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Depression und Angststörung
Wie wirksam ist eine Online-Psychotherapie?

Depression und Angststörung: Wie wirksam ist eine Online-Psychotherapie?
Bei Depressionen können auch Online-Therapien wirksam helfen. FOTO: Shutterstock/Stock-Asso
Düsseldorf. Beinahe fünf Millionen Menschen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Depressionen. Doch die Wartelisten für einen Therapieplatz sind lang. Sind Online-Therapien die Lösung?  Von Tanja Walter

Jeder fünfte Deutsche erkrankt irgendwann in seinem Leben an einer Depression. Die meisten von ihnen benötigen professionelle Hilfe. Sonst besteht die Gefahr, dass das Leiden chronisch wird. Das Problem: Immer noch warten Betroffene zu lange auf einen Therapieplatz. Zwar hat sich das Warten auf ein Erstgespräch seit der Einführung einer Sprechstunde in den Psychotherapiepraxen verkürzt, die Wartezeit bis zur Therapie aber ist eher noch länger geworden. Grund: "Die Sprechstunden binden Arbeitskapazität der Therapeuten", sagt Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.

Hier erfahren Sie, wo Sie bei psychischen Krisen Hilfe bekommen.

Deshalb blicken Betroffene auf das wachsende Angebot von Online-Therapien. Sie locken mit dem Vorteil sofortiger Verfügbarkeit und sie können in den eigenen Tagesablauf eingebaut werden – also auch problemlos bei Dienstreisen oder im Urlaub fortgesetzt werden. Nicht für jeden sind sie aber die optimale Therapielösung. Hier beantworten Experten die wichtigsten Fragen:

Das sollten Sie vor der Online-Therapie prüfen
  1. Bei welchen psychischen Erkrankungen kommen Online-Interventionen zum Einsatz?

    Es gibt Programme zur Behandlung von Depressionen, von Angststörungen, sozialen Phobien und bei posttraumatischen Belastungsstörungen sowie Essstörungen. Gute Erfahrung sammelte man an der Uniklinik Mainz mit dem Einsatz von Online-Interventionen während der beruflichen Wiedereingliederung zur Weiterbehandlung nach einer Rehabilitationsmaßnahme.

  2. Wem können Online-Interventionen helfen?

    Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Online-Interventionen bei leichten bis mittelschweren Depressionen helfen können. Sie können dann eine wirksame und effektive Alternative zu ambulanten Psychotherapien sein.
    Rund 10 bis 20 Prozent der Menschen mit einer diagnostizierten psychischen Erkrankung lehnen laut einer epidemiologischen Studie eine Behandlung ab, sagt Munz. Als niederschwellige Angebote könnten solche Behandlungsformen vor allem Menschen helfen, die zwar Kenntnis über ihre Erkrankung haben, aber aufgrund von Scham oder Angst keinen dauernden Kontakt zum Psychotherapeuten möchten.
     
  3. Wie erfolgsversprechend ist eine Online-Therapie?

    Wie effektiv diese Therapie ist, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu zählt zum Beispiel die Bereitschaft des Betroffenen, sich überhaupt auf die Online-Hilfe einzulassen. Die meisten Studienteilnehmer wurden über das Internet rekrutiert, sagt Manfred Beutel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Mainz. Ihre Bereitschaft, sich auf das besondere Angebot einzulassen, war durch ihre Online-Affinität besonders groß. Das verfälschte in den meisten Studien das Erfolgsergebnis zum Positiven.

    Neben online-affinen Menschen gibt es jedoch auch Betroffene, die lieber persönlichen Kontakt zum Psychotherapeuten wünschen, sagt Munz. Modelle, die das Absolvieren einer Online-Therapie einer ambulanten Therapie als Muss vorschalten – wie es beispielweise in Großbritannien der Fall ist – sind seiner Auffassung nach nicht geeignet. Der Grund: "Wenn der Patient eine Behandlung ablehnt, reduziert das die Wirksamkeit." Darum hält er es für wichtig, dass Patienten die freie Wahl haben. Vorausgehen sollte jeder Behandlung eine Diagnose durch einen Psychotherapeuten sowie eine Behandlungsempfehlung, rät die Bundespsychotherapeutenkammer.

    Wie andauernd der Effekt einer Online-Therapie ist, kann derzeit niemand sagen.
     
  4. Kann die Online-Therapie die ambulante Therapie ersetzen?

    Die Experten halten die Online-Therapie als dritte Therapieoption neben der ambulanten Psychotherapie und der medikamentösen Behandlung für sinnvoll. "Diese Therapie ist sicherlich sinnvoller als keine Therapie", sagt Jan Philipp Klein vom Zentrum für Integrative Psychiatrie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Er selbst hat Wirksamkeitsstudien dazu durchgeführt und ist der Auffassung, dass sie als "Ergänzung zum bestehenden Versorgungsangebot möglicherweise dazu beitragen können, die Häufigkeit psychischer Erkrankungen zu reduzieren".

    Andere Experten wie Christine Knaevalsrud, Mitentwicklerin der Online-Intervention "Depressions-Coach", den die Techniker Krankenkasse anbietet, sieht in der finanziell günstigeren Online-Therapie eine Entlastung für die konventionelle Sprechzimmertherapie. Klein hingegen sieht es kritisch, wenn solche Angebote die Antwort auf strukturelle Probleme seien. Man könne nicht da für Online-Programme werben, wo das Versorgungssystem versage, sagt auch der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.
     
  5. Welche Angebote gibt es überhaupt?

    Gesundheitsapps – Ob für den Rechner oder für das Smartphone, es gibt unzählige frei verkäufliche Apps zum Download. Sie sind bereits ab zwanzig Euro zu haben. In diesen Anwendungen gibt es weder therapeutische Anleitung, noch sind sie ihre Wirksamkeit hin geprüft. "Apps bieten psychisch Kranken keine effektive Hilfe", sagt Manfred Beutel.

    Online-Therapien von Hochschulen – Hochschulen und Unikliniken sind in die Entwicklung und Erforschung von Online-Interventionen involviert. Für die entsprechenden Studien werden dann Teilnehmer gesucht. Diese können kostenlos an der Studie teilnehmen. Für Personen außerhalb des festgelegten Probandenkreises ist die Teilnahme an solchen Programmen nicht möglich. Über die Wirksamkeit der Therapie lassen sich in solchen Fällen keine Vorhersagen treffen.

    Online-Angebote bei Krankenkassen – Viele Kassen bieten Online-Interventionen an, die in der Regel von Hochschulen oder Forschungseinrichtungen entwickelt und auf ihre Wirksamkeit hin getestet wurden. Problematisch aus Sicht der Experten: Krankenkassen sind Versicherer, werden durch ihr Angebot aber plötzlich zu Leistungserbringern. "Eigentlich sollten das die Psychotherapeuten sein", sagt Munz.

    Einige der Angebote sind mit therapeutischer Unterstützung, andere als reine Selbstmanagement-Anwendungen konzipiert. Studien deuten darauf hin, dass Online-Therapien häufiger zu Ende geführt werden, wenn ein Therapeut ansprechbar ist. Die Psychotherapeuten sind sich zudem einig: Wer ernsthaft mit einer Depression zu kämpfen hat, den darf man nicht mit einer App alleine lassen.

    Gefahr Nummer 1: Ein Programm erkennt und interveniert nicht, wenn sich die Lage zuspitzt und der Betroffene Selbsttötungsabsichten hegt, sagt Beutel.
    Gefahr Nummer 2: Selbst bei Sichtkontakt über den Bildschirm ist nicht zweifelsfrei erkennbar, wie es dem Patienten geht. Therapeuten bekommen zum Beispiel wichtige Informationen über die Gangart, die Art sich zu bewegen. Erscheint jemand eher schwerfällig und langsam? Scheint ihm eine Bewegung besondere Kraft abzuverlangen? All das kann Hinweise auf die Ausprägung und den Verlauf einer Depression geben.
     
  6. Welche Schwachpunkte gibt es derzeit?

    Bis auf das Online-Angebot der AOK, das für alle offen ist, bieten die Krankenkassen die Nutzung ausschließlich ihren Versicherten an. Die Bundespsychotherapeutenkammer betrachtet das als nicht vereinbar mit den Grundsätzen der gesetzlichen Krankenversicherung. "Bei Arzneimitteln wäre es undenkbar, dass eine Kasse einen Wirkstoff exklusiv ihren Versicherten zur Verfügung stellen kann", sagt Munz. Alle Versicherten müssten gleichermaßen Zugang zu wirksamen Internet-Interventionen haben, die Kosten dafür sollten die Krankenkassen tragen.

    Weiteres Manko: Die Programme sind in Deutschland nicht von unabhängiger Stelle geprüft und zertifiziert. Darum schlagen die Experten vor, die Zulassung als Medizinprodukt zur Voraussetzung zu machen.
 
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