| 07.22 Uhr

Frankfurt
Sag zum Abschied leise Vorsicht

Frankfurt. Commerzbank-Chef Martin Blessing stellt bei seiner letzten Hauptversammlung die Prognose für 2016 in Frage.

Fast haben die Aktionäre ein bisschen Mitleid mit Martin Blessing. Immerhin habe der Commerzbank-Chef acht Jahre durchgehalten, trotz zeitweise harscher Kritik. "Kapitalvernichter", "Pfui-Vorstand", "Merkels Pudel" - was musste sich der Manager nach der riskanten Dresdner-Bank-Übernahme 2008 und dem folgenden milliardenschweren Staatseinstieg nicht alles anhören. Doch der Manager biss sich durch ("Ich finde Marathonlauf am besten, wenn man selbst durchs Ziel kommt") und führte die deutsche Nummer zwei zurück in die Erfolgsspur: Nach dem ersten Milliardengewinn seit fünf Jahren gibt es für das Geschäftsjahr 2015 endlich wieder eine Mini-Dividende von 20 Cent, wie Blessing zum Abschied bei der Hauptversammlung verkündete.

Der 52-Jährige dankte den Anteilseignern: "Ich weiß, dass wir Ihnen in dieser Zeit viel abverlangt haben. Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen, dass Sie mit uns den schwierigen Weg gegangen sind." Der Applaus der 2700 Aktionäre in der Frankfurter Messehalle war indes leise. Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung DSW betont: "Es ist noch zu früh, um zu jubeln. Es muss sich erst zeigen, ob der Aufwärtstrend nachhaltig erfolgreich ist. Es verbleiben noch erhebliche Baustellen nach ihrem Abgang, Herr Blessing." So sitzt der Dax-Konzern noch auf Altlasten von 18 Milliarden Euro, zum Großteil Schiffskredite. Wie anderen Instituten macht der Commerzbank zudem das Zinstief zu schaffen. Nur knapp zwei Monate nach der Bilanzvorlage stellt Blessing die optimistische Gewinnprognose für das Gesamtjahr infrage: "Es wird deutlich ambitionierter, das Konzernergebnis von 2015 zu erreichen."

Die verkappte Gewinnwarnung ließ den Aktienkurs kurzzeitig abschmieren. Seit Blessings Amtsantritt am 15. Mai 2008 hat das Papier etwa 95 Prozent seines Wertes verloren. Zudem verwässerte eine Serie von Kapitalerhöhungen die Anteile der Altaktionäre. Nieding spricht von einer "Kapitalerhöhungsorgie römischen Ausmaßes". Blessings Credo, die Commerzbank stehe heute "eindeutig stabiler" da, teilen die Redner bei der Hauptversammlung denn auch nicht uneingeschränkt. Nieding sprach von einer "symbolischer Dividende", mit der Blessing seinen Abschied versöhnlicher gestalten wolle - auch wenn der Vorstand für das laufende Jahr ebenfalls eine Gewinnausschüttung in Aussicht stellt.

"Ich werde das Gefühl nicht los, dass Ihr Durchhaltewillen auch etwas von einer Schicksalsgemeinschaft hat, die Sie mit Herrn Müller verbindet, getreu dem Motto: Mitgehangen, mitgefangen", sagt Nieding. Blessings Vorgänger Klaus-Peter Müller, der seit Mitte Mai 2008 den Aufsichtsrat führt, hatte zu seiner Zeit an der Vorstandsspitze den Kauf des Immobilien- und Staatsfinanzierers Eurohypo durchgesetzt. Nach milliardenschweren Verlusten wurde die Problemtochter abgewickelt. Auch die Dresdner-Übernahme fädelte Müller mit ein.

Zu Blessings Abtritt verteilte Nieding Schulnoten: "Aus Aktionärssicht, wenn ich mir die Entwicklung des Aktienkurses in Ihrer Amtszeit und das Thema Dividende anschaue, wäre ich geneigt, eine Fünf zu geben. Berücksichtigt man die jüngsten Zahlen und das schöne Frühlingswetter, könnte ich Ihnen gerade noch so ein "befriedigend" attestieren."

Blessings Nachfolger Martin Zielke, der das Ruder zum 1. Mai übernimmt, gibt Nieding eindringlich eine Bitte mit auf den Weg: "Lassen Sie die Finger von weiteren abenteuerlichen Akquisitionen."

(dpa)
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