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Gepanschte Krebsmittel
"Zu unrealistisch für jeden Film"

Gepanschte Krebsmittel: "Zu unrealistisch für jeden Film"
Hans-Jürgen und Angelika Fischer setzen sich in ihren vielleicht letzten Wochen für die Aufklärung eines mutmaßlichen Medizinskandals ein. FOTO: Fischer
Kreis Recklinghausen. Hans-Jürgen Fischer (65) ringt damit, dass der Krebs ihn selbst und seine Frau umbringt. Umso wütender macht ihn, dass ein Apotheker das Leben seiner Frau mit verdünnter Medizin verkürzt haben könnte. Von Tobias Jochheim

Seit die Kripo vor einem halben Jahr seine prunkvolle Apotheke in Bottrop durchsuchte, sitzt Peter S. in Untersuchungshaft. Die Ermittler werfen ihm vor, in rund 40.000 Fällen Krebsmedikamente absichtlich verdünnt zu haben, um weniger der teuren Wirkstoffe zu verbrauchen, als er bei den Krankenkassen abgerechnet hat. Gewinn: mindestens 2,5 Millionen Euro. Weil er bei der Aufdeckung dieses Skandals keine Fortschritte sieht, wendet sich nun Hans-Jürgen Fischer aus Dorsten an die Öffentlichkeit.

Der 65-jährige Bankkaufmann wird an Krebs sterben, ebenso wie seine Frau Angelika (62), Industriekauffrau. Sie werden zwei Kinder hinterlassen. "Das ist unser Schicksal, das nehmen wir hin", sagt Fischer ruhig. Mit gepanschten Medikamenten aber kann und will er sich nicht abfinden.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von der Durchsuchung der Apotheke hörten?

Hans-Jürgen Fischer Als wir vor einem halben Jahr aus der Zeitung davon erfahren haben, waren meine Frau und ich gleich mehrfach geschockt: Erstens natürlich von dieser Tat selbst, die dem Apotheker meiner Frau vorgeworfen wird. Zweitens leidet dieser Mann keine wirtschaftliche Not, ganz im Gegenteil, er ist millionenschwer und lässt sich gern als Wohltäter feiern. Drittens hat sich herausgestellt, dass es noch ewig so hätte weitergehen können, denn individuell gemischte Medizin wie eben für Krebspatienten unterliegt praktisch keinen Kontrollen. Und viertens dachte bei der Staatsanwaltschaft zunächst überhaupt niemand daran, wegen Körperverletzung oder gar Körperverletzung mit Todesfolge gegen diesen Mann zu ermitteln. Der Vorwurf lautete bloß: Verstoß gegen die Hygienerichtlinien und das Arzneimittelgesetz. Das fand ich ein starkes Stück! Ersteres ist nur eine Ordnungswidrigkeit, Letzteres eine Straftat auf dem Niveau von ein bisschen Steuerhinterziehung.

Körperverletzungen bei Schwerstkranken nach Wochen, Monaten oder Jahren nachzuweisen ist auch extrem schwer.

Fischer Selbstverständlich ist es das. Und wenn man nicht genug Beweise finden sollte, um diesen Vorwurf in einem Strafprozess aufrechtzuerhalten, dann wäre es wohl so. Aber versuchen muss man es doch unbedingt! Jeder muss verstehen, was hier im Raum steht. Fachärzte vom Westdeutschen Tumorzentrum der Universität Essen haben mir bestätigt, was auch der Laie vermuten würde: Die Verabreichung verdünnter Krebsmedikamente ist höchst gefährlich. Sollten die Vorwürfe zutreffen, wäre dieser Mann ein Massenmörder, der sich an Menschen vergangen hat, die ihm nicht nur vertraut haben, sondern ihm auch ausgeliefert waren, fest an ihn gebunden durch Exklusivverträge ihrer Krankenkassen mit dem Apotheker. Für mich ist das an Abartigkeit nicht zu überbieten.

Sie halten ihn für schuldig. Es gab noch keinen Prozess, geschweige denn ein Urteil.

Fischer Ich würde liebend gern daran glauben, dass er unschuldig ist. Wenn sich das Ganze irgendwie als Sturm im Wasserglas herausstellen würde, als ein riesiges Missverständnis, wäre ja das so wichtige Vertrauen in unser Gesundheitssystem, in Apotheker und Aufsichtsbehörden wiederhergestellt. Aber jeder, der zu Unrecht solcher Taten beschuldigt wird, würde doch die Ärmel hochkrempeln, bei der Aufklärung helfen, alle Fragen beantworten – ob aus Berufsehre oder purem Eigeninteresse. Angesichts solcher Vorwürfe würde man doch einen kleinen Steuerbetrug nur zu gern zugeben. Aber S. schweigt – und richtet so weiteren Schaden an, der überhaupt nicht zu bemessen ist.

Sie sind von diesem Fall ganz konkret betroffen.

Fischer Noch lebe ich, aber die Ärzte hatten mir schon vor fast drei Jahren prophezeit, dass ich Weihnachten 2014 nicht mehr erleben würde. Ein Weichteilkrebs hat mich befallen, meine Lunge ist voller Metastasen, dazu Wirbelsäule, Leber, Darm und seit Neuestem auch die Rippen. Meine Medikamente hat S. nicht gemischt, aber die für meine Frau sehr wohl. Sie lebt seit 2006 mit Knochenmarkkrebs. Ich werde die Vermutung nicht los, dass er ihr Lebenszeit gestohlen hat – und wer weiß wie vielen anderen. Die Medikamente werden für jeden Patienten individuell dosiert, je nach Gewicht, Größe und Hautoberfläche. Dieser Apotheker soll die Dosen absichtlich verringert haben. Das macht mich unheimlich wütend. Egal, wie viel Zeit mir noch vergönnt ist: Ich möchte mehr sein als nur ein Kostenfaktor für die Krankenkassen, ich will etwas Sinnvolles auf den Weg bringen. Es liegt mir fern, auf die Tränendrüse zu drücken. Es geht mir um die Sache: Je mehr Betroffene und Hinterbliebene sich melden und den Ermittlern Einblick in ihre Patientenakten geben, desto mehr steigen die Erfolgsaussichten für eine Verurteilung.

Wie haben Sie selbst reagiert?

Fischer Man darf sich als Bürger nicht immer nur beschweren. Meine Frau und ich sind aktiv geworden, haben uns einen Anwalt genommen und Strafanzeige gegen den Apotheker gestellt wegen Körperverletzung und Körperverletzung mit Todesfolge. Nun ist die Staatsanwaltschaft erstens verpflichtet, dem nachzugehen. Außerdem könnte sie ein mögliches Verfahren nicht gegen Zahlung einer Geldbuße einstellen. Dem müssten wir als Nebenkläger nämlich zustimmen. Und Sie können sich denken, dass uns das fern liegt. Wir wollen, dass dieser Mann seine gerechte Strafe bekommt.

Wie definieren Sie "gerecht"?

Fischer Ich bin kein Jurist. Aber wenn dieser Mann mit den Ermittlern kooperieren würde, dabei helfen, den Schaden zu begrenzen, wäre ich der erste, der sich für eine Strafmilderung aussprechen würde. Bislang tut er das Gegenteil.

Wie viel würde es denn ändern, wenn er aussagen würde?

Fischer Unfassbar viel. Jeder, der jemals ein Krebsmedikament von diesem Mann bezogen hat, fragt sich doch: Ist mein Krebs deshalb wieder ausgebrochen? Wäre es vermeidbar gewesen? Unzählige Hinterbliebene im Ruhrgebiet und im Rheinland können deshalb ihre Trauerarbeit nicht zuende bringen, sie finden ihren Seelenfrieden nicht. Vielleicht hat der Mann 90 oder 95 Prozent seiner Patienten korrekt behandelt, und Zehntausende könnten aufatmen. Er macht dazu keine Aussage. Das werfe ich ihm vor allem vor: Dass er sich mit jedem Tag, der vergeht, weiter schuldig macht.

Sie meinen das seelische Leid der Betroffenen.

Fischer Nicht nur! Die Effektivität von Chemotherapien hängt wesentlich von der inneren Einstellung der Patienten ab. Wer glaubt, dass ihm ein Medikament helfen wird, dem hilft es tendenziell auch eher. Dieser Placebo-Effekt verkehrt sich nun ins Gegenteil: Das Vertrauen vieler Patienten ist jetzt natürlich erschüttert; plötzlich zweifeln sie daran, dass ihre Medikamente optimal wirken. Allein die Erschütterung dieses Vertrauens kann Leben kosten oder schon gekostet haben.

Was sind die Folgen für die direkt Betroffenen?

Fischer Durch die Unterversorgung mit Medikamenten wird der Krebs nicht wie geplant gebremst. Selbst wenn die Behandlung später mit der korrekten Dosis weitergeführt wird, ist der Krebs durch die zwischenzeitlich zu schwache Behandlung vielleicht zu stark geworden – und immun gegen das Medikament, das den Krebs bei korrekter Anwendung in Schach gehalten oder sogar besiegt hätte. Und zu allem Überfluss werden auch noch die Heilungschancen zukünftiger Patienten geschmälert.

Wie das?

Fischer Die Ärzte dokumentieren die Wirksamkeit von Medikamenten und setzen sie im Zweifelsfall ab. Nach Behandlungen mit Medizin dieses Apothekers wurde deshalb mehrfach festgehalten, dass gewisse Wirkstoffe nicht effektiv seien. Fälschlicherweise – denn sie haben ja größtenteils nur deshalb nicht gewirkt, weil die Dosis geringer war, als die Ärzte verschrieben hatten. So werden gute Medikamente plötzlich als weniger wirksam einstuft. Das verbaut auch weiteren Patienten Heilungschancen. Doppelt schlimm ist das, weil die Zahl der Wirkstoffe ohnehin stark begrenzt ist. Für meinen eigenen Krebs zum Beispiel haben wir bereits alle geeigneten Wirkstoffe ausgeschöpft.

Was enttäuscht Sie am meisten?

Fischer Ich vermisse einen Aufschrei. Nichts scheint sich zu bewegen. Bis heute findet keine Kontrolle statt. Vor einem halben Jahr hat Gesundheitsministerin Barbara Steffens geäußert, sie sei tief betroffen. Seitdem ist nichts passiert. Von den Ermittlern hören wir Betroffene auch nichts.

Wie haben die Ärzte reagiert?

Fischer Ich war mir sicher, dass sie auf unserer Seite sein und auf die Barrikaden gehen würden. Die Krebsärzte, die einen Großteil ihres Lebens dem Kampf gegen Krebs widmen, sind doch ebenso Opfer. Doch mein eigener Onkologe hat versucht, das Ganze zu beschönigen. "Man weiß ja gar nicht, ob das alles stimmt", hat er abgewunken. "Wahrscheinlich ist das nur eine Neidkampagne, weil sich der Apotheker eine so schöne Villa mit Wasserrutsche aus dem Ersten Stock in den Swimmingpool gebaut hat." Da dachte ich, ich höre nicht richtig. Viele einflussreiche und wohlhabende Menschen, die ich angesprochen habe, halten die Hand über diesen Mann. Man kennt sich eben, viele gehen zusammen zur Jagd. Da hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus.

Das klingt wie ein schlechter Film.

Fischer Das ist mir bewusst. Mir fällt auch kein Fall ein, der mit diesem vergleichbar wäre: Vorgeworfen wird dem Apotheker skrupellose Geldmacherei auf dem Rücken todgeweihter Menschen, zehntausendfach! Das ist völlig außerhalb des Denkbaren. Medikamentenpanscherei gibt es aus unserer Perspektive vielleicht in China oder Indien, auch auf einem Basar in Marrakesch kauft aus gutem Grund niemand Medizin. Wollte man verfilmen, wie so etwas in Deutschland passiert, würde jeder abwinken: Zu unrealistisch. Aber ich bin mir sicher, dass wir genau das erleben mussten. Unser Urvertrauen ist erschüttert. Ich unterstelle nicht, dass es eine Verschwörung gäbe. Das Vertrauen, auf dem unser Gesundheitssystem basiert, wird von einzelnen Kriminellen ausgenutzt. Und alle – Ermittler, Ärzte, Apotheker, Aufsichtsbehörden – müssen schleunigst mehr tun, damit dieser Fall komplett aufgeklärt wird und sich etwas ähnliches niemals wiederholen kann. Sonst rotiere ich im Grab.

Glauben Sie, dass der Beschuldigte sein Schweigen brechen wird?

Fischer Ich hoffe jeden Tag aufs Neue darauf. Wir versuchen, die Zeit zu genießen, die uns noch vergönnt ist. Aber uns bleiben nicht mehr viele Freuden, an Auslandsreisen ist nicht zu denken. Die Chemotherapie hat auch mein Herz angegriffen, ich schaffe es kaum in den ersten Stock. Wenn S. an der Aufklärung mitwirken würde, hätten wir und viele andere Menschen ein gutes Stück unseres Seelenfriedens wieder.

 
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