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"Perspective Daily"
NRW-Startup will neuen Journalismus probieren

Perspective Daily & konstruktiver Journalismus: Nora Tschirner & Klaas Heufer-Umlauf unterstützen
Bernhard Eickenberg, Maren Urner und Han Langeslag FOTO: Perspective Daily / Marvin Kronsbein
Düsseldorf/Münster. Drei junge Wissenschaftler aus Münster wollen mit ihrem Startup Journalismus besser machen. Allerdings haben sie vor dem Start ein ehrgeiziges Ziel. Sie suchen 12.000 zahlende Leser. Unterstützung kommt von Prominenten wie Schauspielerin Nora Tschirner und Klaas Heufer-Umlauf. Selbst Jan Böhmermann ist höchst neugierig. Von Daniel Fiene

"Das ist eine internationale Bewegung die es schon länger gibt - und für Deutschland ist das eine neue Herangehensweise", schwärmte Schauspielerin und Tatort-Kommissarin Nora Tschirner kürzlich in der Talksendung "Schulz & Böhmermann" von dem neuen Startup "Perspective Daily", welches seinen Lesern demnächst konstruktiven Journalismus anbieten möchte. "Die Bewegung basiert auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen", erklärte Tschirner das Projekt den Gastgebern Olli Schulz und Jan Böhmermann. "Über die guten Ansätze, die es in der Welt gibt, wird kaum gesprochen, weil die Menschen schon komplett wegen der vielen Sensationsberichterstattung mit den Nerven fertig sind." Das machte Schulz und Böhmermann so neugierig, dass sie Tschirner zur Fortsetzung des Gesprächs in ihre Radiosendung "Sanft und Sorgfältig" einluden.

In Zeiten, in denen populistische Webseiten in sozialen Netzwerken große Aufmerksamkeit erhalten, bekommt diese Gegenbewegung prominente Unterstützung. Nicht nur Tschirner engagiert sich ehrenamtlich für das Startup aus Münster, auch Klaas Heufer-Umlauf ("Joko und Klaas", "Circus HalligGalli") macht für "Perspective Daily" Werbung.

Zwei Wochen vor dem Ende der Sammelphase, hat "Perspective Daily" ein Drittel des Ziels erreicht. Noch fehlen rund 8.000 zahlende Leser. FOTO: Screenshot perspective-daily.de

Doch ob das neue Online-Medium in wenigen Wochen wie geplant starten kann, ist noch ungewiss. Zum Start werden 12.000 Leser gesucht, die 42 Euro für einen Jahreszugang bezahlen. Zwei Wochen vor dem Ende der Crowdfunding-Phase fehlen noch 8.000 Leser. Doch die Gründer von "Perspective Daily" sind optimistisch, dass sie ihr Ziel erreichen.

"Immer mehr Menschen wenden sich von gesellschaftlichen Problemen ab"

Eine Neurowissenschaftlerin, ein Physikochemiker und ein Wirtschaftswissenschaftler haben "Perspective Daily" im vergangenen Jahr im Umfeld der Uni Münster gegründet. Im Zentrum des Mediums stehen hybride Autoren. Sie sind halb Wissenschaftler, halb Schreiber. "Wir sehen konstruktiven Journalismus als einzige Möglichkeit, um den Menschen wieder Spaß am Journalismus zu geben", erklärt Mitgründerin und Neurowissenschaftlerin Maren Urner. "Immer mehr Menschen wenden sich nicht nur von den Medien ab, sondern auch von den gesellschaftlichen Problemen."

Deswegen soll aus der Theorie des konstruktiven Journalismus nun in Deutschland Praxis werden. "Wann immer wie ein Thema behandeln, wollen wir weiter als das Problem gehen. Wir stellen uns die Frage: Was kann man dagegen tun? Wie könnte es besser werden?", vertieft Mitgründer und Physikochemiker Bernhard Eickenberg. "Wir wollen es nicht nur als fertige Lösung verkaufen, sondern auch die Leser motivieren, selbst noch einmal drüber nachzudenken. Wir wollen die Leser überraschen und eine neue Perspektive geben, die sie vorher vielleicht noch nicht im Kopf hatten."

Leser sollen Themen beeinflussen

Wenn es mit der Crowdfunding-Phase klappt, soll die Seite im April an den Start gehen. Welche konkreten Themen die Wissenschaftler ihren Lesern bieten wollen, will das Gründerteam nicht verraten. Auf ihrer Webseite nennen sie nur allgemeine Themenfelder. Sie haben Sorge, dass es Interessenten abschreckt, wenn diese sich für das eine konkrete Beispiel nicht interessieren. Der dritte Mitgründer und Wirtschaftswissenschaftler Hang Langeslag beschreibt, was die Leser dann erwarten soll: "Es wird eine Paywall geben. Mitglieder kommen rein und können die Themen auch mit den Autoren weiter diskutieren. Hoffentlich entwickeln sich dann daraus neue Geschichten." "Perspective Daily" will pro Arbeitstag einen längeren fundierten Beitrag veröffentlichen. Dazu gibt es eine Zahl und Grafik des Tages.

Werbevideo mit Nora Tschirner und Klaas Heufer-Umlauf

Oft wird dieser lösungsorientierte Journalismus allerdings falsch verstanden. "Es geht nicht darum, alles Gesundzubeten oder alles toll zu finden, es ist eine Frage des Denkens. Denke ich in Problemen oder denke ich in Lösungen", interpretiert Publizist Hajo Schumacher das Prinzip, nachdem er sich intensiv mit der Strömung beschäftigte. "Szenarien zu entwicklen, wie man gegen den IS kämpft, ist viel hilfreicher, als zu sagen, Bomben drauf. Da hat der Leser dann mehr von." Geprägt wurde die Strömung des konstruktiven Journalismus im skandinavischen Raum.

Vorsicht vor PR von Firmen

Oft wird in diesem Zusammenhang das Buch "Constructive News" des Journalisten Ulrich Haagerup zitiert. Medienkritiker Stefan Niggemeier betont, dass zum konstruktiven Journalismus zwei Seiten der Medaille gehören: "Das Buch des dänischen Journalisten Haagerup habe ich sehr zwiespältig gelesen. Ich habe das Gefühl, dass es um eine merkwürdige politische Agenda ging und ihm gar nicht nur um konstruktive Nachrichten ging. An sich ist es gut, häufiger darüber nachzudenken, ob es denn reicht darüber zu schreiben, was schief läuft, sondern sich die Mühe zu machen, zu gucken, wie es besser laufen könnte." Die präsentierten Lösungsansätze haben aber auch ihre Grenzen. "Sie dürfen nicht in Wirklichkeit PR für eine Firma sein, die behauptet die Lösung hinzubekommen."

Die Macher von "Perspective Daily" behaupten, sich dieser Verantwortung bewusst zu sein. Um die 12.000 zahlenden Leser in den nächsten zwei Wochen zu finden, gehen die Gründer und ihre Mitarbeiter auf Deutschland-Tour. Dabei stellen sich die Macher von "Perspective Daily" auch in Düsseldorf vor. Am Dienstag (9. Februar) laden sie um 19 Uhr zu einer Infoveranstaltung in der Garage Bilk ein. Diese wird unterstützt vom Düsseldorfer PR- und Werbefachmann Thomas Koch, der in einem Vortrag über den sinnvollen Fokus auf Nutzer reden wird. Der Eintritt ist kostenlos.

Hinweis: Die Zitate von den Gründern und den Medienjournalisten stammen aus Gesprächen des Autors in seiner Radiosendung bei DRadioWissen.

Quelle: RP
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