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EM-Tagebuch
Die Typologie des Frühstückswesens

EM-Tagebuch: Die Typologie des Frühstückswesens
RP-Sportchef Robert Peters berichtet von der EM in Frankreich. FOTO: Phil Ninh
Am Morgen im Hotel versammeln sich sehr unterschiedliche Wesen in einem Saal, um zu speisen - vom Solist, über das Kamel bis zum Blockierer.

Zu den tröstenden Einrichtungen der Heimatlosigkeit gehört das Frühstück im Hotel. Nicht nur, weil man sich um wenig mehr als die einigermaßen unfallfreie Bestückung des eigenen Tischs kümmern muss, sondern weil es auch hier die so elementaren "Treffpunkte mit Menschen, Frauen und Kindern" gibt, die der gute, alte, ehemalige DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock uns allen damals in Brasilien in Aussicht stellte. Zu Recht, wie ich mit einigem Abstand sagen darf.

Ich bin nicht nur dankbar für die Treffpunkte an sich, sondern ich freue mich auch, nach wochenlangem Feinstudium auf dem Weg zu einem Standardwerk der Frühstückskultur zu sein, einer Typologie der Frühstückswesen oder meinetwegen auch des Frühstückswesens. Ganz egal, Hauptsache, ich werde damit bald berühmt. Ein paar Frühstückstypen schreibe ich hier mal auf.

Der Solist. Er tritt mit leicht verschleiertem Blick auf, brummelt vorsichtige Morgengrüße, schaut am liebsten niemanden an, sucht sich einen Tisch in der Ecke, räumt eilig Brot, Butter, Konfitüre, Käse und Ei zusammen und setzt sich mit dem Rücken zur Raummitte. Weil er den Mechanismus der Kaffee-Maschine nicht versteht, trinkt er nur Saft. Für Kaffee müsste er ja jemanden fragen.

Der frühe Vogel. Er scheppert in den Frühstücksraum, brüllt fröhliche Grüße herum, erzählt im Vorbeigehen am Buffet einen Witz, lacht darüber furchtbar laut, schlägt einem Kollegen krachend auf die Schulter, dass dem das Ei vom Löffel fliegt und setzt sich am liebsten in die Nähe des Solisten, der daraufhin kleine Schweißausbrüche erleidet und sein Frühstück derart herunterschlingt, dass er den ganzen Tag an Verdauungsstörungen leidet. Der frühe Vogel plärrt zwischen Obstsalat und Rührei die jüngsten Nachrichten durch den Saal.

Der Morgenmuffel. Er schlurft mit verwuscheltem Haupthaar und weitgehend wortlos am Büffet vorbei. Er merkt gar nicht, was er sich auf den Teller häuft, und er stochert an seinem Tisch mutlos in der Mahlzeit herum. Verständnislos blickt er den frühen Vogel an und kann über den nächsten Witz schon deshalb nicht lachen, weil er seit längerem darüber nachdenkt, warum er überhaupt aufgestanden ist.

Der Träumer. Er sitzt immer schon im Frühstückssaal, schiebt mit leerem Blick Nahrung ein und könnte garantiert später nicht sagen, ob er ein Brötchen, ein Baguette oder überhaupt nichts gegessen hat. Er schaut aus dem Fenster auf eine weitgehend ereignislose Parkplatzlandschaft. Und er ist immer noch da, wenn ich wieder gehe. Ein Träumer gehört zur Ausstattung des Frühstückssaals.

Das Kamel. Dieser Typ hat zwar keine Höcker, aber er kann auf Vorrat essen. Jedenfalls glaubt er das. Und weil er weiß, dass es bis zum Abend sicher nichts mehr gibt, verschlingt er Berge von Broten, dick belegt mit Wurst und Käse. Er vergeht sich am Croissant-Korb, er isst Rührei, gekochtes Ei, gebratenes Ei, dazu Speck und sogar dicke Bohnen. Am Niederrhein würden wir sagen: Er ist vor nix fies. Natürlich wickelt er sich noch ein ausgewachsenes Baguette in eine Serviette für den kleinen Hunger zwischendurch.

Der Frankophile. Er nimmt eine kleine Badewanne Kaffee, schüttet literweise Milch hinein und gibt anschließend ein Croissant dazu - möglichst mit Schokoladenfüllung. Er glaubt, dass Franzosen so frühstücken müssen.

Der Asket. Er beginnt den Morgen mit einem starken Espresso, schaut abgezehrt durch den Saal, knabbert ein Stück Baguette und flieht nach ein paar Minuten inhaltsvolleren Beschäftigungen entgegen.

Der Fläzer. Er ist erst dann in seinem Element, wenn er breitbeinig am Tisch liegen kann. Er führt sich seine Croissants weitgehend im Liegen zu, bekrümelt dabei das verwaschene T-Shirt, schlürft ein wenig Kaffee hinterher und schlappt mit Flipflops zurück auf sein Zimmer.

Der Blockierer. Er steht am Büffet im Weg und vor den Aufzügen, an der Kaffeemaschine und am Saftregal. Vorsicht: Er dreht sich immer dann plötzlich mit ausholender Armbewegung um, wenn man gerade vorbeidrängeln will. Das Resultat ist im besten Fall eine Frühstücksladung auf dem Boden, durch die dann der Fläzer schlappt.

Ich bin eher der Zuschauer, der glaubt, dass ihn all die anderen nicht sehen.

Quelle: RP
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