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Laos für Backpacker
In Vang Vieng ist die letzte Party gefeiert
Ende der Party-Ära in Vang Vieng
Ende der Party-Ära in Vang Vieng FOTO: dpa, Manuel Meyer
Vang Vieng. Das Dschungelstädtchen Vang Vieng im Norden Laos' galt lange als Asiens Backpacker-Partyhochburg. Nach tödlichen Exzessen ist Schluss mit der Feierei. Die spektakuläre Berglandschaft soll künftig vor allem Outdoor- und Naturfans anlocken.

Langsam schlängelt sich der Nam-Song-Fluss durch Vang Vieng. Ein paar Kinder werfen ihre Angeln aus. Frauen mit Strohhüten schieben ihre klapprigen Fahrräder über die alte Holzbrücke. Sie kommen von der Arbeit auf den umliegenden Reisfeldern, während hinter den wildromantischen Karstfelsen blutrot die Sonne untergeht. Eine Handvoll Touristen schlürft Gin Tonics und genießt bei ruhiger Chillout-Musik ein Asien wie aus dem Bilderbuch.

Emily, Jessica und Sophie sind jedoch zutiefst enttäuscht. "Ich verstehe das nicht. Hier ging voll die Post ab. Es war die Mega-Party, und jetzt ist hier kaum noch etwas los", ärgert sich Emily. Die drei Studentinnen aus Sydney waren schon einmal vor zwei Jahren in Vang Vieng. Vor allem australische Studenten, aber auch Backpacker aus den USA und Europa kamen in den Semesterferien nach Vang Vieng, um eine der "wildesten Partys der Welt" zu feiern, wie Jessica versichert.

Vang Vieng liegt mitten in einer dschungelartigen Karstlandschaft im Norden von Laos. Doch fielen jährlich fast 120.000 jugendliche Partyfans über das Provinzstädtchen her. Eine Bar reihte sich an die andere. Aus den unzähligen Diskos schallte Tag und Nacht Party-Musik. Mojitos und Whisky mit Cola oder thailändischen Energydrinks gab es gleich aus Plastikeimern. Gras, halluzinogene Pilze und Opium-Pfeifen waren an jeder Ecke zu bekommen. Vang Vieng war eine asiatische Version europäischer Partyhochburgen wie Lloret de Mar oder El Arenal mit seinem Ballermann - nur heftiger.

Knochenbrüche und harte Drinks aus Eimern

Höhepunkt der exzessiven Massenparty war das Tubing. Einige Feier-Touristen kamen eigens deswegen nach Vang Vieng. Hunderte von völlig betrunkenen Backpackern ließen sich gleichzeitig in alten Lkw-Reifen den Fluss hinab treiben. Am Uferrand der knapp vier Kilometer langen Flussstrecke standen alle paar Meter Animateure, die Seile auswarfen, um die Besoffenen in ihren Autoreifen aus dem Wasser in ihre Bar zu ziehen. Die Prozedur war immer die gleiche: Nach einem kostenlosen Tiger-Begrüßungsschnaps gab es in Zehn-Liter Eimern harte Drinks. Auch Joints und andere Drogen wurden ganz öffentlich an der Theke verkauft.

Nach mehreren Stunden kamen die meisten wie Zombies wieder aus dem Wasser. Aber nicht alle schafften es. Viele knallten von den Wasserrutschen auf Steine, brachen sich Knochen. Andere verletzten sich beim Tubing oder erlitten Alkoholvergiftungen. "Wir mussten früher pro Tag mindestens ein Dutzend Touristen mit Platzwunden und Knochenbrüchen behandeln", sagt ein Arzt des lokalen Krankenhauses.

Nachdem es 2011 knapp 30 Todesfälle und schlechte internationale Presse gab, bereitete die Provinzregierung dem Spuk ein Ende. Im Sommer vergangenen Jahres zog ein Heer von Polizisten in Vang Vieng ein, machte Dutzende illegaler Bars und Diskotheken zu und sorgt nun dafür, dass Touristen beim Tubing nur noch mit Schwimmwesten und ohne Alkohol den Nam Song Fluss hinunter treiben.

"Wir Laoten sind zurückhaltend, das passte nicht"

"Zuvor hatten wir fast 24 Stunden geöffnet. Nun müssen wir ab 1.00 Uhr nachts dicht machen, und die Musik muss ab 24.00 Uhr heruntergefahren werden", beschwert sich "Mr. Kee" aus der "Jungle Bar". "Die Leute wollen feiern. Nun suchen sie sich einen anderen Ort", resigniert er beim Blick in seine leere Bar. Der Tourismus sei seit dem Durchgreifen der Regierung um 70 Prozent eingebrochen, schätzt er. Auch Emily, Jessica und Sophie, die drei Studentinnen aus Australien, wollen nicht mehr wiederkommen.

Vone stört das nicht. Zwar hat auch der 36-jährige Tourveranstalter weitaus weniger Kunden als zuvor. "Doch ehrlich gesagt bin ich froh darüber, dass der Spuk nun zu Ende ist. Das war erstens alles viel zu gefährlich und zweitens weder gut für uns noch für unsere Kinder", sagt Vone. Die Kriminalität nahm zu, Bauern bestellten nicht mehr ihre Felder, sondern verkauften Alkohol, Kitsch und Sonnenbrillen aus China. Den Kindern wurden schlechte Vorbilder gegeben, kritisiert Vone. "Sie sahen den ganzen Tag betrunkene Jugendliche und halbnackte Mädchen in Bikinis, die wie wild durch die Gegend knutschten", beschreibt er die damaligen Zustände. "Wir Laoten sind ein sehr ruhiges, zurückhaltendes und konservatives Volk. Das passte nicht zusammen."

Region hofft auf Naturliebhaber

Auch Vone lebte noch bis zum vergangenen Jahr hauptsächlich vom Tubing-Verleih. Nun konzentriert er sich darauf, für Natur- und Outdoorfans Wanderungen und Klettertouren durch die umliegenden Berge oder Rafting- und Radtouren zu organisieren. Vang Viengs neues Tourismuskonzept scheint aufzugehen. "Die Landschaft hier ist einfach überwältigend. Alles ist noch so ursprünglich", sagt Steffen Kasber. Der 25-jährige Hildesheimer wollte eigentlich nur kurz für einen Tag dem weltweit berühmt-berüchtigten Partywahnsinn zusehen. "Nun bin ich bereits seit vier Tagen hier. Die Gegend ist ein Traum", schwärmt Steffen.

Mit dem Fahrrad geht es durch Reisfelder und kleine Bauerndörfer in die sieben Kilometer entfernte Höhle von Tham Poukham - ein Meisterwerk der Natur. Eintritt wird hier nicht verlangt. Dafür muss man sich aber auch auf eigene Faust und Gefahr mit Taschenlampen durch ein teilweise unerforschtes Labyrinth aus Gängen, Stalaktiten und Stalagmiten kämpfen. In der Mitte der ersten Haupthöhle wird eine liegende Buddha-Statue filmreif von der Sonne in Szene gesetzt, deren Strahlen sich durch ein riesiges Loch in der Decke den Weg durch die Dunkelheit suchen. Es geht immer tiefer hinein in die Höhle, und selbst kleinere Nebengrotten nehmen immer noch die Dimensionen von Konzerthallen an. "Das ist Abenteuer pur. Wahnsinn! Ich will wetten, dass die ganzen Partyfans zuvor nicht einmal wussten, was ihnen hier entgeht", sagt Steffen Kasber.

Quelle: dpa
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