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TV-Kritik
Gottlob ist eine Wohltat

EM 2016: Gerd Gottlob ist eine Wohltat
Gerd Gottlob kommentierte den deutschen EM-Auftakt. FOTO: SWR/Olga Samuels
Meinung | Düsseldorf. Beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 2016 überzeugt der Kommentator der ARD – und macht dadurch manchen Kalauer seiner Kollegen im Studio wett. Von Gianni Costa

Bei so einer Europameisterschaft gucken auch immer viele Leute zu, die sich sonst nicht so sehr für Fußball interessieren. Zu dieser bahnbrechenden Erkenntnis sind die Fernsehmacher schon vor einer ganzen Weile gekommen und haben ihr Programm dementsprechend ausgerichtet. Es wird vor allem gut verdauliches präsentiert, ohne allzu intensiv in die Tiefe zu gehen. Es geht um ein paar Schlagworte, ein paar Anekdoten, ein paar flotte Sprüche. Es geht um nette Unterhaltung am Sonntagabend.

Bei der ARD hält man sich besonders tapfer an die Umsetzung des Konzeptes. Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl spielen sich ein paar Bälle hin und her. Einer davon geht ungefähr so. "Mehmet, die Frage, wer die Kapitänsbinde beim ersten Spiel tragen wird, hat viele in der Republik beschäftigt", glaubt Opdenhövel festgestellt zu haben. Antwort Scholl: "Mich nicht." In einer Sitcom würde an dieser Stelle ein Lacher vom Band abgespielt werden. Auf zum nächsten Spruch.

Manchmal zuckt man dann doch zusammen. Als in der Vorberichterstattung die Nationalspieler im Einspieler gefragt werden, ob sie spezielle Rituale vor so einem Länderspiel haben würden, meldet sich auch Mario Gomez zu Wort. Der Stürmer berichtet von seinem ganz speziellen Aberglauben. Vor einem jeden Spiel benutze er je nach Verfügbarkeit immer präferiert das linke Pissoir. Für den Fall, dass dies belegt sei, weiche er aber auch auf das in der Mitte aus. Diese Anekdote nutzt Gerhard Delling zur Feststellung: "Hauptsache, er hat einen harten Strahl." Ein Kalauer wie auf einer Herrensitzung im Karneval. 

Zum Glück gibt es im Ersten auch ganz unaufgeregte Sacharbeiter. Damit wäre dann auch geklärt, dass Steffen Simon und Tom Bartels die Begegnung nicht kommentiert haben. Gerd Gottlob, der auch beim Endspiel dieser Europameisterschaft hinter dem Mikrofon sitzen wird, gehört zu den durch und durch soliden Kräften der ARD. Es macht Spaß, von ihm bei einem Fußballspiel begleitet zu werden, weil für ihn die Begegnung und nicht er im Mittelpunkt steht – anders als bei vielen seiner Kollegen. Er ist nicht verliebt in seine Stimme und feiert sich nicht dafür, ständig neue Wortschöpfungen zu kreieren, die es so überhaupt nicht gibt.

Nach dem gewohnt konfusen Béla Réthy beim Eröffnungsspiel ist Gottlob besonders eine Wohltat. Vielleicht ist er manchmal etwas zu verliebt in "Die Mannschaft". Er duzt, aber er wirkt nicht anbiedernd. Er spricht über das, was er sieht. Das ist so ungewöhnlich geworden, dass man sich erst einmal wieder daran gewöhnen muss. Wenn man bei Réthy und Co. schon das dritte Blatt voll gekritzelt hat, konnte man bei Gottlob noch keine einzige Floskel notieren.

Wer nun allzu sehr auf Entzug ist, wird von der ARD nicht alleine gelassen. Nach Gottlob dürfen wieder die Entertainer des Senders ran: Opdenhövel, Scholl, Delling – und zu vorgerückter Stunde auch noch Reinhold Beckmann. Die Show muss schließlich weitergehen.

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