-EU-Ländern, die hier die bestehende Infrastruktur nutzen und eine gute Ausbildung erhalten, zumuten können, sich an den Kosten zu beteiligen. Das ist nicht abwegig und in vielen Ländern längst normal. Die Leipziger Hochschule für Musik und Theater tut das seit 2012, und dort steigen die Studentenzahlen. Baden-Württemberg verfolgt ein ähnliches Modell. Wir werden uns ansehen, ob dort die Bewerberzahlen – wie gemutmaßt wird – einbrechen.

Falls das so ist – stehen die Gebühren in NRW dann zur Disposition?

Pfeiffer-Poensgen Falls die Studentenzahlen tatsächlich dort einbrechen, stelle ich das Modell zur Diskussion.

Die Fachhochschulen finden eher Gebühren für Langzeit-Studenten sympathisch. Wäre das eine Alternative?

Pfeiffer-Poensgen Die Einführung von anderen Studiengebühren und -beiträgen ist nicht geplant.

In der Endrunde der Exzellenzinitiative stehen 88 Anträge, davon 19 aus Nordrhein-Westfalen. Reicht das?

Pfeiffer-Poensgen Wir sind damit sehr zufrieden. Jetzt geht es darum, in der zweiten Phase zu reüssieren.

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Ganz am Ende wird 2019 eine Gruppe exzellenter Universitäten stehen. Muss es nicht das Ziel für NRW sein, zu den beiden bisherigen Elite-Unis Köln und Aachen mindestens noch eine weitere zu bekommen?

Pfeiffer-Poensgen Was soll ich darauf wohl antworten?

Ja oder nein.

Pfeiffer-Poensgen An uns wird es nicht liegen. Natürlich wird sich das Land dafür engagieren.

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Anders gefragt: Ist Nordrhein-Westfalen in der Exzellenzforschung seiner Bedeutung gemäß aufgestellt?

Pfeiffer-Poensgen Die Hochschulen im Land sind gut aufgestellt, die Uni Bonn zum Beispiel ist nach der Zahl der zugelassenen Anträge bundesweiter Spitzenreiter und auch die Uni Münster ist sehr gut aufgestellt. Aber es ist auch immer Luft nach oben. Es wird Zeit, dass der alte Westen sich neu positioniert.

Ausführliche Informationen zu den Unis in NRW finden Sie hier.

HENNING RASCHE, FRANK VOLLMER UND STEFAN WEIGEL FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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