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Düsseldorf
Bahnchef: "Wir müssen uns ändern"

Düsseldorf. Der Aufsichtsrat hat dem Manager Hausaufgaben verordnet: Der Vorstandschef muss beim Umbauprogramm "Zukunft Bahn" nachbessern. Gestern zeigte sich der 64-Jährige selbstkritisch und versprach, in die Offensive zu gehen. Von Maximilian Plück

Ein Spaziergang war die mehrstündige Aufsichtsratssitzung am Mittwoch für Bahnchef Rüdiger Grube nun wahrlich nicht. Eigentlich wollte sich der Manager von den Kontrolleuren sein 20-Milliarden-Euro-Umbauprogramm "Zukunft Bahn" für die kommenden fünf Jahre abnicken lassen - nach Angaben des Vorstands das größte Umbauprogramm seit der Bahnreform 1994. Doch der Aufsichtsrat ließ den 64-Jährigen zappeln und kündigte weiteren Beratungsbedarf für das neue Jahr an.

Zu wenig Konkretes - und das, obwohl Grube mit Hilfe einer Unternehmensberatung 70 Punkte hatte ausarbeiten lassen. Die Sorge im Arbeitnehmerlager vor einem Kahlschlag nur um des Kahlschlags willen und ohne nachvollziehbare strategische Ausrichtung ist groß. Denn bei der Güterverkehrssparte Schenker Rail, bei der Instandsetzung und bei den Dienstleistungen ist ein Stellenabbau sicher. Die Frage ist noch: Wie viele fallen weg und was passiert mit den Beschäftigten? Denn diese haben dank einer entsprechenden Vereinbarung Anspruch auf einen Ersatzarbeitsplatz.

Und dann bleibt auch noch die Frage, wie Grube seine Qualitätsversprechen "mehr Pünktlichkeit, mehr Sauberkeit, mehr Information für die Kunden" in die Tat umsetzen will. Gestern zeigte sich dann ein extrem nachdenklicher Bahnchef der Öffentlichkeit: "Lassen Sie mich selbstkritisch bekennen: Vielleicht haben wir bisher zu sehr in Zuständigkeiten gedacht - und nicht in Verantwortlichkeiten. Das muss sich ändern und das wird sich ändern."

Grube ist spürbar in die Defensive geraten. Dabei ist er vom Wesen her niemand, der vor schwierigen Aufgaben zurückschreckt. Seit Mai 2009 trägt er seinen zweiten Vornamen "Bahnchef" - er löste damals den glücklosen Hartmut Mehdorn ab, der zu Air Berlin und später zum Pannenflughafen Berlin wechselte. Die Liste der Probleme bei der Bahn, die in Grubes Amtszeit fallen, ist ellenlang. Beispiele gefällig? Der Bau des umstrittenen Bahnhofs Stuttgart 21, die Berufung des früheren Kanzleramtsministers Ronald Pofalla (CDU) zum Cheflobbyisten und Vorstandsmitglied, die Monate währende Dauerfehde zwischen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) um Zuständigkeiten bei Tarifverhandlungen inklusive heftigen Streiks, der immer aggressivere Wettbewerb mit den Fernbus-Anbietern, verlorene Ausschreibungen auf lukrativen Regio-Strecken, ein Personalengpass in einem Mainzer Stellwerk mit monatelangen Zugausfällen in der Folge, marode Infrastruktur, unzuverlässige Züge, die weder bei Hitze noch bei Kälte ihren Dienst verlässlich taten. Und, und, und . . .

Grube wird nachgesagt, ein stressresistenter Macher zu sein. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen arbeitete sich der Sohn eines Obstbauern aus Hamburg-Moorburg ehrgeizig nach oben, studierte Fahrzeugbau und Flugzeugtechnik, später noch Berufs- und Wirtschaftspädagogik, promovierte und ging in die Industrie zum Luft- und Raumfahrtunternehmen Messerschmitt-Bölkow-Blohm, anschließend zu Daimler, dann zur Bahn.

Sein dortiger Vertrag läuft bis 2017. Wenn dieser verlängert werden soll, muss Grube die Bahn nun zügig aus dem Tal der Tränen führen. Eine Bärenaufgabe, rechnet er für das laufende Geschäftsjahr doch mit Sonderbelastungen von zwei Milliarden Euro wegen Abschreibungen im Güterverkehr und der Umbaupläne. Grube wird sich daran messen lassen müssen, ob es tatsächlich gelingt, technische Störungen bei Fahrzeugen und an der Infrastruktur zu reduzieren, dank Navigationshilfen für Lokführer den Betrieb reibungsloser zu gestalten und den Kundenkomfort durch bessere Digitalinformationen, besseren Handyempfang im Zug oder sauberere Bahnhöfe zu steigern. Die Demut, die Grube gestern an den Tag legte, dürfte angesichts der Monsteraufgabe gerechtfertigt sein.

Quelle: RP
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