| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Büdchen-Hauptstadt mit Verspätung

So sahen Büdchen in Düsseldorf aus
So sahen Büdchen in Düsseldorf aus FOTO: Archiv-Brzosa
Düsseldorf. Trinkhallen haben in Düsseldorf Tradition. Dabei hätte man sie fast verpasst. Eine Historie. Von Ulrich Brzosa

Düsseldorf hat die Trinkhalle nicht erfunden. Zwar stieg die Zahl der Büdchen, kaum dass das erste stand, sprunghaft an, und sie waren schon nach kurzer Zeit aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Aber ein Spätzünder in Sachen Kaufen-und-Gehen war Düsseldorf trotzdem, hatte gewissermaßen die ganze erste Periode deutscher Trinkhallenkultur verschlafen.

Die hatte ihren Ursprung in den Kurorten: Im Lauf des 17. Jahrhunderts kamen die Badekuren allmählich aus der Mode, jetzt waren Trinkkuren in, und an den Heilwasserquellen des Landes richtete man wettergeschützte Räumlichkeiten für die Kurgäste ein. Von Büdchen konnte da freilich noch keine Rede sein, die Kurgäste gehörten in der Regel dem Adel oder wenigstens dem Großbürgertum an, und entsprechend prunk- und prachtvoll waren auch die Trinkhallen ausgestattet - man denke an baukünstlerische Kleinode wie die Brunnen- und Wandelhallen in Aachen, Baden-Baden oder Ischgl.

Gute 150 Jahre später wurde das Geschäft auch abseits der Heilbäder entdeckt: Trinkhallen wurden in Parks und Landschaftsgärten größerer Städte errichtet, statt frischem Quell- verkaufte man namhaftes Mineralwasser. Spaziergänger trafen sich auf ein Selters oder Heppinger fortan an schlichten Holzpavillons in den Parks.

Ein Konzept, das für Düsseldorf mit seinem Hofgarten und seinem lustwandelfreudigen Publikum (auch schon im Biedermeier) wie gemacht scheint. Aber was in den Nachbarstädten boomte, blieb in Düsseldorf ein offener, wenn auch viel geäußerter Wunsch, wie ein Leserbrief im "Düsseldorfer Journal" vom 4. Juni 1852 belegt: "Wenn man die vielen Personen sieht, welche jetzt jeden Morgen in den Spaziergängen um die Stadt herum in Folge der ihnen vorgeschriebenen Curen lustwandeln und die Klagen derselben hört, daß es an einem Orte fehlt, wo sie mit Bequemlichkeit und von Zeit zu Zeit nach der Vorschrift des Arztes vorgenannte Mineralwasser trinken können, so wird man den angesprochenen Wunsch gewiß so ganz recht an der Zeit finden. Wir machen darauf aufmerksam, daß diese Angelegenheit schon in den Jahren 1846 und 47 in diesem Blatte mehrfach besprochen wurde, durch die späteren Ereignisse des Jahres 1848 aber in den Hintergrund getreten ist. Es wurde damals auf das Hofgartenhaus als der geeignete Punkt zur Einrichtung einer Trinkhalle hingewiesen - wir erlauben uns auch jetzt dieses Gebäude ... in Erinnerung zu rufen".

Doch der Stadtrat blieb in Sachen "Brunnen-Anstalt für Mineralwassercuren im hiesigen Hofgarten" völlig ungerührt. Im Gegenteil: Als Dr. C. L. Weitze, der eine "Fabrik für künstliches Mineralwasser" betrieb, die Errichtung einer "Trinkhalle von Mineralwasser zur Erfrischung, namentlich der ärmeren Klassen, zu billigen Preisen (6 Pf. für ein Glas Selters- oder Sodawasser)" auf einem öffentlichen Platz beantragte, lehnte der Stadtrat das in seiner Sitzung am 12. Juni 1860 rundweg ab. Die Begründung kam von "Justizrath Jacob Friderichs", der in Düsseldorf genügend Gelegenheiten zur Erfrischung fand und konstatierte, "daß kein Bedürfnis für solche Trinkhallen vorhanden" seien.

Der Justizrat dürfte sich gewundert haben, als noch im selben Jahr eine Aktennotiz auf seinem Schreibtisch landete: "Herr Dr. Weitze hat nun doch, indeß privatim, drei solcher Trinkhallen eingerichtet und erfreut sich recht starken Zuspruchs." Und das, obwohl der 1860er Sommer nicht einmal ein besonders heißer war.

Wo Weitzes private Trinkhallen standen und ob sie die ersten sogenannten Seltersbuden in der Stadt waren, ist nicht mehr aufzuklären. Wohl aber, dass der Stadtrat den Siegeszug der Bude nicht mehr stoppen konnte: 1875 stand auf öffentlichen Plätzen bereits ein halbes Dutzend Trinkhallen, weitere 20 Jahre später waren es immerhin schon 26 - und von 1985 bis 1911 versechsfachte sich die Zahl auf 163. Die Stadt, die angeblich kein Bedürfnis danach hatte, verfügte damit über weit mehr Trinkhallen als Berlin mit 54. Nur München hatte damals mit 192 mehr Büdchen zu bieten als Düsseldorf.

Bis zum Ersten Weltkrieg hatten die Trinkhallen oftmals die Form eines Kiosks. Solche nach mehreren Seiten geöffneten, vieleckigen Pavillons hatte man bis dahin nur in islamischen Palastgärten gefunden. Doch 1894 stellte der Brockhaus fest, dass unter dem Begriff nunmehr "aus Holz errichtete Bauten in den Straßen der Großstädte, die zum Verkauf von Zeitungen, Erfrischungen, Cigarren und dergl. dienen" zu verstehen seien.

Auch in Düsseldorf hatte sich um 1900 das Sortiment bedeutend erweitert: Neben Mineralwasser boten die Trinkhallen Limonaden, Tee, Kaffee und Milch und dazu Kautabak, Zigaretten und Zigarren. Alkohol allerdings war tabu. Der Stadtrat - der inzwischen die Aufstellung von Trinkhallen allerorten ausdrücklich förderte - witterte darin nämlich eine Chance, die "Trunksucht" zu bekämpfen.

Die war vor allem in der Düsseldorfer Arbeiterschaft weit verbreitet, was sich im Zuge der rasch fortschreitenden technischen Entwicklung zum ernsthaften Problem an den Fabrikmaschinen auswuchs. Es war also im Interesse der Arbeitssicherheit, dass die Stadt, aber auch große Unternehmen wie die "Düsseldorfer Röhrenindustrie AG" an den Zufahrtsstraßen oder vor den Werkstoren bereitwillig Grundstücke für Trinkhallen zur Verfügung stellten.

Ende der 1920er Jahre standen die gewissermaßen fast überall in der Stadt: Vor den Bahnhöfen, an zentralen und repräsentativen Plätzen, in den Stadtteilen und Wohnquartieren und eben vor den Fabriken. Der Baustil hatte sich verändert: schlicht und zweckmäßig, flaches Dach und große Fensterflächen - da war dann Platz für Werbung. Änderungen gab es auch im Angebot: Neben dem Ausschank alkoholfreier Getränke nahm der Verkauf von kleinen Imbiss-Gerichten Süßigkeiten und Zeitungen mehr und mehr zu, die Trinkhallen wurden zu Kleingeschäften. In jener Zeit entstand in Düsseldorf wohl die Bezeichnung "Büdchen" für die meist mit wenig Aufwand aufgestellten Verkaufsbuden, in denen ein breites Sortiment gute Umsätze und damit Gewinn garantierte.

Geringer Kapitaleinsatz für sichere Existenz - das war denn auch der Grund, warum besonders nach den beiden Weltkriegen die Zahl der Büdchen wuchs: Für viele Kriegsversehrte und Soldatenwitwen waren die Konzessionen der erste Schritt zum Neuanfang.

Das Wirtschaftswunder brachte in den 1950ern noch mehr Trinkhallen in die Stadt. Und sie wurden schöner: freistehend, mit weit geschwungenem Vordach wie auf dem Gertrudisplatz in Eller. Getränke, Süßigkeiten, Tabakwaren und Presseerzeugnisse dominierten das Verkaufssortiment. Erst, als die Supermärkte in den 1970ern die inhabergeführten Lebensmittelgeschäfte mehr und mehr vom Markt drängten, erweiterten die Büdchen ihre Sortimente auf fast alle Dinge des täglichen Bedarfs und wurden mehr und mehr zum Teil der örtlichen Nahversorgung.

Wie viele Büdchen Düsseldorf heute aufzuweisen hat, ist schwer zu sagen, weil es keine verbindliche Klassifizierung gibt. Gefühlt dürften es mehr als 500 sein, trotz der Konkurrenz von Tankstellenshops und Supermärkten mit Öffnungszeiten bis Mitternacht. Sie werden vielfach von Zuwandererfamilien betrieben und haben selbst nicht selten rund um die Uhr geöffnet.

Büdchen, an denen der Kunde durchs Schiebefenster die "gemischte Tüte" bekam, gibt es kaum noch, die meisten Trinkhallen sind heutzutage in begehbaren Ladenlokalen eingerichtet. Die größeren Flächen tun ihrem Charme dabei keinen Abbruch - denn was Gestaltung und Präsentation angeht, wirken die Düsseldorfer Büdchen heute wie damals vor allem herrlich improvisiert und liebevoll chaotisch.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Büdchen-Hauptstadt mit Verspätung


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.