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Altersvorsorge
Lebensversicherungen auf der Suche nach dem Zukunftsmodell

Der große Ruhestands-Check
Der große Ruhestands-Check FOTO: dpa
Hannover/Köln. Lebensversicherer und ihre Kunden stecken in der Zinsfalle. Der Altersvorsorge-Klassiker wirft immer weniger ab und bringt die Unternehmen in die Bredouille. Der Versicherer Talanx zieht jetzt Konsequenzen.

Der klassischen Lebens- und Rentenversicherung droht das Ende auf Raten. Ein Versicherer nach dem anderen verlegt sich angesichts der Niedrigzinsen am Kapitalmarkt auf neue Vertragsmodelle mit abgespeckten Garantien. Der Grund: Die hohen Zinsgarantien aus alten Verträgen halten die Branche im Würgegriff. Und der aktuelle Garantiezins von 1,25 Prozent taugt kaum als Werbebotschaft für künftige Kunden.

Der Versicherer Talanx reißt jetzt das Ruder herum. Bei den zu dem Konzern gehörenden Lebensversicherern HDI Leben, Targo Leben, PB Leben und Neue Leben soll spätestens Ende 2016 Schluss sein mit den Verträgen klassischer Machart mit festem Garantiezins. Andere in der Branche verfolgen noch eine gemischte Strategie.

Talanx-Chef Herbert Haas sieht hingegen die Zukunft in Verträgen mit abgespeckten Garantien. Fest versprochen wird dabei nur noch der Erhalt der Beiträge zum Laufzeit-Ende. Der Rest ist weitgehend Glückssache. Wer seinen Vertrag vorzeitig kündigt, muss nehmen, was gerade da ist. Der Vorteil aus Sicht der Versicherer: Sie müssen während der Laufzeit weniger Kapital vorhalten als bei herkömmlichen Modellen. Dafür winkt den Kunden die Chance auf eine höhere Rendite.

Ist Ihr Rentenbescheid korrekt? FOTO: dpa, Oliver Berg

Bei herkömmlichen Lebens- und Rentenversicherungsverträgen müssen die Unternehmen die jeweiligen Zinsgarantien zu jedem Jahr der Laufzeit sicherstellen. Wegen der Niedrigzinsen und neuer Vorschriften müssen sie dazu immer mehr Kapital bereithalten. Diese Sicherheit geht auf Kosten der Verzinsung.

Verbraucherschützer sehen die Abkehr vom Garantiezins allerdings kritisch: Denn gerade die Planbarkeit galt lange Zeit als größter Vorteil und war ein Grund dafür, dass es immer noch mehr als 90 Millionen Verträge in Deutschland gibt.

Zinsgarantien machen den Versicherern Probleme

Marktführer Allianz und Konkurrent Ergo sind bereits seit geraumer Zeit mit neuen Lebens- und Rentenversicherungen ohne Garantiezins am Start. Von den klassischen Vertragsmodellen wollen beide Anbieter allerdings bis jetzt nicht lassen. Der Generali-Konzern mit Marken wie AachenMünchener zieht zwar keinen klaren Strich, will klassische Verträge aber absehbar nur noch in der betrieblichen Altersversorgung anbieten.

Dabei können die Versicherer angesichts niedriger Zinsen an den Kapitalmärkten die Zinsgarantien von bis zu vier Prozent für alte Verträge nur noch schwer erwirtschaften. Der Löwenanteil der Kundengelder steckt in festverzinslichen Wertpapieren, die immer weniger abwerfen. Laut einer Studie der Ratingagentur Assekurata erreicht die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung bei den deutschen Lebensversicherungen 2015 im Schnitt nur noch 3,33 Prozent. Was die Versicherer für Altverträge zurücklegen müssen, fehlt an Rendite für die übrigen Kunden.

Inzwischen legt auch der Berufsverband der Versicherungsmathematiker die Axt an den dauerhaften Garantiezins. Das Niveau von derzeit 1,25 Prozent müsse zwar "nicht zwingend niedriger werden, aber in jedem Fall über eine kürzere Laufzeit zugesagt werden", sagte der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Wilhelm Schneemeier, jüngst dem "Handelsblatt". Handlungsbedarf sieht er nach dem Jahr 2016.

Andere sehen die Sache noch kritischer. Laut "Süddeutscher Zeitung" halten die Finanzwächter des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken (ESRB) die Annahme, dass die Versicherer am Kapitalmarkt langfristig risikofrei 4,2 Prozent pro Jahr verdienen könnten, für "wahrscheinlich zu hoch". Würde die Kennzahl gesenkt, müssten viele Versicherer rasch Milliarden an zusätzlichen Rückstellungen aufbauen. Daran ändern auch neue Modelle nichts. Denn die alten Verträge laufen vielfach noch über Jahrzehnte.

(dpa)
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