| 00.00 Uhr

Heimatreporter
Die Keimzelle der Freiheit

Heimatreporter: Die Keimzelle der Freiheit
Die Gaststätte Waldschänke steht leer. Viele Bewohner der Siedlung hätten das Lokal gern zurück. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. In Vennhausen verteidigt der örtliche Tennisverein die Siedlung und ihre ehemalige Gaststätte. Eine epische Schlacht mit tiefen Ebenen.

In seinem großartigen Buch "Rückkehr nach Reims" schildert der französische Soziologe Didier Eribon, warum gegenwärtig die rechten politischen Kräfte erstarken und die Sozialdemokratie, wie soll man sagen, erschlafft. Das Buch handelt zwar von Frankreich und nicht von Deutschland, aber die Verhältnisse lassen sich übertragen. Einer der Hauptgründe der Entwicklung besteht laut Eribon darin, dass die Genossen ihre Klientel und ihre Themen aus dem Blick verloren und sich den Verlockungen des Geldes, des Neoliberalismus, der Bourgeoisie hingegeben haben. Woraufhin sich die von ihrer Partei verlassene Klientel jemand anders gesucht hat, der sich um sie kümmert, und da bieten sich ja einige an.

Als ich in Vennhausen die Freiheitstraße entlangging, musste ich an das Buch denken. Ich musste auch an einen ehemaligen Freund denken, der einst ein hoher Repräsentant der SPD war. Heute ist er Cheflobbyist von - nein, ich sag's nicht. Ich weiß, er hat es wegen des Geldes getan. Ich habe nichts gegen Geld, damit das klar ist (auch wenn ich manchmal denke, das Geld hat etwas gegen mich). Zugleich denke ich: Die ganze Misere der SPD hat mit der korrumpierenden Wirkung von Geld zu tun, so wie es bei Eribon zu lesen ist. Und die Misere ließe sich nicht nur am Beispiel des Werdegangs meines ehemaligen Freundes erzählen, der vom Chef-Genossen zum Kontostandmaximierer wurde. Sondern auch am Schicksal eines Hauses am Ende der Vennhausener Freiheitstraße, wo der Eller Forst beginnt.

Ich besuchte Vennhausen, weil es dort eine Siedlung mit dem schönen Namen "Freiheit" gibt: ein ehemaliges Arbeiterwohngebiet, erbaut vor 100 Jahren. Besagte Freiheitstraße führt mitten hindurch. Es gibt, unmittelbar am Wald, einen kleinen, hübschen Tennisverein namens TC Freiheit. Außerdem viele Straßen mit Vögeln im Namen, etwa die Amselstraße oder die Sperberstraße. Das klingt fröhlich und freiheitlich. Leider ist es mit der Freiheit so eine Sache geworden. Sie ist mittlerweile ein Synonym für Neoliberalismus und steht für die Freiheit derjenigen, die die Kohle haben und machen können, was sie wollen. Der Ruf der Freiheit hat stark gelitten. Viele Fans hat sie, glaube ich, nicht mehr (außer in Gefängnissen). Grund genug, dachte ich, im Vennhausener Freiheitsviertel zu gucken, wie es um die Freiheit bestellt ist. So viel vorab: Es ist alles noch viel dramatischer, als ich dachte.

Am Ende der Freiheitstraße, am Eingang zum Eller Forst, standen zwei Männer, die gerade ihre Hunde Gassi führten und miteinander plauderten. Wir kamen ins Gespräch. Einer der beiden, so stellte sich heraus, war Vorstandsmitglied des Tennisvereins. Ich deutete auf das leer stehende große Haus neben uns, das von einem Bauzaun umgeben war, und fragte, was es damit auf sich habe. Es war, als hätte ich in ein Wespennest gestochen. Das Haus, erläuterte der Tennisvorstand, sei das allererste gewesen, das in der Siedlung gebaut worden war, praktisch die Keimzelle der Freiheit. Bis vor vier, fünf Jahren befand sich darin die "Waldschänke", ein Lokal "mit einem der schönsten Biergärten von Düsseldorf". Dann wurde amtlich festgestellt, dass die Waldschänke marode sei und saniert gehöre, unter anderem ist wohl der Keller feucht, was historische Gründe haben dürfte, denn die Silbe Venn in Vennhausen bedeutet Sumpf - diese Ecke der Stadt war vor langer Zeit Sumpfgebiet. Weil der Pächter sich zu alt für eine Sanierung fühlte, hörte er auf. Seitdem steht das Haus, das einer Wohnungsbaugenossenschaft gehört, leer und verkommt vor sich hin. In einer Triple-A-Lage am Rande der Freiheit. So viel zum Prolog dieses Dramas.

Der Tennisverein, Nachbar der Ex-Waldschänke, spielt in dem Gerangel um die Keimzelle der Freiheit eine wichtige Rolle. Das erfuhr ich, als ich mit einem anderen Herrn ins Gespräch kam, der ein paar Meter weiter im Trainingsanzug das Laub vom Gehweg kehrte. Es war ein schöner Vormittag, die Luft frisch, der Himmel aufgelockert. Das Viertel strahlte eine wohltuende Friedlichkeit aus. Es ist nicht denkmalgeschützt, gilt aber als erhaltenswert, was eine Stufe unterhalb von Denkmalschutz ist. "Schreiben Sie das alles bloß nicht, das ist halb kriminell hier", sagte der Mann, nachdem er mir das Drama um die Zukunft der Ex-Waldschänke lang und breit auseinandergesetzt hatte. Was ich aber sagen kann, ist Folgendes: Es gibt zwei Parteien. Die eine will das Haus abreißen und an seiner Stelle Luxus-Eigentumswohnungen bauen lassen. Es sei sogar schon die Rede gewesen von einer fünf Meter hohen Mauer, die das Anwesen wohl vor den unanständigen Blicken der Nachbarn schützen sollte. Zu dieser Partei, sagte der Mann, zähle Oberbürgermeister Thomas Geisel, offiziell Mitglied der SPD. Die andere Partei lehne das Luxus-Ghetto ab und hätte gern das Lokal zurück. Zu dieser Partei zählten die Einwohner der Siedlung. Ihr Sammlungsort sei der Tennisverein, dem - ein feines, aus baurechtlicher Sicht nicht irrelevantes Detail - der schmale Weg gehöre, der neben dem Haus am Waldrand zum Tennisverein führt.

"Wir verteidigen die Siedlung", so endete der Mann, der ebenfalls mal im Tennisclub-Vorstand war, wie er sagte. Spätestens jetzt stand für mich fest, dass hier eine Schlacht tobt, die bei Asterix stehen könnte. Die kleine Siedlung am Rande eines ehemals versumpften Stadtteils begehrt gegen Geldgier und Politiksumpf auf. Mit der SPD, wie sie sich gegenwärtig gibt, habe ich abgeschlossen. Außerdem bin ich Mitglied eines Tennisvereins. Auf wessen Seite ich stehe, ist klar. Als Geisel vor vielen Monaten im TC Freiheit auftrat, um das Thema mit den Bürgern zu diskutieren, wurde er von den anwesenden SPD-Mitgliedern gleich geduzt, wie man das halt macht unter echten Genossen, so berichtete der Mann mit dem Rechen. Geisel war von der Genossenschaft offensichtlich not amused. Ich denke, das Aufschlagspiel ging an die Siedlungsbewohner. Ich denke auch, dass den Ghettobauern und Kontostandmaximierern dieser Erde die Bälle um die Ohren gehauen gehören.

Die Schlacht hat noch eine zweite, tiefere Ebene. Sie könnte das sein, was man heutzutage episch nennt. Neben der Freiheit-Siedlung, in der eine Straße nach dem Großkommunisten Friedrich Engels benannt ist, liegt die "Architektensiedlung", erbaut im Dritten Reich. Der Mann im Trainingsanzug stützte sich auf seinen Rechen, streckte wie ein Feldherr den Finger aus und rief grinsend: "Da vorne sind die Nazis. Hier die Kommunisten!" Reckte er anschließend die Genossenfaust in die Höhe? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass das Match um die Keimzelle der Freiheit noch lange nicht beendet ist. Tennis als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Der Kampf geht weiter! Alles andere ist Golf.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Heimatreporter: Die Keimzelle der Freiheit


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.