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Fall Jenny Böken
Tod von Gorch-Fock-Kadettin – Klage der Eltern abgewiesen

Ein Besuch auf der Gorch Fock
Ein Besuch auf der Gorch Fock FOTO: Helmut Michelis
Münster. Noch immer ist unklar, wie Jenny Böken 2008 von Bord der Gorch Fock fallen konnte. Die 18-Jährige kam im Dienst ums Leben. Ihre Eltern kämpften vor Gericht erneut um die Wahrheit. Näher kamen sie ihr nicht. Von Henning Rasche

Marlis und Uwe Böken sind geschiedene Leute. Aber getrennte Wege können sie nicht gehen. Seit acht Jahren führen sie einen Kampf für die Wahrheit, für Gerechtigkeit – und vor allem für ihre Tochter Jenny. Am Mittwoch saßen sie wieder eng zusammen. Sie im Rollstuhl und mit dunkler Bluse, er mit kurzärmeligem Hemd und Krawatte. Es war unerträglich warm.

Sitzungssaal eins des Oberverwaltungsgerichts Münster, Böken gegen Bundesrepublik Deutschland, Aktenzeichen 1A 2359/14. Stehen Marlis und Uwe Böken 20.000 Euro für ihre tote Tochter als Entschädigung der Bundeswehr zu? Das Verwaltungsgericht Aachen hatte sich 2014 in der Vorinstanz dagegen entschieden, in Münster wurde aufgerollt, ob sich Jenny an Bord in besonderer Lebensgefahr befunden hatte – Grundvoraussetzung für eine Entschädigung. Am Ende, nach fast zwölfstündiger Verhandlung, stand bloß dies fest: Klage abgewiesen, Revision beim Bundesverwaltungsgericht nicht zugelassen. Jenny Böken sei 2008 auf dem Segelschulschiff nicht unter "besonders lebensgefährlichen" Umständen gestorben.

Neun Zeugen an einem Tag vernommen

Das Verfahren war kompliziert. Vor allem, weil sich der Tod einer 18-Jährigen nur schwer mit Paragrafen fassen lässt. Weil Eltern um ihr Kind trauern, weil man sich doch fragen muss, wie sich ein Menschenleben, noch dazu ein so junges, mit Geld aufwiegen lassen soll. Weil das alles nun acht Jahre her ist. Aber auch, weil der Rechtsanwalt der Eltern, Rainer Dietz, andere Prioritäten hatte als das Gericht. Und schließlich weil der Vorsitzende Richter Hans-Jörg Holtbrügge neun Zeugen an einem Tag vernahm und sogleich die Entscheidung verkündete.

Rückblick: In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 war Jenny Böken als Offiziersanwärterin auf dem Segelschulschiff der Marine Gorch Fock. Sie hatte mit einer Kameradin den Dienst getauscht und fand sich ab etwa 22 Uhr auf dem "Ausguck" am vorderen Teil des Schiffs wieder. Dort sollte sie nach Schiffen oder Treibgut Ausschau halten. Jede halbe Stunde musste sie melden, dass die Lampen leuchten und sie wach ist.

Um 23.30 Uhr blieb das Signal aus. Eine gute Viertelstunde später ertönte über die Lautsprecher der Gorch Fock Alarm: "Mann über Bord". Jenny, das Mädchen aus Heinsberg, das bald mit dem Medizinstudium in Düsseldorf beginnen wollte, war in der Nähe von Norderney in die Nordsee gefallen. Elf Tage später fanden Forscher bei Helgoland ihre Leiche.

Im Schweinsgalopp durch die Materie

Warum sie von Bord fiel? Auf der Suche nach der Antwort sagten in Münster ein Meteorologe, zwei Kameradinnen, der Schiffsarzt, der Kapitän, der Staatsanwalt, die Ausbildungsleiterin und zwei Marinesoldaten aus. Viele erinnerten sich nicht mehr richtig, höchstens an ihre Aussagen bei vorherigen Verfahren. Stundenlang befragten Gericht und Anwälte die Zeugen.

Warum all das an einem Tag geschehen musste, ist unklar. Wem damit geholfen war, im Schweinsgalopp durch die Materie zu hasten, ebenso. Anwalt Dietz hatte in verschiedenen Medien bereits verkündet, dass ihm an der Entscheidung über die 20.000 Euro nicht sonderlich gelegen sei. Er will einen Schuldigen für Jennys Tod.

Ob der Dienst auf dem Ausguck der Gorch Fock besonders lebensgefährlich war, sollte anhand dreier Umstände bewiesen werden: Die Nordsee sei deutlich unruhiger gewesen als bisher angenommen, Jenny nicht vor dem über Bord gehen gesichert – und letztlich krank. Sie war in Seminaren immer wieder eingeschlafen, hatte Tage vor ihrem Tod über Unterleibsschmerzen geklagt und war in einer ersten Beurteilung als "für den Offiziersberuf nicht geeignet" eingestuft worden. Doch das war kein Grund, sie nicht an Bord der Gorch Fock zu lassen, befindet die Bundeswehr.

Aufgeklärt wurde wenig

Tatjana Eisenreich versagte am Mittwoch die Stimme. Sie kämpfte mit den Tränen, konnte sie nach ein paar stillen Sekunden nicht mehr zurückhalten. Gerade hatte Anwalt Dietz sie nach ihrer Begegnung mit Jennys Eltern befragt. Zitternd sagte sie: "Ich konnte doch nicht auf ihre Beerdigung kommen." Eisenreich ist heute 27 Jahre alt und Ärztin in einem Krankenhaus der Bundeswehr. Sie war es, die mit Jenny den Dienst getauscht hatte. Kurz hatten die beiden über das geplante Medizinstudium gesprochen. Das Nächste, was sie von Jenny hörte, war: "Mann über Bord".

In Jennys unendlichem Fall gibt es Ungereimtheiten. Unterschiedliche Angaben zum Wetter, den Sicherheitsvorschriften oder dem Ablauf. Erstaunlich ist die Seeaufzeichnung, wonach die Gorch Fock nur gut eine halbe Stunde in der Nordsee nach Jenny gesucht haben soll und danach wieder auf Kurs ging. In Münster wurde all das bloß gestreift. Aufgeklärt wurde wenig. Aber ein Urteil gefällt.

Quelle: RP
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