| 10.07 Uhr

Hosenhersteller aus Mönchengladbach
Bei Gardeur drohen Entlassungen

Hosenhersteller aus Mönchengladbach: Bei Gardeur drohen Entlassungen
Gerhard Kränzle leitet seit 2010 den Hosenhersteller Gardeur. FOTO: Gardeur
Mönchengladbach. Bis Ende November will der insolvente Hosenhersteller einen neuen Investor präsentieren. Doch hinter den Kulissen rumort es. Laut einer Sprecherin wird das Unternehmen um Kündigungen wohl nicht herumkommen. Von Dagmar Haas-Pilwat und Florian Rinke

Wie stolz man in Mönchengladbach auf die Qualität der eigenen Hosen ist, zeigte die Umbenennung 2012: Aus Gardeur wurde Atelier Gardeur. Das klingt nach Maßarbeit, Präzision bei jeder Naht - und nicht nach Wühltisch.

Doch irgendwann war die Not zu groß. Plötzlich lagen die Hosen aus dem Atelier auch in Geschäften wie TK Maxx. Die Kette wirbt damit, Kleidung immer 60 Prozent günstiger als die unverbindliche Preisempfehlung anzubieten. Es ist genau das Gegenteil von dem, was Gardeur sein will. Doch es ging nicht anders. "Im Vorfeld der Insolvenz mussten wir an Aufkäufer verkaufen, um die Liquidität zu sichern", räumt eine Gardeur-Sprecherin ein.

Vor knapp zwei Monaten ist dem Hosenhersteller das Geld ausgegangen. Nachdem die Verhandlungen mit einem strategischen Investor gescheitert waren, meldete das Unternehmen am 5. Oktober Insolvenz an. Seitdem versuchen Gardeur-Chef Gerhard Kränzle und Insolvenzverwalter Biner Bähr zu retten, was zu retten ist.

Prevent-Gruppe interessiert?

Bis Ende November will der Insolvenzverwalter einen neuen Investor präsentieren. Aktuell verhandele man noch mit fünf Interessenten, sagt Kränzle. Um wen es sich handelt, will er nicht verraten. Gerüchte, wonach der Hemdenhersteller Olymp oder etwa das Modeunternehmen Bugatti interessiert gewesen sein sollen, dementieren diese.

In den vergangenen Wochen soll auch der Name Prevent in Gesprächen gefallen sein. Es wäre ein Einstieg, der für einige Aufregung sorgen dürfte. Denn die Prevent-Gruppe gehört zum Firmenreich der bosnischen Unternehmerfamilie Hastor - und da, wo die ist, ist Aufregung garantiert: Beim inzwischen insolventen Küchenhersteller Alno stritten sich die Hastors monatelang mit dem Management, im Frühjahr scheiterten sie nach einem erbitterten Streit mit der Übernahme des Automobilzulieferers Grammer.

Und mit Prevent gerieten sie 2016 in die Schlagzeilen, als ein Lieferboykott des nicht nur als Modehersteller, sondern auch als Automobilzulieferer tätigen Unternehmens die Produktion bei Deutschlands größtem Autobauer VW lahmlegte. Weder Gardeur noch Prevent wollten sich zu den Spekulationen äußern.

Noch im Oktober erklärte Kränzle, dass es wichtig sei, dass der Investor die Produkt- und Mitarbeiterkultur des Unternehmens erhalte, denn diese sei entscheidend für den Erfolg der Marke. Das soll weiterhin das Ziel sein, betont er: "Wir wollen Gardeur als eigenständige Marke erhalten."

"Werden nicht um Kündigungen herumkommen"

Doch hinter den Kulissen hat sich durch die Insolvenz bereits einiges verändert. Der stellvertretende Geschäftsführer Marcus Kraft, dem über eine Beteiligungsgesellschaft Anteile an Gardeur gehörten, verlässt das Unternehmen. Auch andere Mitarbeiter haben zuletzt gekündigt."Manche hielten den Schwebezustand nicht mehr aus, andere wollten sich einfach verändern", sagt eine Sprecherin. Doch um das Unternehmen zu retten, wird das nicht reichen: "Wir werden nicht um Kündigungen herumkommen."

Wie viele Mitarbeiter es trifft, sei noch nicht klar. Im Umfeld des Unternehmens heißt es jedoch, dass allein in Mönchengladbach jede dritte der laut Gardeur nur noch rund 230 Stellen gestrichen werden könnte. Unklar ist, ob es auch an Standorten wie Tunesien (1250 Beschäftigte) zu Entlassungen kommt.

Einer soll jedoch bleiben - der Chef selbst. "Bislang spüre ich vonseiten der potenziellen Investoren große Rückendeckung", sagt Kränzle, der Gardeur 2013 gemeinsam mit Frank Schulte-Kellinghaus, Marcus Kraft sowie der Förderbank NRW.Bank übernommen hatte.

Hohe Gehälter für Geschäftsführer

Der langjährige Chefeinkäufer der Kaufhauskette Wöhrl ist jedoch nicht unumstritten. Einige halten ihn zwar für den Richtigen beim Neuanfang. Hört man sich unter Mitarbeitern und Ex-Mitarbeitern um, fallen aber auch Begriffe wie "beratungsresistent" und "Selbstdarsteller".

Und dann war da noch die Sache mit den Gehältern: Bereits vor einigen Jahren war Gardeur aus dem Tarif ausgestiegen. In den vergangenen zwei Jahren verzichteten die Mitarbeiter außerdem freiwillig auf eine Sonderzahlung, um für ein besseres Betriebsergebnis zu sorgen.

Gleichzeitig zahlten sich die Geschäftsführer hohe Gehälter aus. Im Geschäftsjahr 2013/2014 erhielten sie laut Angaben im Bundesanzeiger 897.000 Euro, ein Jahr später waren es 945.000 Euro - obwohl die Geschäfte schlechter liefen. Sowohl beim Umsatz als auch beim Gewinn (Ebitda) lagen die Zahlen unter den Werten des Vorjahres. Gardeur betont, dass die Gehälter unter dem Branchenschnitt liegen.

In Zukunft soll auch auf den oberen Etagen stärker gespart werden. Ein Nachfolger für den scheidenden Marcus Kraft wird nicht gesucht, die Geschäftsführung soll von drei auf zwei Personen verkleinert werden. "Insgesamt werden sowohl der Kreis der Geschäftsführer als auch der Leitungskreis kleiner werden", sagte eine Gardeur-Sprecherin.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Hosenhersteller aus Mönchengladbach: Bei Gardeur drohen Entlassungen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.