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Paris
Stimme der Liebe

Paris. Im Bordell wuchs sie heran, auf der Straße wurde sie zur Sängerin: Morgen wäre Edith Piaf 100 Jahre alt geworden. Von Dorothee Krings

Sie hat sich die Seele aus dem Leib gesungen, das Innerste nach außen gekehrt, trotzig, charmant, effektbewusst, manchmal verzweifelt, immer inbrünstig. Man hatte diesen Eindruck, denn ihre Stimme und ihre Leidenschaft waren doch so viel größer als ihr Körper. So schien es oft, als schenke Edith Piaf ihre letzte Kraft an das Publikum - und an ihre Lieder über die Liebe, die Lust am Leben, die Unerbittlichkeit des Schicksals. Diesem zum Trotz hat sie der Reue den Kampf angesagt: "Non, je ne regrette rien!" Eine wie die Piaf bedauerte nichts - da litt sie lieber.

Schon ihre Kindheit klingt wie ein trauriges Märchen. Am 19. Dezember 1915 wird Édith Giovanna Gassion als Tochter einer Kaffeehaus-Sängerin und eines Zirkusartisten, eines Schlangenmenschen, geboren. Die Eltern sind Flatterwesen, haben keinen Raum für die Bedürfnisse eines Kindes - und Geld wohl auch nicht. Als Ediths Vater sie endlich zu seiner Mutter bringt, ist das Kleinkind fast verhungert. Die Großmutter peppelt die Kleine auf, doch die alte Frau betreibt ein Bordell, so wächst das Mädchen weiter in prekären Verhältnissen heran. Schon morgens soll sie eine Flasche Rotwein mit Wasser zum Verdünnen vorgesetzt bekommen haben.

Nach dem Ersten Weltkrieg reist Edith, noch ein Kind, mit dem Vater durch Frankreich. Er lässt sie auf der Straße singen, das niedliche Ding mit der großen Stimme bringt Geld. So lernt das Mädchen früh, um die Aufmerksamkeit von Passanten zu buhlen. Diese unbedingte Hinwendung zum Publikum hat sie nie mehr verloren. Auch als sie später auf den Bühnen der großen Varietés auftrat, war das ihre Stärke: einen Pakt zu schließen mit dem Publikum. Sie musste dazu nur die dunklen Augen heben und die Hüften leicht schwingen und die Stimme so schön rotzig schnarren lassen, schon war sie die Gossengöre mit dem großen Herz, die tapfere Kleine in der großen Welt, der man all die Leidenschaft für das pure Dasein abnimmt - allen Rückschlägen zum Trotz.

Härten hat sie oft erlebt: Mit vier Jahren erkrankt sie an einer Hornhautentzündung und erblindet. Nach zwei Jahren pilgert die Großmutter mit ihr zur Heiligen Therese nach Lisieux, das Kind gesundet. Ein Leben lang hat die Piaf die Heilige deswegen verehrt, soll alljährlich inkognito an ihr Grab gepilgert sein.

Mit 15 läuft sie dem Vater davon, der mit ihr durch die Städte tingelt, säuft, das Mädchen schlägt. Edith beißt sich alleine durch, bis der Nachtclubbesitzer Louis Leplée ihr Talent entdeckt, ihr den Künstlernamen "la môme piaf" - die Spatz-Göre gibt und sie in seinem Kabarett auf die Bühne bringt. Doch der Mann wird ermordet, die Täter stammen aus dem Milieu, in dem die junge Piaf ihr Leben verbringt, und so gerät sie unter Verdacht. Mit 17 wird sie schwanger, bekommt ihr einziges Kind, Marcelle, das sie bei ihrem Geliebten zurücklässt. Mit zwei Jahren stirbt das Mädchen an einer Hirnhautentzündung.

Die Piaf ist also noch keine 20, da hat sie schon mehr eingesteckt, als viele Menschen im ganzen Leben. Doch die 1,50 Meter große Frau gibt nicht auf. Nach einer Flucht aufs Land löst sie sich vom alten Leben und ihr gelingt der Durchbruch als Künstlerin. Auftritte in ganz Europa folgen, auch vor gefangenen französischen Soldaten in Nazi-Deutschland tritt sie auf. Das hat man ihr übel genommen, in der Heimat galt sie als Kollaborateurin, wenn sie Sanktionen auch entging.

Doch da war ihre Stimme, rein und verdorben und seelenvoll. Und da waren ihre Chansons, die von verliebten und enttäuschten Frauen handeln, von den Milords und dem blühenden Leben der Rosen, von der Sehnsucht und von aufgeregten Herzen, die "Padam, padam" schlagen, als seien sie aus Holz. Bis heute kann man sich der zutraulichen Direktheit dieser Sängerin nicht entziehen. Und so machte sie Karriere als Stimme der Liebe - und der Verzweiflung, als der Spatz von Paris.

Gegen den enormen Druck, den sie sich selbst auferlegte, indem sie zeitweilig mehrere Konzerte an einem Tag gab, trank sie, nahm Tabletten. Sie hatte Affären. Und eine große Liebe, den in Algerien geborene Boxweltmeister Marcel Cerda. Doch der starb 1946 bei einem Flugzeugabsturz - und riss die Piaf mit sich in die Verzweiflung.

Von da an litt sie an schmerzhaftem Rheumatismus im Rücken. Dazu an Blutarmut, Arthritis, Gelbsucht, Bauchfellentzündungen. Nach einem Zusammenbruch ließ sie sich fortan von einer Krankenschwester begleiten. Die hatte Morphium im Köfferchen - am Ende war das Leben der Piaf doch zu schmerzvoll, um es ohne Drogen zu ertragen. Und diese leidenschaftliche, willensstarke, anstrengende Frau dachte nicht in den Kategorien von Gesundheit und Vorsorge. Sie wollte singen, leben, in vollen Zügen, mit vollem Risiko. "Man ist niemals glücklich", hat sie mal gesagt und dann doch ergänzt: "Aber ich bin glücklich, wenn ich singe." Musik hat Edith Piaf überleben lassen. Das hört man in ihren Liedern. Das ist ihr Geschenk an uns.

Quelle: RP
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