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Düsseldorf
Der Bewahrer

Düsseldorf: Der Bewahrer
FOTO: Bretz, Andreas
Düsseldorf. Jeder braucht ein Hobby. Jens Schacht aus Düsseldorf sammelt Dinge. Verschiedene Dinge - Kameras, Tüten, Spielfiguren. Aber er sieht sich nicht als Sammler - eher als Bewahrer.

Jens Schacht (54) wohnt in einem unscheinbaren Altbau unweit der Innenstadt. An der Wohnungstür wartet seine Tochter: Caitlin, eine zart gebaute 12-Jährige mit langen, braunen Haaren. Ihr Vater steht in der Diele und ist bereits mittendrin im Thema. Detailverliebt erläutert er dem RP-Fotografen einen ganz zentralen Teil seiner Sammlung: die Kameras.

Mehrere Dutzend davon sind in zwei Regalen in der Diele fein säuberlich aufgereiht. Geordnet sind sie nach Herstellern. Agfa zu Agfa, Nikon zu Nikon. Sogar eine Leica ist dabei. Und ein Objektiv, das auf den ersten Blick wie eine Kalaschnikow aussieht. "Ein Novoflex-Schnellschussobjektiv", erklärt Schacht. "Die wurden früher von Sport- und Tierfotografen benutzt." Er weiß das so genau, weil er vom Fach ist. Schacht arbeitet als Werbefotograf.

Mit dem Sammeln hat er früh begonnen. Und klassisch. Mit Briefmarken. Da war er vielleicht zwölf. Er betrieb sein Hobby bereits mit großer Ernsthaftigkeit und Perfektion. Einige Jahre später verlagerte sich sein Interesse auf Plastiktüten. Als der Sportartikelhersteller Adidas, für den Schacht ohnehin ein Faible hatte, erstmals Produktfotos auf die Tüten drucken ließ, war die Liebe entflammt. Heute besitzt er ungefähr 650 Stück, ganz genau weiß er es nicht. Die Tüten, die ausschließlich aus den 1970er und 80er Jahren stammen, lagern ungefaltet in einer Kiste. Teile der Kollektion waren vor einigen Monaten im Gerresheimer Kulturbahnhof ausgestellt.

Dieser Teil der Sammlung ist abgeschlossen. Alle anderen erfahren ständig Erweiterung. Was genau sammelt er denn jetzt eigentlich alles? "Die Sachen müssen mir zunächst einmal vom Design her gefallen. Und sie müssen hochwertig sein", erklärt Schacht. Man könne vieles auf den gemeinsamen Nenner "Industriedesign" bringen. Er selber sieht sich weniger als Sammler, "mehr als Bewahrer und Erhalter". Es widerstrebe ihm einfach, dass hochwertige Dinge auf dem Müll landen. Das habe auch etwas mit Umweltbewusstsein zu tun.

Das Gros der Sammlung stammt aus den 1960er und 70er Jahren und damit aus einer Zeit, in der noch für die Ewigkeit produziert wurde und nicht für zwei, drei Jahre. Das Erinnern, meint Schacht, ist ein ganz zentraler Bestandteil des Sammelns: "Letztendlich geht es häufig um Kindheit und Jugend." Ausnahme: die Braun-Geräte. Zu denen fand er erst als Erwachsener. Doch dazu später.

Schacht wurde 1962 in Kiel geboren. Im Alter von zehn Jahren kam er mit Eltern und Schwester nach Düsseldorf. Die Schachts bewohnten ein Einfamilienhaus am Stadtrand. Der Keller bot viel Platz. Fast alles, was Jens als Kind lieb und teuer war, existiert heute immer noch. Auf einem rund 60 Quadratmeter großen Dachboden, den er als zusätzlichen Stauraum angemietet hat, lagert der Großteil seiner Sammlung.

Aber auch in seiner Wohnung findet sich das eine oder andere Erinnerungsstück. Die Siku-Spielzeugautos beispielsweise, mit denen einst ihr Vater spielte, fahren heute durch Caitlins Kinderzimmer. Dessen Regale bergen zudem Blech- und Holzspielzeuge der Firma Steiff, die ältesten davon aus den 1950er Jahren.

Oder die Salamander-Figuren Lurchi, Igelmann, Mäusepiep und Co. An der Wand gegenüber wächst Caitlins Sammlung in die Breite. Sie hat sich auf Lustige Taschenbücher spezialisiert. Und auch sie ist wie der Vater bereits eine Schnäppchenjägerin. Die Comics werden überwiegend auf dem Flohmarkt gekauft.

Der vielleicht beeindruckendste Teil der Schachtschen Sammlung stammt von der Firma Braun. Der Hersteller, den man heutzutage in erster Linie mit Küchengeräten und Rasierern in Verbindung bringt, hat früher so ziemlich alles hergestellt, was man in eine Steckdose stecken kann. Radios, Tonbandmaschinen, Lautsprecherboxen, aber auch Espressomaschinen. Der Klassiker SK4, im Volksmund "Schneewittchensarg" genannt, ein Plattenspieler mit integriertem Radio und Verstärker, ist ebenfalls Bestandteil der Sammlung. Für die Optik sämtlicher Gerätschaften zeichnete der Designer Dieter Rams verantwortlich. Von Haus aus Architekt, arbeitete Rams von 1961 bis 1995 für Braun als Leiter der Formgebung. Sein Motto hatte er vom Bauhaus entliehen: Form folgt Funktion. Obwohl die Gerätschaften viele Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sehen sie oft aus wie neu.

Schacht nimmt die Sachen, nachdem er sie auf Flohmärkten, über Annoncen oder Ebay erworben hat, komplett auseinander: "Dann kommen sie in die Badewanne und werde mit lauwarmem Spülwasser gesäubert." Anfangs, als er noch unerfahren war, hat er mal Sidolin verwendet. Daraufhin verschwand die Beschriftung auf den Geräten. "Den Fehler habe ich nur einmal gemacht", lacht er.

Schachts Begeisterung für schöne Dinge kennt keine Grenzen. Allein der Platz in der Wohnung und auf dem Dachboden ist begrenzt. In der Vergangenheit musste er aufgrund eines Umzugs schon mal Teile aus seiner Sammlung abgeben. "Die habe ich mir mittlerweile aber wieder neu gekauft", fügt er gleich an.

Träumt der Sammler eigentlich manchmal von einer leeren Wohnung? Schacht schüttelt den Kopf. Nein. Er sehne sich nach einem großen Haus. Einem mit einem eigenen Raum für die Kameras. Einem für die Braun-Geräte. Einem für die Wega-Fernseher. Einem für die Steiff-Spielzeuge. Und irgendwo dazwischen einem kleinen Plätzchen für sich selbst.

Alexandra Wehrmann

Quelle: RP
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