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Auschwitz-Tagebuch
Die jüdische Geschichte der Stadt

Dinslaken. Die Jugendlichen des Projektkurses "Gegen das Vergessen" des Gymnasiums Voerde halten sich gegenwärtig in Auschwitz auf. Täglich berichten sie für die Rheinische Post von ihren Eindrücken. Hier der erste Bericht der Oberstufenschüler. Von Dustin Dion und Lucas Mosbacher

AUSCHWITZ/VOERDE Wir, der Projektkurs "Gegen des Vergessen" des Gymnasiums Voerde, haben die traditionelle Reise nach Oœwiêcim, im Deutschen besser bekannt als Auschwitz, angetreten. Bereits um fünf Uhr morgens starteten wir an der Schule mit dem Bus zum Flughafen in Dortmund. Nach der Landung in der zweitgrößten polnischen Stadt Krakau haben wir nach einer kurzen Weiterreise die Betten in der Jugendbegegnungsstätte nahe des ehemaligen Konzentrationslagers der Nazis bezogen.

Thematisch stand der Tag ganz im Zeichen der jüdischen Kultur und Geschichte in Polen. Ein Freiwilliger aus Österreich führte uns zur einzigen erhaltenen Synagoge in Auschwitz und durch das ehemalige jüdische Viertel der Stadt. Die Polen selbst unterscheiden übrigens zwischen der Stadt Oœwiêcim und dem ehemaligen Konzentrationslager, das sie nach dem deutschen Namen "Auschwitz" nennen.

Juden gab es in der Stadt Oœwiêcim bereits seit dem 16. Jahrhundert. Damals warb die polnische Krone gezielt um jüdische Einwanderer, da diese in der Regel über exzellente kaufmännische Fähigkeiten verfügten und der Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung verleihen sollten. Bis zu Beginn des Zweite Weltkrieges verlief das Zusammenleben zwischen Juden und Christen weitgehend konfliktlos. In der Zwischenkriegszeit lag der Anteil der Juden an der Bevölkerung bei weit mehr als der Hälfte. Insgesamt lebten etwa 8000 jüdische Menschen in der Stadt bei einer Gesamteinwohnerzahl von 15.000.

Schon zwei Tage nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen am 1. September 1939 übernahmen die Nationalsozialisten die Kontrolle über die Stadt. Dabei wurden auch hier die antisemitischen deutschen Maßnahmen in die Praxis umgesetzt, die jüdischen Gotteshäuser zerstört und die jüdische Bevölkerung vertrieben und in Ghettos außerhalb der Stadt zusammengepfercht, bevor sie in den Konzentrationslagern zum großen Teil getötet wurden.

Besonders beeindruckend war für uns der Besuch des jüdischen Museums, vor allem der Einblick in die letzte noch erhaltene Synagoge von Oœwiêcim, die nur erhalten blieb, weil sie von außen eher wie ein gewöhnliches Wohnhaus aussieht und so von den Nazis nicht gleich als Synagoge erkannt wurde. Im Rahmen der Vorstellung der jüdischen Gebräuche in einem Gottesdienst durch einen Freiwilligen hat sich Zeit gefunden, individuelle Fragen bezüglich des Judentums zu stellen und deren heilige Schrift einmal in der Hand zu halten.

Direkt neben der Synagoge befindet sich das ehemalige Wohnhaus des "letzten Juden von Auschwitz", Szymon Kluger. Er war 1961 als einziger Auschwitzer Jude in die Heimat seiner Familie zurückgekehrt. Seit seinem Tod im Jahr 2000 lebt kein einziger Jude mehr in Oœwiêcim. Schockierend, wenn man bedenkt, dass die Juden noch 70 Jahre zuvor die Mehrheit der Bevölkerung ausgemacht haben.

Des Weiteren schockierte uns die Tatsache, dass noch nach dem Zweiten Weltkrieg rund 20 Juden in Polen aufgrund eines weiterhin verbreiteten Judenhasses ihr Leben lassen mussten. Es ist unfassbar, dass trotz der grausamen Erfahrungen mit dem Holocaust die Juden noch als Sündenböcke behandelt wurden.

Unser österreichischer Jugendleiter führte uns auch vor Augen, dass es nun an den neuen Generationen ist, die Grausamkeiten der Naziherrschaft nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. So geht es auch nicht um die Frage nach der Schuld, wenn junge Menschen heute Verantwortung für die Taten einer früheren Generation übernehmen. Sondern es ist vielmehr eine historische Aufgabe, der es nachzukommen gilt.

Wenn man sich nun die Tatsache vor Augen führt, dass heute kein einziger Jude mehr in der Stadt lebt, dann gilt doch mehr denn je der Satz, den Holocaust-Überlebende wie Max Mannheimer oder Eva Weyl in ähnlicher Form geprägt haben: Wir sind nicht verantwortlich für das, was geschehen ist, aber dafür, dass diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät.

Quelle: RP
 
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