| 18.30 Uhr

Taekwondo-Kämpfer macht Tonga berühmt
"Ich habe ein bisschen was richtig gemacht in Rio"

Tongas Fahnenträger läuft eingeölt ins Stadion
Tongas Fahnenträger läuft eingeölt ins Stadion FOTO: afp
Rio de Janeiro. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele war der eingeölte Fahnenträger Tongas eine der großen Attraktionen. Zwei Wochen später zieht er ein Fazit.

In der zweiten Runde ist der Kampf für Pita Nikolas Taufatofua zu Ende. Vorzeitig. 1:16 liegt er hinten gegen den an Nummer zwei gesetzten Iraner Sajjad Mardani, und da sieht das Reglement im Taekwondo eben eine Niederlage wegen zu klaren Rückstandes vor. Doch Taufatofua fühlt sich nicht wirklich als Verlierer – wie sollte er auch, nachdem er während dieser Olympischen Spiele zu einem ihrer bekanntesten Athleten avanciert ist. Seitdem der 32-Jährige mit eingeöltem Oberkörper und traditionellem Beinkleid die Fahne von Tonga bei der Eröffnungsfeier ins Maracanã getragen hat, kennt ihn die ganze Welt. Immerhin 340 Millionen Menschen haben seinen Auftritt schließlich im Fernsehen gesehen.

"Ich bin hier, um mein Land zu repräsentieren. Das ist mir hier auf der Matte jetzt vielleicht nicht so gut gelungen, aber dafür in anderer Hinsicht, denke ich", sagt Taufatofua und lächelt. Auch wenige Momente zuvor, als er nach dem Kampf die Carioca-Arena 3 wieder verließ, trug er die Fahne seines Heimatlandes vor sich her. Und die Zuschauer feierten ihn wie einen Olympiasieger. "Sie haben doch gehört, dass die Leute 'Tonga, Tonga‘ geschrien haben. Glauben Sie, die wissen, wo Tonga liegt? Ich glaube nicht. Und trotzdem jubeln sie. Also habe ich vielleicht ein bisschen was richtig gemacht hier in Rio", sagt Taufatofua. Und da muss er selbst ein bisschen grinsen.

Tonga hofft auf Tourismus-Boom

Der smarte Modellathlet aus dem 100.000-Einwohner-Inselstaat aus der Südsee ist in diesen Wochen von Rio der wohl erfolgreichste Botschafter, den Tonga je hatte. Die Welt googelt Tonga, und die Nachfrage nach Kokosnussöl aus Tonga als Hautpflege sei genauso in die Höhe geschnellt wie die Suchanfragen zu Flügen nach Tonga, teilten die örtlichen Behörden mit. Nun hofft man in den Südsee auf einen kleinen Tourismusboom dank Taufatofua.

Natürlich steckte in dessen Oben-Ohne-Auftritt Kalkül, aber diesen Erfolg hatte auch er nicht vorausgesehen. "Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass das so hohe Wellen schlagen würde. Viele haben danach gesagt: ,Sie sind also der Mann, der das Internet zum Einsturz gebracht hat!‘ Aber das war nicht ich. Das war Tonga, und ja, wir waren echt glücklich mit der Aufmerksamkeit, die wir für Tonga erregt haben", sagt Taufatofua. Vor allem die sozialen Netzwerke explodierten nach seinem Auftritt förmlich.

Doch der Sohn eines Polynesiers und einer Australierin will sich in diesen Tagen von Olympia nicht ausschließlich als cleverer Markenbotschafter seiner Heimat verstanden wissen. Er ist, das ist ihm wichtig zu betonen, auch als Sportler hier, als Taekwondo-Kämpfer, der sich über das ozeanische Ausscheidungsturnier zu Olympia gekämpft hat. "Mancher denkt vielleicht: ,Das ist doch der mit dem eingeölten Oberkörper', aber ich bin nicht als Über-Nacht-Bekanntheit hier, sondern, weil ich 20 Jahre lang hart dafür gearbeitet habe, bei Olympia dabei zu sein", sagt der Mann, der nebenbei als Model arbeitet. Im olympischen Dorf war er dann auch schnell so etwas wie das Lieblings-Fotomotiv der anderen Athleten. Viele wollten ein Selfie mit dem Traummann in Öl. "Ja, um ein oder zwei Selfies bin ich gefragt worden", sagt Taufatofua und grinst.

Sein Weg nach Rio war bei allem hier eingefahrenen Ruhm ein schmerzvoller. Sechs Knochenbrüche, drei Bänderrisse, Monate im Rollstuhl und hunderte Stunden Physiotherapie hatte er in den vergangenen Jahren ertragen, um die Hoffnung auf die Spiele am Leben zu erhalten. Ganze drei Kämpfe konnte er seit 2015 bestreiten. Aber ans Aufgeben dachte Taufatofua nie. "Ich wollte den Menschen zeigen, dass man seine Träume erfüllen kann, dass man es auch aus Tonga zu Olympischen Spielen schaffen kann", sagt er. Gemeinsam mit ihm lebten 2016 noch sechs andere Athleten aus Tonga ihren Traum von Olympia – sie traten in der Leichtathletik, im Schwimmen oder im Bogenschießen an.

Wenn er nun nach Abschluss der Spiele nach Hause in die Südsee zurückkehrt, dann wird aber auch für Tongas berühmtesten Staatsbürger das ganze normale Leben wieder beginnen. Das beinhaltet neben täglichem Training eben auch einen Hauptberuf. Und das ist kein Bürojob. Taufatofua arbeitet im australischen Brisbane als Sozialarbeiter in einer Einrichtung für obdachlose Kinder. "Ich mache mich zu Hause wieder an die Arbeit, um dabei zu helfen, dass es die nächste Generation besser hat", sagte er. Ob er denn eigentlich verheiratet sei, wollte jemand dieser Tage von ihm wissen. Taufatofua lachte, und dann sagte er: "Ich bin mit Tonga verheiratet, aber ich bin nicht verheiratet."

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