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Der Vodafone-Chef Schulte-Bockum im Interview
"Datenverkehr wird um 2000 Prozent zulegen"

Der Vodafone-Chef Schulte-Bockum im Interview: "Datenverkehr wird um 2000 Prozent zulegen"
Vodafone-Chef Jens Schulte-Bockum skizziert die Zukunft des Datenverkehrs. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Deutschlands zweitgrößter Telefonkonzern Vodafone rechnet in den nächsten drei Jahren mit einem um 2000 Prozent steigendem Datenverkehr über die deutschen Mobilfunknetze. Dies erklärte der am 1. Oktober angetretene neue Vorsitzende der Geschäftsführung, Jens Schulte-Bockum (45), in einem Gespräch mit unserer Redaktion. Von Reinhard Kowalewsky

Vorrangig die steigende Nutzung von Videos und die steigende Verbreitung von Smartphones würden das Geschäft ankurbeln. Aktuell würden 30 Prozent der deutschen Kunden ein Smartphone nutzen, in drei Jahren rechnet er mit rund 80 Prozent der Bevölkerung.

Aktuell würde das Datengeschäft nur ein Drittel des Umsatzes im Mobilfunk bringen, auf Dauer werde es aber zwei Drittel ausmachen, weil Sprache und SMS immer billiger werden. Im Interview mit unserer Redaktion sprach Schulte-Bockum über den Standort Düsseldorf, die Mitbewerber und die Zukunft des Festnetzes.

Herr Schulte-Bockum, seit 1. Oktober sind Sie Chef von Vodafone-Deutschland, vorher waren Sie schon sechs Monate lang als Chief Operating Officer zweite Führungskraft. Was war die größte Herausforderung?

Schulte-Bockum (lacht): Die Wohnungssuche. Die Preise hier in Düsseldorf sind ja fast so hoch wie in London. Aber jetzt haben wir etwas in der Nähe der jetzigen und künftigen Firmenzentrale gefunden.

Ihre vier Kinder bleiben aber überwiegend in England?

Schulte-Bockum: Wir sind jetzt mehr als neun Jahre im Ausland gewesen. Dadurch sind die Kinder komplett im englischen Schulsystem groß geworden. Sie bleiben in England, werden aber oft hierhin kommen und uns besuchen. Sie sehen: Mobilität ist nicht nur mein Job, sondern auch unser Leben.

Sie waren McKinsey-Berater in Hamburg, Manager in der Vodafone-Zentrale in London und drei Jahre Chef des niederländischen Ablegers. Wie sehen Sie da Vodafone-Deutschland?

Schulte-Bockum: Wir sind mit dem größten Umsatz einer Ländergesellschaft die Perle des Konzerns. Ich freue mich hier zu sein – auch weil ich die Region schätze. Auch meine Heimatstadt Kirchhellen liegt ja nicht weit.

Ist Düsseldorf ein guter Standort?

Schulte-Bockum: Absolut. Die Stadt ist die Hauptstadt der Telekommunikation in Deutschland, insbesondere wenn man den Radius am Rhein entlang auf der Landkarte etwas großzügiger nimmt und auch Köln und Bonn mit der dortigen Telekom einbezieht. Sehr viele Lieferanten und Dienstleister sind hier in NRW. Hier hat sich für die Telekommunikation ein Cluster gebildet wie im Umfeld von Stuttgart für die Automobilindustrie und ihre Zulieferer. In diesem Rhein-Cluster spielt man sich die Bälle zu. Allerdings sollten die Hochschulen enger mit der Wirtschaft kooperieren.

Wie bewerten Sie die Firmenkultur von Vodafone-Deutschland als Nachfolgeunternehmen einerseits der Mobilfunksparte des Mannesmann-Konzerns, andererseits seit 2001 Ableger der angelsächsischen Vodafone-Gruppe?

Schulte-Bockum: Vodafone ist ebenso international, wie lokal verwurzelt. Das ist eine Stärke. Der richtige Mix und die Einstellung zur Arbeit in internationalen Teams sind heute wichtig. Immerhin arbeiten bei uns in Düsseldorf Mitarbeiter aus 73 Ländern. Aber wir müssen digitaler und dadurch schneller und auch wieder etwas jünger werden. Ich denke, der Umzug in den neuen Campus zur Jahreswende wird viel in Bewegung setzen und bietet viele Chancen.

Was heißt das?

Schulte-Bockum: Dank des "Open-Office"-Konzeptes wird die Kommunikation direkter und besser. Die Firma kann weniger hierarchisch ticken – in den Niederlanden hatten die Mitarbeiter beispielsweise keine Hemmung, einfach mal mit einer ungewöhnlichen Idee in mein Büro zu kommen. Beschäftigte können auch viel häufiger zu Hause oder von unterwegs aus arbeiten – das macht uns beweglicher und familienfreundlicher. Und insgesamt zeigt der Bau des Campus mit seinen 19 Stockwerken, wie sehr wir an die Zukunft hier in Deutschland glauben.

Ihr Betriebsrat befürchtet Jobabbau.

Schulte-Bockum: Wir haben rund 12.000 Mitarbeiter. Ungefähr ebenso viele Beschäftige arbeiten ausschließlich für uns bei Partnerfirmen. Wir reden also von 24.000 bis 25.000 direkten und indirekten Arbeitsplätzen. Daran wird sich auf absehbare Zeiten nichts ändern, was nicht ausschließt, dass wir gelegentlich auch Aufgaben an Partner abgeben. Die eigentliche Gefahr ist, wenn Unternehmen am Status quo festhalten statt sich immer wieder neu zu erfinden – und das heißt auch verändern. Insgesamt bleiben wir ein Motor für Jobs und Wachstum und suchen weiter gute Leute.

Wie lockt man die an?

Schulte-Bockum: Junge Menschen wollen heute nicht nur Geld verdienen, sie wollen etwas Sinnhaftes tun und mitgestalten. Die Engländer nennen das den ''sense of noble purpose". Da hat unsere Branche viel zu bieten: Das Internet und mobile Kommunikation erleichtern den Menschen Leben und Arbeiten, sie stehen im Zentrum des Fortschritts. Wir helfen mit unserer Technik beispielsweise bei der Energiewende, bei der Weiterentwicklung der Medizintechnik und bei Kommunikations- und Sicherheitssystemen für Autos.

Klingt spannend, aber viele Kunden hätten einfach gerne guten Service.

Schulte-Bockum: Wir sind da schon besser als die meisten Wettbewerber, müssen aber weiter stark zulegen. Das Kundenerlebnis steht für mich an erster Stelle. Bei Netz und Service müssen wir kompromisslos anspruchsvoll sein. Wir werden anbieten, dass Kunden zurückgerufen werden, wenn sie bei der Hotline eine Minute lang nicht durchgekommen sind – als das neue iPhone auf den Markt kam, hatten wir beispielsweise zehntausende Anrufe an einem Tag zu bearbeiten. Zudem werden immer mehr Service-Funktionen digitalisieren.

Haben Sie Beispiele?

Schulte-Bockum: Ich glaube, wir können viele Dinge mit digitaler Technik im Interesse der Kunden noch besser steuern – zum Beispiel die Wartung der Geräte oder auch Adressenübertragung. Sicher wird es immer mehr Bedarf bei der Installation von Anwendungen geben.

Angefangen mit dem soeben eröffnetem Flagship-Store in Köln bieten Sie an, dass Kunden sich im Shop ihre Smartphones einstellen lassen. Wird es so etwas auch in Düsseldorf geben?

Schulte-Bockum: Ja. Wir suchen auch hier einen Standort. Im Campus werden wir natürlich einen modernen Shop bieten. Aber selbstverständlich wird auch das Personal in anderen Shops geschult, um ein neues Serviceerlebnis vor Ort bieten zu können. Denn je mehr sich das Handy zum mobilen Computer entwickelt, umso mehr Beratungsbedarf gibt es. Aktuell haben rund 30 Prozent der Kunden ein Smartphone, in drei Jahren werden es fast 80 Prozent sein.

Neue Kundengruppen kommen dazu?

Schulte-Bockum: Meine 70-jährige Mutter ist das beste Beispiel. Ich habe ihr ein iPad geschenkt und sie nutzt das gern. Mobiles Internetsurfen ist kein Privileg der Technikfreaks mehr. Und je einfacher viele Anwendungen werden, umso mehr Nachfrage entsteht: Ich bin beispielsweise Abonnent des Musikdienstes Spotify: Für 120 Euro im Jahr kann ich fast jeden Song hören. Soviel Musik habe ich früher nicht gekauft. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass Medienhäuser mit digitalen Abos zunehmend Erfolg haben, weil Flachcomputer wie Tablets immer mehr in Mode kommen.

Können Sie sich vorstellen, dass Apple mit iPhone und iPad so erfolgreich wird, dass der US-Konzern eine Art Monopol für anspruchsvolle mobile Endgeräte erringt?

Schulte-Bockum: Nein. Apple ist erfolgreich, weil die Geräte attraktiv und als geschlossenes, durchdachtes System auch sehr leicht zu bedienen sind. Aber rund um die Betriebssysteme Android von Google und künftig wohl auch Windows Phone entwickeln sich ähnlich attraktive Ökosysteme für Smartphones und mobile Computer.

Was für ein Handy nutzen Sie selbst?

Schulte-Bockum: Aktuell ein HTC One. Aber ich nutze Geräte fast aller Hersteller, auch um sie kennenzulernen. Immerhin habe ich für Vodafone einige Jahre lang den weltweiten Geräteeinkauf gemanagt.

Wie schlimm ist es, dass das neue Apple-Handy die neue Funktechnik LTE nur im Netz der Telekom nutzen kann.

Schulte-Bockum: Natürlich ist das zu bedauern. Denn dadurch kann das Gerät nur in weniger als 100 Städten genutzt werden, auch die Telekom nutzt ja in der Fläche die 800er LTE-Frequenz. Es ist also das iPhone für die Großstadt. Wir sind aber ein Flächenland. Ich gehe deshalb davon aus, dass Apple über kurz oder lang davon überzeugt sein wird, das iPhone auch mit der 800-Gigahertzfrequenz für LTE in der Flaeche anzubieten. Immerhin ist das der in Europa favorisierte LTE-Standard.

Was tun Sie, um die 2012 errungene Führung gegen die Telekom im deutschen Mobilfunkmarkt zu verteidigen?

Schulte-Bockum: Das war ein toller Erfolg der Mitarbeiter und spornt nach innen an. Jetzt zählt aber vorrangig, die kleineren Wettbewerber E-Plus und 02 auf Distanz zu halten als der Vergleich mit den Bonnern, obwohl wir natürlich weiter gern Nummer Eins sind. Aber das darf kein Evangelium werden.

Der Düsseldorfer Dax-Konzern Henkel wechselt von Vodafone zur Telekom. Was halten Sie davon?

Schulte-Bockum: Große Unternehmen wechseln immer wieder den Anbieter. Das sollte man nicht dramatisieren. Immerhin wächst unsere Großkundensparte weit überdurchschnittlich. Und mit VW haben wir diesen Sommer ja auch einen alles andere als kleinen deutschen Konzern für uns gewonnen.

Der Düsseldorfer Konkurrent E-Plus hat mit der Flatratemarke "Base" großen Erfolg. Ihre Reaktion?

Schulte-Bockum: Hier zolle ich dem Wettbewerber Respekt. Unser Geschäftsmodell ist aber ein anderes. Wir verstehen uns als Premiumanbieter. Mit unserer neuen Flatrate-Familie Vodafone RED bieten wir Einfachheit, Transparenz aber vor allem Premium-Komfort – und das zu einem guten Preis. Da bei uns Netzqualität und Service deutlich besser sind als vielen Wettbewerbern, halte ich auch einen anderen Preis als für gerechtfertigt. Die Kunden wollen keinen Stau auf der Datenautobahn und sind bereit, dafür auch ein Premium zu zahlen. Beim Thema Datentransport trennt sich bei den Firmen eben jetzt die Spreu vom Weizen.

Dummerweise hat die Telekom Sie bei der Netzqualität leicht überholt.

Schulte-Bockum: Ich glaube, das korrigieren wir in ein oder zwei Jahren. Wir haben mehr als jeder Wettbewerber in die neue Mobilfunktechnik LTE investiert. Dieses Jahr haben wir unsere Netzinvestitionen noch einmal um einen dreistelligen Millionenbetrag erhöht – und stecken mit deutlich über 1 Mrd. Euro mehr Geld in den Netzausbau als 2011. Nächstes und übernächstes Jahr wollen wir ähnliche Werte erreichen. Als Ergebnis will ich 2015 flächendeckend LTE in Deutschland anbieten.

Die Netzagentur genehmigt Ihre Richtfunkstrecken zur Anbindung der LTE-Funkstationen nicht so schnell wie vorgeschrieben. Schlimm?

Schulte-Bockum: Der Vorgang ist inakzeptabel. Wir setzen jetzt darauf, dass die Genehmigungen mit Zusatzkräften unbürokratisch erteilt werden. Es kann nicht sein, dass die Politik ehrgeizige Ziele für Breitbandanschlüsse formuliert, und die Netzagentur bremst. Außerdem sind die Genehmigungen für die Behörde ein gutes Geschäft. Sie verdient an jedem einzelnen Antrag prächtig. Die Stellen finanzieren sich mehr als selbst...

Goodbye Festnetz auch wegen LTE?

Schulte-Bockum: LTE ist ein echter Datenturbo und macht das Festnetz und DSL zum großen Teil bei Privatkunden entbehrlich. Immer mehr Kunden nutzen schon jetzt nur noch ein mobiles Gerät zum Telefonieren und zum Internetsurfen. Bis 2015 erwarten wir nun, dass der mobile Datenverkehr in Deutschland um 2000 Prozent steigt. Speziell der Videoboom heizt das Geschäft an. Klar ist aber auch: Für unsere Geschäftskunden werden wir auch in Zukunft weiter Festnetzlösungen anbieten.

Verändert sich so Ihr Geschäftsmix?

Schulte-Bockum: Bisher bringen Sprache und SMS zwei Drittel des Umsatzes und der Datentransport den Rest. In wenigen Jahren sollte sich das umkehren. Sprache und SMS würden dann nur noch ein Drittel ausmachen, das Datengeschäft mit zwei Dritteln klar überwiegen. LTE wird den Markt verändern. Aber viel wichtiger: Es wird auch das Netz-Erlebnis unserer Kunden revolutionieren.

(RP/felt/rm/areh)
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