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Dinslaken.
Rendezvous mit Tucholsky

Dinslaken.: Rendezvous mit Tucholsky
Oliver Steller las in der Evangelischen Stadtkirche FOTO: Kempken
Dinslaken.. Oliver Steller erweckte den vor 125 Jahren geborenen Autor in der Stadtkirche zu neuem Leben. Von Bettina Schack

In Kirchen ist Oliver Steller schon häufig aufgetreten. Im Mainzer Dom, wo es nicht nur sehr kalt war, sondern auch der Nachhall von 17 Sekunden eine Herausforderung für den sich auf der Gitarre begleitenden Rezitator, Schauspieler und Interpreten seiner Lyrik-Vertonungen war. Oder in der Schinkelkirche in Götterswickerhamm, wo er über viele Jahre die Literarische Weihnacht mit Ulrike Haibach-Daniel las, eine Veranstaltung, die am 4. Advent zum zweiten Mal in Hamminkeln stattfinden wird.

Aber das war auch für den populären wie erfahrenen Oliver Steller neu: In der Evangelischen Stadtkirche stand er in der Kanzel. Samt Gitarre. Weil auf der Kanzel das Mikrophon steckt. Und einige Zuschauer schauten ihm von den Bänken im Chor über die Schulter, weil die anderen Plätze in der Kirche bis oben auf der Empore gefüllt waren. "Das bin ich auch nicht gewohnt. Aber es ist schön hier", kommentierte er sein erstes "Rendezvous nach Ladenschluss". Und schön fand es auch das in rekordverdächtiger Zahl erschienene Publikum. Denn Oliver Steller bot ihm ein "Rendezvous" mit Kurt Tucholsky, in dem keine Wünsche offen blieben: Fundiert entlang der Biographie erzählte, sang und schauspielerte sich Oliver Steller durch Texte, deren politische Inhalte trafen und deren Komik die Kirche vom Lachen der Zuschauer hallen ließ. Mit Kurt Tucholsky hat Steller den Großstadtblues, wenn Begegnungen auf den Straßen von Paris ohne Chance auf ein Kennenlernen als flüchtige Momente verwehen - ein Motiv, das es schon bei Baudelaire gab. Mit Tucholsky begrüßt Steller "das Publikum", zieht das "hoch-verehrt" wie ein Jahrmarktsschreier vor dem Panoptikum und hinterfragt lauernd: "bist du wirklich so dumm?" mit Tucholsky trauert er um die gefallenen Söhne des Ersten Weltkriegs und fordert die Versöhnung "übern Graben". Und mit Tucholsky dreht und wendet sich Steller, der ja schließlich immer noch in der engen Kanzel steht, im Kreise vor einem imaginären Spiegel und bewundert sich als nackter "Antinous mit Hängebauch", eitel und im Glauben, dass da eine Frau aus dem Nachbarhaus ihm heimlich zuschaut: Die neugierige Schöne entpuppt sich als Leiter mit Eimer hinter einer Gardine. Abende, in denen Leben und Werk eines Autors als bekömmliches Menue vorgestellt werden, gibt es viele. Was Oliver Steller so besonders macht, ist, dass er selbst als Sprecher mit klarer Sprache und angenehmer Stimme, als hervorragender Gitarrist mit eigenen Kompositionen und als ausdrucksstarker Schauspieler glänzt - und diese drei Talente uneingeschränkt in den Dienst der Sache stellt. Stellers Tucholsky lebt. Unzufrieden mit den politischen Verhältnissen und der Haarfarbe seiner aktuellen Freundin, im heiteren Einklang mit seiner Lust am Fabulieren, die selbst vor den Lücken in Kreuzworträtseln nicht halt macht und der Welt Wortschöpfungen wie "flunz" und "Mogelvogel" schenkt, aber auch tief leidend am erlebten Krieg und am drohenden nächsten. Mit dem Bottle-neck über dem Finger lässt Steller die Saiten seiner Gitarre kreischen und wie im Trommelwirbel erzittern. In dieser Klangkulisse entlädt sich Tucholskys "Küsst die Faschisten" in all seiner klirrenden und ächzenden Ironie.

Immer glücklich sein, könne nicht glücklich machen, tröstete sich Tucholsky in einer Zeit der Entbehrung. Das "Rendezvous nach Ladenschluss" mit Oliver Steller war eine Glücksstunde, wie man sie anhaltend genießen kann. Das nächste "Rendezvous nach Ladenschluss" am Dienstag, 12. Januar, 18.30 Uhr, gestaltet die Burghofbühne als Kooperationspartner des Fördervereins Kultur und Evangelischen Kirche in Dinslaken.

Quelle: RP
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