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Olympia-Tagebuch
Ach Rio, wir passen einfach nicht zusammen

Olympia 2016: Ach Rio, wir passen einfach nicht zusammen
Auch für RP-Sportredakteur Stefan Klüttermann sind die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro nun vorbei. FOTO: privat
Rio de Janeiro. Unser Autor ist dem Charme der Olympiastadt nicht erlegen. Vieles war ihm einfach zu chaotisch, und die Freiwilligen haben ihm einfach nur leidgetan. Vielleicht, das ist seine Vermutung zum Schluss, ist er aber einfach nur zu streng.

Ach Rio. Nun sind deine Olympischen Spiele schon wieder zu Ende. Sind schnell vergangen, diese zwei Wochen. Und? Werde ich dich sehr vermissen, wenn ich morgen wieder in den Flieger zurück nach Deutschland steige? Ich glaube nicht. Wir zwei sind dann wohl doch zu verschieden. Das hatte ich vorher schon befürchtet, aber ich wollte uns beiden und den Spielen eine Chance geben. Doch es hat nichts genützt. Ich konnte deinem Charme nicht erliegen, und du hattest kaum Gelegenheit, Charme zu versprühen.

Ich habe versucht, mich anzupassen, meine deutsche Mentalität zurückzufahren und mich auf deine Lebensweise hier einzulassen. Aber ich musste feststellen, dass wir von gegenüberliegenden Polen aus starten, und von da aus ist es zu weit bis zu einem Kompromiss in der Mitte. Wo du wahrscheinlich das Gefühl gehabt hattest, du würdest im Akkord arbeiten, hatte ich das Gefühl, du schläfst gleich ein. Und wo ich gemeint habe, ich sei wirklich geduldig, sahst du in deinen Augen einen dieser europäischen Hektiker vor dir, auf die dich niemand so richtig vorbereitet hatte.

Du hast wirklich versucht, diese Olympischen Spiele zu organisieren, das glaube ich dir. Aber das, was an Spielen dabei herausgekommen ist, wirkte an vielen Stellen so unorganisiert, so ohne Konzept, so ohne Nachdenken, so ohne Sinn und Verstand, dass ich es kaum glauben konnte. Du wirktest immer wieder aufs Neue an den Eingängen zu deinen Sportstätten überrascht, wie viele Menschen doch tatsächlich gekommen waren. Du warst jeden Tag aufs Neue überrascht, dass diese vielen Menschen auch etwas essen und trinken wollten. Davon hattest du nämlich viel zu wenig, das Wenige war viel zu teuer, und du schienst letztlich auch gar kein Interesse daran gehabt zu haben, viel zu verkaufen.

Du hast deine Volunteers einfach nicht gut genug geschult, das hat selbst dein Sprecher irgendwann eingeräumt. Deswegen haben viele Besucher gemeckert, und viele von deinen Volunteers sind nach ein paar Tagen nicht mehr gekommen, weil sie nicht mehr angemeckert werden wollten. Mir taten deine Volunteers leid.

Was ich dir aber - selbst wenn ich alles andere ausblenden würde - übelnehme, ist, wie deine Zuschauer mit den Sportlern umgegangen sind, die gegen Brasilianer angetreten sind. Wir waren über Jahre immer begeistert von der Begeisterungsfähigkeit, die du aus deinen Fußballstadien übers Fernsehen zu uns nach Europa hinüber transportiert hast. Aber dass du hier Sportler auspfeifst, störst, fertigzumachen versuchst, nur damit am Ende der Brasilianer gewinnt, das kann ich dir nicht so leicht verzeihen.

Vielleicht bin ich aber auch nur zu streng mit dir. Weil du einfach andere Probleme hast, als diese Olympischen Spiele auszurichten. Du hast so viele Arbeitslose, Arme, Vergessene, so viele und so starke soziale Spannungen in der Stadt, so viele Extreme, dass diese Spiele dich in meinen Augen einfach erschlagen haben. Deine Bewohner waren stolz auf diese Spiele, aber sie konnten kein Teil von ihnen werden. Dafür waren die Tickets zu teuer. Und du selbst konntest in diesen zwei Wochen nur wenige neue Postkartenmotive hinaus in die Welt senden, du wirktest ja eher wie ein großer Militärstützpunkt. Dafür kannst du nichts, denn die Welt ist nun mal, wie sie ist.

Wenn ich nun also morgen in den Flieger steige, dann bin ich zwar dankbar, mal deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Aber dass wir uns so bald wiedersehen, glaube ich nicht. Was mich bei diesem Gedanken allerdings tröstet: Du wirst mich wahrscheinlich auch nicht ganz so doll vermissen.

Quelle: RP
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