| 17.16 Uhr

Attacke auf Polizisten in Düren
"Unsere Eltern haben uns erzogen, nur Gutes zu tun"

Eskalierter Knöllchen-Streit: Angeklagte stellen sich als friedliche Christen dar
Die Angeklagten vor dem Prozess im Aachener Landgericht FOTO: dpa, mg gfh
Im vergangenen Herbst eskalierte ein Streit um ein Knöllchen in Düren, acht Polizisten mussten ins Krankenhaus. Zwei Brüder und ihr Vater stehen nur vor dem Landgericht Aachen. Die Brüder geben das Bild friedfertiger Christen ab, der Vater schweigt – und ein Zeuge hat Angst auszusagen. Von Burkhard Giesen, Aachen

Die Ereignisse vom 12. November vergangenen Jahres klingen brutal. Im Streit um ein Knöllchen soll ein 29-Jähriger aus Düren mit einem Radmutterschlüssel so heftig auf einen Polizisten eingeschlagen haben, dass dieser bis heute seinen Dienst nicht wieder aufnehmen konnte. Ihm wurde die Augenhöhle gebrochen. Insgesamt waren acht Beamte verletzt worden, die alle im Krankenhaus behandelt werden mussten. 

Seit Freitag muss sich der 29-Jährige gemeinsam mit seinem 28-jährigen Bruder und dem Vater (47) unter anderem wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht Aachen verantworten. Zur Sache äußert sich am ersten Prozesstag noch niemand. Doch was die Brüder zu ihrer eigenen Person gegenüber der Vorsitzenden Richterin Regina Böhme sagen, steht in krassem Gegensatz zu einer brutalen Attacke: Die drei zeichnen das Bild einer christlichen Familie, die tief im Wertekanon ihres Glaubens verwurzelt ist. 

"Wir besuchen jeden Sonntag die Messe"

Gabriel S. soll laut Anklage den damals 37-jährigen Polizeibeamten mit Faustschlägen traktiert und dann mit dem Werkzeug attackiert haben. Der kräftige 29-Jährige ist zweifacher Familienvater, lebt mit seiner Familie im Haus der Eltern. Während sich der Vater zum Prozessauftakt vor den Fotografen und Kamerateams hinter Akten versteckt und der Bruder die Hände vors Gesicht hält, schaut der 29-jährige Hauptangeklagte in die Kameras.

Wie sein Bruder sei er Messdiener in Düren gewesen, erzählt er. Immer noch arbeite er ehrenamtlich für die Kirchengemeinde. "Wir besuchen jeden Sonntag die Messe", sagt er. Und: "Wir sind von unseren Eltern so erzogen worden, nichts Schlechtes, sondern nur Gutes zu tun." 

Bild einer intakten Familie

Nach Deutschland kam die Familie vor rund 30 Jahren. Die assyrischen Christen sind aus der Türkei geflüchtet, alle neun Kinder wurden in Deutschland geboren. Der älteste Sohn, der 29-Jährige, hat eine Ausbildung bei einer Bank abgeschlossen, dann ein BWL-Studium begonnen und einen Monat vor dem Vorfall eine neue Stelle als Bauleiter angetreten. Seinen Job hat er nach zwei Monaten Untersuchungshaft verloren. Jetzt will er eine Ausbildung zum Betriebswirt fortführen.

Das Bild einer normalen, intakten und friedfertigen Familie zeichnet auch sein jüngerer Bruder. "Nach dem Fachabitur wollte ich selbst Polizist werden. Ich habe aber den Einstellungstest nicht bestanden, weil ich an dem Tag zu nervös war." Auch er ist verheiratet und wird Ende des Jahres Vater. Er studiert im siebten Semester an der TH Köln Banking and Finance, steht kurz vor seiner Bachelorarbeit.

Passt das alles zu dem, was Staatsanwalt Joel Güntert in seiner Anklage schildert? Der Streit um ein harmloses Knöllchen, der so eskalierte? Der Vater, der den Mitarbeiter des Ordnungsamtes gar mit dem Tod bedroht haben soll, wenn er sich noch einmal in "seiner" Straße blicken lassen sollte? Passt dazu auch, dass selbst der 16-jährige Sohn und Bruder im gleichen Fall nach dem Jugendstrafrecht wegen Körperverletzung vor dem Amtsgericht Düren angeklagt worden ist?

Mitarbeiter der Stadt hat Angst

Der Vater verweigert zum Prozessauftakt selbst die Angaben zur eigenen Person. Dabei gibt es eine Vorgeschichte. Laut Anklage soll er versucht haben, einen Mitarbeiter des städtischen Tiefbauamtes zu bestechen. Er wollte eine Genehmigung für die Absenkung eines Bordsteins erhalten. Die bekam er auch, aber nur mit der Auflage, einen zugelassenen Handwerksbetrieb zu beauftragen. Der Vater wollte wohl eine kostengünstigere Variante durchsetzen.

Der Mitarbeiter der Stadt ist als Zeuge geladen, hat aber Angst vor einer Aussage.  Er "befürchtet private Übergriffe", sagt Richterin Regina Böhme. Die soll es auch schon in anderen Fällen gegeben haben, berichtet Rechtsanwalt Christoph Arnold, der die Nebenkläger vertritt: "Andere Mitglieder der Familie haben Polizeibeamte bis nach Hause verfolgt."

Die Richterin betont: "Wenn es etwas zu gestehen gibt, wirkt nur ein frühzeitiges Geständnis strafmildernd." Ob die Mahnung Gehör findet, wird sich am Dienstag zeigen. Dann wird der Prozess fortgesetzt. Der jüngere der beiden Brüder hat angekündigt, eine Erklärung verlesen zu wollen.

 
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