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Apostolos Tsalastras
Grieche saniert Oberhausen

Oberhausen. Der Oberhausener Apostolos Tsalastras könnte im September der erste Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund in einer deutschen Großstadt  werden. Wie hat er es so weit gebracht? Von Sebastian Dalkowski

Nichts könnte der Frau egaler sein als der Mann, der in zehn Meter Entfernung sein Sakko mit einem Finger über die Schulter gehängt hat. Stattdessen sucht sie in den Münztelefonen am Oberhausener Bahnhof nach Kleingeld, schlurft dann zu den Mülleimern, um nach Pfandflaschen zu sehen, und verschwindet im Gebäude. Der Mann wird sein Sakko an diesem frühen Montagabend noch eine Weile über der Schulter hängen lassen, während er sich mit ein paar Bekannten vor dem Bahnhofsturm unterhält. Auch noch, als er den Turm betritt. Um sechs wird der SPD-Politiker auf die Bühne gehen und die Gäste zu seiner Talkreihe begrüßen, die er vor allem deshalb ins Leben gerufen hat, weil er Oberbürgermeister von Oberhausen werden will. Der Mann heißt nicht Peter Müller oder Hans Meier. Er heißt Apostolos Tsalastras. Den deutschen Pass hat er sich neben dem griechischen erst zugelegt, als er wählen gehen wollte.

Wer an Oberhausen denkt, denkt an das Label "die Stadt mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung Deutschlands". Das stimmt nicht mehr so ganz. Oberhausen ist nur noch die Stadt mit der zweithöchsten Pro-Kopf-Verschuldung in NRW, hinter Siegburg. Den Titel "bevölkerungsreichste Stadt ohne Universität oder Fachhochschule" durfte Oberhausen aber behalten. Der Strukturwandel macht der Stadt weiter zu schaffen. Als Kohle und Stahl verschwanden, verschwand auch der Wohlstand. Dafür stiegen die Sozialkosten. Tsalastras ist in dieser schrumpfenden Stadt mit 209.000 Einwohnern seit fünf Jahren Kämmerer und Stellvertreter von Oberbürgermeister Klaus Wehling. Wehling geht im Herbst in den Ruhestand. Der 50-jährige Tsalastras soll sein Nachfolger werden, als gemeinsamer Kandidat von SPD, FDP und Grünen.

Am 13. September wählt die Stadt ihr neues Oberhaupt. Und es könnte sein, dass sie dann Geschichte schreibt. Noch nie gab es in einer deutschen Großstadt einen Oberbürgermeister mit Migrationshintergrund. Tsalastras hat das recherchiert und niemanden gefunden. Warum also gerade er?

Er spricht schnell besser Deutsch als seine Eltern

Tsalastras wurde 1964 in Hilden geboren, seine Eltern kamen Anfang der 60er als griechische Gastarbeiter nach Deutschland. Sie sind ungelernte Landarbeiter, der Vater hat nicht mal einen Schulabschluss. Er schuftet zuerst im Straßenbau, dann in einer Papiermühle in Düsseldorf, seine Frau macht sich nach einigen Fabrikjobs mit einer Reinigung selbständig. Zuhause sprechen sie Griechisch, Deutsch lernt Apostolos im Kindergarten und spricht es bald besser als seine Eltern. Sie achten darauf, dass er in die Schule geht, dass er seine Hausaufgaben macht. Und dann kommt der Punkt, an dem Apostolos schon früh in eine andere Richtung hätte abbiegen können.

Normalerweise kommen Schüler mit Migrationshintergrund damals auf die Hauptschule. "Dann wäre ich heute wohl ein guter Automechaniker," sagt er. "Der Sprung von der Hauptschule zum Gymnasium ist schon sehr groß." Sein Vater geht zur Realschule und fragt den Direktor, ob der Sohn nicht dorthin könne. Der Direktor stimmt zu. Vor Rassismus im Alltag bewahrt Tsalastras das aber nicht. Er spürt ihn an der Supermarktkasse, wenn die Familie dort nicht so ansteht, wie sich die Deutschen das so vorstellen. Er spürt es bei der Ausländerbehörde, zu der er seine Eltern begleitet, weil er besser Deutsch spricht. Sobald der Sachbearbeiter merkt, dass dort kein radebrechender Grieche vor ihm sitzt, wird der freundlicher.

Das Thema Immigration und Integration begleitet ihn und führt dazu, dass er anfängt, sich für Politik zu interessieren. Nach der zehnten Klasse wechselt er aufs Gymnasium und fragt sich, warum nur so wenige dort einen Migrationshintergrund haben. Eigentlich hatte er Physik studieren wollen, aber er interessiert sich immer stärker für Wirtschaft und Soziales. Es gibt Lehrer, die ihn prägen. Es gibt Bücher. Ein Radikaler wird er nie, auch wenn er sich auch heute noch als SPD-Linker bezeichnet. "Mein Ideal ist soziale Gerechtigkeit und die Freiheit des Einzelnen." Am 1. Mai 1984 tritt er den Jusos und der SPD bei.

Ausgaben senken, ohne die Stadt zu Tode zu sparen

Er macht sein Abitur und studiert Volkswirtschaft an der Uni Köln mit Schwerpunkt Sozialpolitik. An den homo oeconomicus, den Menschen, der bloß nach seinem eigenen Nutzen strebt, glaubt er nie. Damit ist er an der Uni in der Minderheit. 1991 macht er seinen Abschluss als Diplom-Volkswirt. Er wird Bildungsreferent der Jusos, Wahlkreismitarbeiter von NRW-Finanzminister Heinz Schleußer, Referent für Grundsatzfragen der Sozialpolitik bei der Awo.

Auch seine Jobs in Oberhausen klingen nach viel Arbeit und wenig Glamour. 2003 wird er dort Sozialdezernent, er kannte den Oberbürgermeister. "Gerade weil ich um die Herausforderung wusste, habe ich mich darauf eingelassen", sagt er. Erste Aufgabe: das Jobcenter der Hartz-Reformen einrichten. Später tauscht er Soziales gegen Kultur; nach allem, was zu erfahren ist, war das keine Beförderung.

Doch irgendwas muss er richtig gemacht haben. Seit 2010 ist er als erster Beigeordneter für Finanzen und Kultur zuständig. Dort muss er vor allem die Ausgaben senken, ohne die Stadt zu Tode zu sparen. Schwimmbäder und Schulen werden geschlossen, was übrig bleibt, saniert. Immerhin ist Oberhausen raus aus dem Nothaushalt und darf wieder investieren.

Nun will er den weiteren Weg der Stadt nicht bloß als Kämmerer, sondern als Oberbürgermeister begleiten. Arbeitslosigkeit bekämpfen, die drei Stadtbezirke Alt-Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld neu ausrichten und die finanzielle und wirtschaftliche Basis der Stadt stärken. 2017 soll der Haushalt zum ersten Mal wieder ausgeglichen sein. Im Rat herrscht Gleichstand, die Oberbürgermeister-Stimme könnte bei jeder Abstimmung entscheidend sein.

Kürzlich hat Tsalastras seinen Hauptwohnsitz nach Oberhausen verlegt, in die Marktstraße, dort wo besonders viele Hartz-IV-Empfänger wohnen. Doch seine portugiesische Frau wohnt weiterhin in der Doppelhaushälfte in Hilden.

Der Bahnhofsturm in Oberhausen ist einer der Orte, der Zukunft signalisiert, deshalb hat Tsalastras ihn für seine Talk-Reihe ausgesucht. Im Turm sitzt ein Künstlerverein, ein Labor für Ideen aller Art. Das Erdgeschoss wirkt wie ein Rohbau. Eine Bühne, einige Stuhlreihen, eine Theke.

Rund 80 Zuschauer sind an diesem Montagabend gekommen, um Tsalastras und Joachim Deterding, dem Superintendenten des Kirchenkreises, zuzuhören. Wobei Diskussion das falsche Wort ist, denn es gibt nur ein Mikrofon. Sie wechseln sich also ab mit längeren Redebeiträgen ab zu Flüchtlingspolitik, Jugendarbeitslosigkeit und Strukturwandel. Nicht zufällig sprechen die beiden über Themen, bei denen Tsalastras erzählen kann, was die Stadt dort geleistet hat.

Danach darf das Publikum Fragen stellen. Einer sagt: "Sie waren kein guter Kulturdezernent und Kämmerer". Doch Tsalastras weiß den Großteil des Publikums hinter sich. "Wir hatten unter mir zumindest immer einen genehmigten Haushalt." Im Internet gibt es Videos, in denen er etwas hölzern Reden hält. Doch wenn er ins Duell geht, wirkt er souverän. Der Superintendent gerät in den Hintergrund.

Er hat die Wahl noch lange nicht gewonnen

Oberhausen ist zwar traditionell eine SPD-Stadt, aber Tsalastras hat die Wahl noch lange nicht gewonnen. Auch die Linke hat einen Kandidaten aufgestellt, das erhöht indirekt die Chancen für den CDU-Kandidaten Daniel Schranz. Der ist zehn Jahre jünger und seit 2001 Vorsitzender der CDU-Fraktion. "Der Mief muss weg", sagt er, "Herr Tsalastras steht für das System und ist Teil des Systems." Er spricht vom herrschenden Besitzstanddenken der SPD und meint damit den Filz. Er merkt an, dass Tsalastras nie in der freien Wirtschaft gearbeitet habe und fragt sich, warum es Oberhausen noch schlechter gehe als den Nachbarstädten.

Hajo Sommers, Leiter der Kabarettbühne Ebertbad und Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, sieht das anders. Er gehört zwar nicht zu den Unterstützern der SPD, aber zu den Unterstützern von Tsalastras. Weil der, findet Sommers, eben nicht zum SPD-Filz gehört, weil er mit Leuten reden kann und sich in der Verwaltung auskennt.

Für ihn ist es wichtig, dass Tsalastras Leute motiviert, etwas zu tun, die sonst bloß sagen "Hat ja noch nie geklappt". Doch auch Sommers hält den Wahlausgang für offen. Nicht nur, weil Tsalastras nicht in Oberhausen aufgewachsen ist. Nicht nur, weil die Linke einen Kandidaten hat. Denn da ist ja auch noch sein Name. Ein Kandidat mit Migrationshintergrund. Und dann auch noch ein griechischer. Alle Sprüche in dieser Richtung sind in den Medien bereits gemacht worden. Tsalastras ist davon genervt. Er selbst sagt: "Natürlich macht es der Name nicht einfacher, mich dafür aber unverwechselbar."

Wenn er gewählt wird, kann er nur den Anfang machen für eine bessere Zukunft seiner Stadt. Vielleicht hat er am Ende mehr für Migranten als für Oberhausen erreicht, selbst wenn er für Oberhausen viel erreicht, einfach weil er mit dem Namen Apostolos Tsalastras Politik macht. "Mit seiner Wahl kann er für eine Normalisierung sorgen", sagt Miltiadis Oulios, ein griechischstämmiger Journalist aus Düsseldorf, der Tsalastras' Wirken seit mehreren Jahren beobachtet.

Am Ende der Diskussion im Bahnhofsturm nimmt sich der Superintendent seine Akustikgitarre und beginnt "Heart Of Gold" von Neil Young zu spielen. Zögerlich stimmen einige Besucher ein, beim Refrain wird es beinahe laut. Tsalastras sitzt schweigend neben seinem Gast und sieht zu ihm hinüber, ein leichtes Grinsen in seinem Gesicht. Er habe leider nie gelernt, ein Instrument zu spielen, hat er den Zuschauern erklärt. Und er glaube auch nicht, dass er bald dazu kommen werde. Keine Zeit.

Quelle: RP
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