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Mörfelden
Der Erzähler unserer Gegenwart

Mörfelden. Mit 83 Jahren ist gestern Peter Härtling gestorben. Für sein umfangreiches Werk wurde er vielfach geehrt. Vor allem seine Bücher für Kinder und Jugendliche machten ihn populär. Von Lothar Schröder

Das letzte Buch des 83-Jährigen war wieder einmal ein ganz aktuelles. Nicht die Erinnerungen an einstmals Erlebtes hatten ihm die Feder geführt, sondern die Gegenwart - das, was uns jetzt auf den Nägeln brennt. Also erzählte Peter Härtling in "Djadi" über einen minderjährigen, unbegleiteten Flüchtling aus Afghanistan. Und wie der Junge nach Deutschland gelangt, in einer Wohngemeinschaft unterkommt und versucht, in dieser fremden Welt einen Fuß auf den Boden und wieder Vertrauen zu bekommen. Für Peter Härtling war eine solche Literarisierung der Gegenwart keineswegs übereilt, sondern sehr zeitgemäß. Und dass er das ernste und schwierige Thema gar für Kinder schrieb, war ihm ein Grundanliegen - auch ein pädagogisches: "Ein größerer Teil der Flüchtlingskinder wird im Land bleiben und sich hier integrieren. Darum ist es jetzt so wichtig, dass die Ströme unserer Erfahrungen hin- und herlaufen", sagte er uns im vergangenen Jahr. So dachte er meist, und im Grunde war das auch eine Art Programm: aufgeklärt zu sein, verantwortungsbewusst und auf die Zukunft gerichtet. Gestern ist Peter Härtling, einer der wichtigsten Kinder- und Jugendbuchautoren der deutschen Nachkriegsliteratur, in Rüsselsheim gestorben.

Das mit der sogenannten Nachkriegsliteratur ist bei Härtling immens wichtig. Weil der Krieg und die Kriegserfahrung den Hintergrund vieler seiner Geschichten bilden. Ohne diesen Zerstörungsfuror wäre alles anders gewesen, auch für den Jungen, der bei Kriegsende elf Jahre alt ist. Der Vater stirbt im Juni 1945 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Wie sanft und suchend ist sein Buch "Nachgetragene Liebe", das er knapp vier Jahrzehnte später seinem Vater widmen wird. Dieses Buch nimmt in den zahlreichen Vater-Sohn-Auseinandersetzungen eine Sonderstellung ein.

Peter Härtling hat uns nie den Krieg erklärt, aber er hat mit dem Krieg zu erklären versucht, warum die Menschen hierzulande so wurden, wie sie jetzt sind. Mit all ihren Verletzungen und den Verhärtungen, die schützen sollten vor dem Unsagbaren. Härtling hat dies alles selbst erlebt, erlitten, bewahrt. Nur ein Jahr nach dem Tod des Vaters nimmt sich die Mutter das Leben. Dass sie ihr Kind schutzlos der Welt ausliefert, lässt erahnen, wie groß ihre seelische Not gewesen sein muss. Ihre Vergewaltigung durch russische Soldaten hatte Peter Härtling als Kind mit ansehen müssen.

Es gibt so viele Themen im riesigen Werk des Autors, doch Flucht und Vertreibung ist für ihn bis zuletzt das zentrale geblieben. Aber im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Autoren, die ähnliches unternahmen, gab es bei Härtling nie den geringsten Verdacht, er sei von Ressentiments getrieben. Weil er vor allem von den Menschen erzählte, von ihren kleinen, großen Leben, ihren Sorgen und Freuden, ihrer Lebensklugheit und ihrer Naivität. "Die Reise gegen den Winde" ist so eine wundersame Härtling-Geschichte, in der er Bernd und Tante Karla auf die Flucht schickt. Es gibt düstere Kapitel in dieser Erzählung, besonders, wenn der fabelhafte Herr Maier auf den Plan tritt. Doch im Grunde bleibt es eine Abenteuergeschichte, die - wie so oft bei ihm - vaterlos ist, am Ende aber halbwegs gut, erträglich ausgeht.

Härtling hat uns mit "Oma", "Ben liebt Anna", mit "Krücke", "Hirbel" und "Fränze" verzaubert. Er hat uns das Lesen, Staunen und Meinen gelehrt. Und er ist mit einer riesigen Fangemeinde und allen wichtigen Preisen geehrt worden. Doch seine Literatur für den Nachwuchs beschreibt nur einen Teil seines Schaffens. Der frühere Journalist und Lektor hat sich auch ans erwachsene Publikum gerichtet, etwa mit seinem autobiografischen Roman "Herzwand". Besonders schön, einfach, aber liebend geschrieben, sind ihm die nacherzählenden Biografien jener Künstler geraten, die ihm viel bedeuteten: Seine Bücher über Schubert, Schumann und Mozart, über Hoffmann, Hölderlin und Waiblinger waren ihm Herzensangelegenheiten.

Wer Peter Härtling traf, war zunächst überrascht; so groß und mächtig kam er einem vor. Doch wenn er zu lesen begann, vor allem vor Kindern, wurde seine Stimme warm und hell, weich, schmeichelnd und einnehmend. Ein anderer Wesenszug war: Woran er Gefallen fand, daran hielt er fest. Etwa an seiner altmodischen Radiosendung auf hr2 mit dem irrwitzig anachronistischen Titel "Literatur im Kreuzverhör". Dabei mussten Experten nur mit Hilfe einer kurzen Textstelle Autor und Buch erraten. Und Härtling war - mit diebischer Freude - ihr Dompteur. Auch diese Sendung wurde unter Literaturfreunden für viele Jahre zum "Blockbuster". Diese Ratespielchen hatten vielleicht auch deshalb diesen Erfolg, weil man Peter Härtling immer anmerkte, wie überzeugt er war und mit welcher Begeisterung er in die Manege stieg.

Rund 100 Bücher hat er geschrieben - und in allen möglichen Tonlagen: Romane und Essays, Dramen und Gedichte. Eine Unruhe schien ihn anzutreiben und das Bedürfnis, der Welt das zu erzählen, was er für richtig hielt. Sein Glaube an das Gute war enorm. Und er konnte sich sehr freuen, wenn es manchmal nur zum kleinen Guten reichte. Als der Friedhof in Nürtingen, Stadt seiner Jugend, planiert werden und das Grab seiner Mutter verschwinden sollte, rief ihn jemand aus dem Dorf an. Wenigstens einen Gedenkstein wolle man errichten; und Peter Härtling wurde um einen Text dafür gebeten. "Zum Andenken an Erika Härtling (1911-1946) und in Erinnerung an alle Flüchtlingsfrauen der letzten beiden Jahrhunderte", schlug er vor. Später meldete sich die Frau wieder bei ihm, diesmal mit der Nachricht, dass am Grab der Mutter jetzt immer frische Blumen lägen.

Quelle: RP
 
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