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Düsseldorf
Der ganz große Einschnitt

Die Wehrhahnlinie in 180 Sekunden erklärt
Düsseldorf. Die Eröffnung der Wehrhahn-Linie bedeutet das Ende von acht Jahren Bauzeit und schnellere Züge durch die Innenstadt, aber auch neue Baustellen und Abschied von Fahrten von liebgewonnenen Strecken. Von Christian Herrendorf und Uwe-Jens Ruhnau

Wenn Oberbürgermeister Thomas Geisel heute die neue U-Bahn freigibt, bedeutet dies eine Zäsur. Das bisher größte Bauprojekt des 21. Jahrhunderts in Düsseldorf ist dann vollendet (Volumen: 846 Millionen Euro), die Menschen werden ab morgen ein komplett neues Nahverkehrsnetz vorfinden. Verbesserungen, Chancen, Gefahren und Abschiedsschmerz sind damit gleichermaßen verbunden.

Was alles besser wird: Nahverkehrsnutzer kommen schneller durch die City, steigen an den schönsten Bahnhöfen der Stadt aus und erhalten mehr Informationen, was sie dort erwartet.

Wehrhahnlinie: Eine letzte Fahrt durch die Altstadt

Zu den größten Problemen der Rheinbahn zählt das im Vergleich mit anderen Städten geringe Durchschnittstempo ihrer Fahrzeuge. An vielen Stellen teilen die Bahnen ihre Fahrspur mit Autos, so dass sie oft im Stau stehen. Für die 3,4 Kilometer lange Strecke von Bilk durch die Innenstadt bis zum Wehrhahn benötigen sie künftig nur noch neun Minuten - das entspricht einem Tempo von etwa 20 km/h und liegt deutlich über dem Durchschnitt.

Wenn die Fahrgäste an einem der sechs neuen Bahnhöfe (Kirchplatz, Graf-Adolf-Platz, Benrather Straße, Heinrich-Heine-Allee, Schadowstraße oder Pempelforter Straße) aussteigen, treffen sie dort nicht mehr auf die rein funktionale Architektur, die sie von den Stationen des bisherigen U-Bahn-Netzes kennen. Jeder Bahnhof trägt die Handschrift eines Künstlers.

Besser: Die neuen Bahnen bringen die Nahverkehrsnutzer in neun Minuten von Bilk zum Wehrhahn. FOTO: Andreas Bretz

In den Silberpfeilen will die Rheinbahn ihre Kunden mit so vielen Informationen wie die europaweit vorbildlichen Nahverkehrsunternehmen in der Schweiz versorgen. Auf den elektronischen Tafeln soll dann zu sehen sein, wie viele Minuten es noch bis zu den nächsten Haltestellen dauert und welche Anschlussmöglichkeiten es wann an der jeweils nächsten Station gibt. Wie die Rheinbahn mit dem heute oftmals kritisierten Unterschied zwischen angegebenen und tatsächlichen Zeiten umgeht, bleibt abzuwarten.

Was alles anders wird: Es ergeben sich neue Gestaltungsmöglichkeiten an der Oberfläche und neue Zentren. Was die Stadt aus dieser Chance macht, ist noch offen. Für die Bürger bedeutet dies: Die Baustellen sind nicht weg, sondern nur woanders.

Vermisst: Ab morgen können Fahrgäste nicht mehr Schaufenster im Schnelldurchlauf gucken. FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Ab Sonntagnacht wird deutlich, wo an der Oberfläche nun keine Bahnen mehr fahren. Am Jan-Wellem-Platz wird das Gleis-Kreuz entfernt, die Gleise auf der Schadowstraße, in Alt-, Carl- und Friedrichstadt folgen. Das eröffnet die Chance, dort für Auto- und Radfahrer sowie Fußgänger bessere Bedingungen zu schaffen, Staus zu reduzieren und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Pläne gibt es bereits, die Umsetzung ist noch in der politischen Diskussion. Die Baustellen verschwinden also nicht so bald aus der Innenstadt, sie werden zum Teil nur an anderer Stelle sein.

Durch die neuen Bus- und Bahn-Verbindungen werden sich auch neue Zentren ergeben. So steigt die Bedeutung des Kirchplatzes für das Nahverkehrsnetz ebenso wie die des Bilker S-Bahnhofs. Dass davon aber auch das Umfeld des Kirchplatzes profitiert oder der Bilker Bahnhof zum Haltepunkt im regionalen Zugverkehr wird, muss erst noch bewerkstelligt werden.

Was wir vermissen werden: Flanieren in rollender Form auf der Schadow- oder Friedrichstraße ist künftig mit der Bahn nicht mehr möglich - ebenso wenig Rheinbahn-Stadtrundfahrten oder angenehme Überraschungen an der Haltestelle.

Bahnfahren bedeutet auch Schaufenstergucken. Wer über Friedrich- oder die Schadowstraße rollt, kann zumindest im Schnelldurchlauf sehen, was die Geschäfte aktuell anbieten, welche Cafés neu eröffnet haben oder wo man doch immer schon mal reingucken wollte. Dafür muss man künftig aussteigen und an die Oberfläche zurückkehren.

Die Stadtrundfahrt für 2,60 Euro auf der Ring-Linie 706 ist ab sofort auch nicht mehr möglich, die 706 pendelt künftig zwischen Hamm und Steinberg. Ähnlich schmerzlich wird für viele der Abschied von der 712. Für die Fahrt heute Abend um 19 Uhr haben sich Fans über Facebook an der Station "Ratingen Mitte" verabredet. Sie werden schon nicht mehr bis Volmerswerth fahren können, wegen der aktuellen Bauarbeiten sind auf einem Teil der Strecke Busse im Einsatz.

Auch die Linien 713 und 719 werden vermisst werden. Sie waren auf stark frequentierten Strecken im Einsatz und bedeuteten für manchen Fahrgast, der gerade seine Bahn verpasst hatte, eine angenehme Überraschung, weil er doch nicht zehn Minuten warten musste.

Was noch kommen könnte: weitere U-Bahn-Strecken?

Ausschließen wollen ein weiteres U-Bahn-Projekt Stadt, Land und die Rheinbahn nicht. Aber wahrscheinlich geht der U-Dax nun in Rente. Schon beim 1. Spatenstich für die Wehrhahn-Linie 2007 sagte der damalige Verkehrsstaatssekretär Günter Kozlowski, ein solches Projekt werde es in NRW nicht mehr geben. Der aktuelle Staatssekretär Michael von der Mühlen hält die "oft überfällige Sanierung der vorhandenen Infrastruktur und die Vernetzung vielfältiger kleinteiligerer Projekte" für angesagt. Geisel argumentiert ähnlich: Die Kosten im U-Bahn-Bau wären sehr hoch und die vielgenutzten Strecken in der City gehörten nun ja zum Stadtbahnnetz. Besser sei es, sich auf Maßnahmen wie die Schaffung eigener Gleiskörper zu konzentrieren. Und: "Wir sollten an den demografischen Faktor denken. Ältere Menschen fahren lieber ober- als unterirdisch."

Quelle: RP
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