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Rheinliebe
Die Rheininseln und ihre wundersamen Geschichten

Wesel. Mäuseturm, Kaltwasser-Geysir und variable Ferienzeiten - die Inseln auf dem Rhein haben allerlei Kuriositäten zu bieten. Von Rüdiger Franz

Reif für die Insel? Man muss gar nicht unbedingt bis ans Meer fahren, um sich mal ein wenig treiben zu lassen. Ein Hauch von "Ferien auf Saltkrokan" - um es mit Astrid Lindgren zu sagen - ist auch am Rhein zu haben. Und für manche "Überfahrt" bedarf es nicht einmal eines Bootes.

Beginnen wir mit Begrifflichkeiten. Fast so häufig wie dem Wörtchen "Ley" (Felsen) begegnet man bei einer Fahrt von Mainz nach Düsseldorf der Vokabel "Werth". Etymologisch verwandt mit dem norddeutschen "Werder" bedeutet es nichts anderes als Binneninsel. Allein 15 Rheininseln tragen diesen Beinamen. Ihren Ursprung haben sie im Erdzeitalter Diluvium, als vor rund 120.000 Jahren vulkanische Kräfte dem Mittelrheintal seine heutige Form gaben. Das war's dann aber schon mit den Gemeinsamkeiten. Inzwischen hat fast jede Insel ihre Eigenart. Da gibt es die besonders Prominenten, auf denen irgendwann ein Wahrzeichen entstand. Etwa jene Felsklippe bei Bingen, auf der zu Beginn des 14. Jahrhunderts ein Mautturm errichtet wurde, um die Zollstation auf der benachbarten Burg Ehrenstein zu unterstützen. 1856/58 wurde die Ruine des Mautturmes zum Signalturm für die Schifffahrt umgebaut.

Dann ging mit dem Volksmund die Fantasie durch, und aus dem Mautturm wurde der "Mäuseturm" - die dazugehörige Sage gab es obendrein. In Kurzform: Während einer großen Hungersnot verweigerte Erzbischof Hatto dem Volk das Korn, lockte die Bittsteller in eine Scheune und zündete sie an. Dann aber kamen Mäuse und übten Rache, sorgten für die Überflutung des Palasts und verfolgten den flüchtenden Erzbischof bis zu dem Mautturm, in dem man später nur noch sein abgenagtes Gerippe fand. Das Problem an der Geschichte: Der echte Erzbischof Hatto war beim Bau des Turmes schon 87 Jahre tot.

Rheinabwärts werden der Strom breiter, die Geschichten etwas friedlicher und die Inseln größer. Eine echte Besonderheit ist die Insel Niederwerth vor Vallendar. Nicht nur, dass auf der einzigen selbstständigen Flussinsel-Gemeinde Deutschlands mit rund 1300 Bewohnern deutlich mehr Insulaner leben als auf den meisten ostfriesischen Inseln. Es gibt auch eine erkennbare Niederwerther Identität: "Wo der Spargel sprießt, Du schöne Mädchen siehst, Niederwerth kann es nur sein", zitiert Gastwirt Vinzenz Schemmer spontan aus dem hierzulande gängigen Gedicht.

In seiner Gaststätte "Zur Rheinschanz", die er seit vielen Jahren gemeinsam mit seiner Frau Gertrud betreibt, treffen sich im Frühsommer die Wege Alteingesessener mit denen der Touristen. Dominierendes Bauwerk im Ortsbild von Niederwerth - und beliebter Schauplatz von Hochzeiten - ist die ehemalige Klosterkirche Sankt Georg mit ihrem reich verzierten Hochaltar, zu deren besonderen Schätzen auch eine wollene Kappe gehört.

In die Riege der prominenten Rheininseln zurückgekehrt ist vor einigen Jahren das Namedyer Werth, wo der größte Kaltwassergeysir der Welt zu bewundern ist. Langgezogen und dicht bewachsen, tauchen rheinabwärts die beiden nächsten Inseln auf. Während Grafenwerth mit Spielwiese, Tennisplätzen, Freibad und Biergarten vor allem den Freizeitwert erhöht, wird nebenan auf Nonnenwerth etwas für die Bildung getan. Das einstige Mädcheninternat, längst zum koedukativen Gymnasium geworden, verewigten die "Bläck Fööss" charmant in ihrem Lied "Die Mädche vun Nonnenwerth". Ein Kuriosum besteht neben dem Schulweg per Fähre bis heute in Form variabler Ferienzeiten: Weil die Insel auf der Landesgrenze liegt und sowohl von Schülern aus NRW als auch aus Rheinland-Pfalz besucht wird, will die Schule den Familien mit Kindern an verschiedenen Schulen das Leben etwas erleichtern.

Vorbei am Rheidter Werth und dem wegen ihres Artenreichtums als Rote Zone deklarierten Herseler Werth öffnet sich der Flusslauf in Richtung Niederrhein. Die in Fließrichtung letzte Rheininsel ist heute keine mehr, ihre Bedeutung wirkt indes nach: Von Kaiserswerth aus verbreitete der heilige Suitbertus, einer der großen angelsächsischen Missionare, einst das Christentum.

Quelle: RP
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