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Präsident des Rheinischen Sparkassenverbandes
"Smartphone ist die Filiale der Zukunft"

Michael Breuer: "Smartphone ist die Filiale der Zukunft"
Michael Breuer vertritt als Präsident des Rheinischen Sparkassenverbandes die Interessen von 34 Sparkassen. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Der Präsident des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes, Michael Breuer, über die Notwendigkeit des Sparens, die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank sowie die Zukunft der rheinischen Sparkassen und ihrer Zweigstellen.

Das Jubiläum wird am Rhein gefeiert: Am 27. und 28. April findet auf dem Düsseldorfer Messegelände der 25. Deutsche Sparkassentag statt. Im Vorfeld sprachen wir mit Michael Breuer, dem Präsidenten des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes.

Wenn Sie 15.000 Euro anlegen sollten, was würden Sie tun?

Breuer Bei den niedrigen Zinsen würde ich sagen: Sachwerte sind das Beste. Wer perspektivisch Wohneigentum haben und das selbst nutzen will, für den ist das die klügste Alternative.

Für alle anderen lohnt sich Sparen derzeit kaum, oder?

Breuer Das ist der falsche Ansatz. In Zeiten hoher Zinsen vermehrt sich das Vermögen automatisch. Je niedriger der Zins ist, desto mehr muss man für das Alter sparen. Das machen aber viele Deutsche nicht mehr. Die hören mit dem Sparen auf, wenn es nicht mehr attraktiv ist, und konsumieren stattdessen. Mit Blick auf das Leben als Rentner ist das eine fatale Entwicklung.

Muss der Staat den Menschen bei der Vorsorge mehr helfen?

Breuer Ja, wir müssen über neue Möglichkeiten reden, das Sparen für die Altersvorsorge verstärkt zu fördern. Beim Vermögensbildungsgesetz sind Förderbeiträge und Einkommensgrenzen seit Jahren nicht mehr angepasst worden. Was der Staat als Schuldner durch Niedrigzinsen spart, könnte er ja teilweise durch die Erhöhung von Arbeitnehmersparzulage oder Wohnungsbauprämie zurückgeben.

Unter den niedrigen Zinsen leiden nicht nur die Bürger, sondern auch Banken und Sparkassen. Wann kommt der Zeitpunkt, zu dem Ihre Mitgliedsinstitute den Kunden Negativzinsen berechnen?

Breuer Wenn überhaupt, werden die Sparkassen die Letzten sein, die Negativzinsen einführen. Das widerspricht dem Spargedanken.

Aber so können Sie im Zinsgeschäft doch kein Geld verdienen. Das hält kein Institut ewig aus. Muss die Europäische Zentralbank bei ihrer Geldpolitik umsteuern?

Breuer Die EZB-Politik ist schädlich für Europa. Mario Draghi verfährt nach dem Motto: "Als sie merkten, dass sie in die falsche Richtung gingen, verdoppelten sie ihr Tempo." Seine Geldpolitik bewirkt nicht das, worauf sie zielt, nämlich die Entwicklung in den wirtschaftlich schwächeren Staaten Europas nachhaltig anzuschieben. Dort fehlt es an Strukturreformen, nicht an Krediten für Investitionen. Zugleich überwiegen auch hierzulande die Nebenwirkungen - etwa die kalte Enteignung der Sparer.

Die Zentralbank verweist bei ihrer laxen Geldpolitik auf die Gefahren einer Deflation in der Euro-Zone.

Breuer Das ist überzeichnet. Die Angst vor der Deflation speist sich doch vor allem aus dem extremen Rückgang des Ölpreises. Rechnet man den heraus, haben wir eine normale Preisentwicklung. Da ist es nicht nötig, jeden Monat 80 Milliarden Euro in die Märkte zu pumpen.

Aber von dem Inflationsziel der EZB, unter, aber nahe zwei Prozent zu liegen, sind wir meilenweit entfernt. Stimmt der Zielkorridor der Notenbank nicht mehr?

Breuer Das Inflationsziel von zwei Prozent ist gar nicht das Problem. Stattdessen müsste der Warenkorb neu gewichtet werden. Der Ölpreis hat schon lange nicht mehr die Bedeutung, die er noch in den 90er Jahren hatte. Rechnet man ihn heraus, wäre die Inflationsrate höher.

Wäre es angesichts der Strafzinsen, die die EZB auf Bankeinlagen verhängt hat, für die Sparkassen eine Option, das Geld zu horten, anstatt es bei der EZB zu parken? In Bayern wird darüber schon nachgedacht.

Breuer Nein, das ist eher ein Randthema. Der Trend geht weg vom Bargeld, und dann soll es auf einmal in Tresoren gehortet werden?

Es ist schon auffällig, dass in einer Zeit der Strafzinsen für die Banken die Gebühren für die Privatkunden steigen.

Breuer Eine Veränderung der Gebühren muss mit einem Mehrwert verbunden sein. Das Girokonto heute hat mit dem von vor 30 Jahren nichts mehr zu tun. Wir bieten mehr Service an. Und mit den Preisen müssen wir uns am Markt bewähren.

Wie sieht die Zukunft der rheinischen Sparkassen aus? Wie viele Filialen fallen in den nächsten Jahren weg?

Breuer Im vergangenen Jahr sind im Rheinland zehn Filialen weggefallen, wir haben immer noch über 1000 Filialen im Verbandsgebiet. Es gilt aber der Leitsatz: Wir sind da, wo der Kunde ist . . .

. . . aber der kommt immer weniger in die Filiale.

Breuer Und deshalb müssen wir auch die Anstrengungen bei der Digitalisierung verstärken. Für viele Kunden ist das Smartphone die Filiale der Zukunft. Nähe wird heute anders definiert.

Brauchen wir dann überhaupt noch Niederlassungen, in denen Menschen arbeiten?

Breuer Ja, es ist auch unsere Aufgabe für jene Kunden da zu sein, die die Filiale vor Ort wollen und benötigen. Aber dort wird künftig anders gearbeitet. Wir müssen die Filialen aufwerten, das heißt, dort steigt die Beratungs- und Serviceintensität. Zudem gibt es aktuelle Herausforderungen, die eine Präsenz unumgänglich machen.

Welche meinen Sie?

Breuer Wenn Sie sich anschauen, wo die Flüchtlinge ihre Konten haben, dann sind nahezu 100 Prozent bei einer Sparkasse. Die Betreuung dieser Kundengruppe ist aufwendig und fordert von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern viel Engagement. Das zeigen sie sehr gerne.

Die Beschäftigten könnten das gestiegene Arbeitspensum aber auch zum Anlass nehmen, um deutlich mehr Lohn zu fordern.

Breuer Sie spielen auf die aktuelle Tarifrunde im öffentlichen Dienst an. Die Forderung von sechs Prozent ist extrem ambitioniert, aber eine Forderung ist ja nicht das letzte Wort. Wir müssen am Ende ein Ergebnis hinbekommen, das uns als Arbeitgeber weiterhin attraktiv gegenüber dem Wettbewerb dastehen lässt, uns aber nicht finanziell überfordert.

Auch Geldautomaten der Sparkassen werden regelmäßig gesprengt. Welche Gegenmaßnahmen sind geplant?

Breuer Wir haben es da mit organisierten Banden zu tun, die sich auf die Sprengung der Automaten spezialisiert haben. Die verlagern gerade verstärkt ihre Tätigkeit von Frankreich, Belgien und den Niederlanden auch nach NRW, unter anderem, weil sie hier schnell auf der nächsten Autobahn sind. Wir haben schon in den vergangenen Jahren begonnen, unsere Automaten umzurüsten und verstärken jetzt unsere Anstrengungen. Es gibt vielfältige technische Möglichkeiten, die die Sprengung unattraktiv für die Täter machen. Trotzdem ist die Zahl immer noch zu hoch. Das wollen wir gemeinsam mit der Polizei in den Griff bekommen.

Maximilian Plück und Georg Winters führten das Interview.

Quelle: RP
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